#Anfang und #Ende: #StephenW.Hawking

Hawkins

Stephen Hawking, Oxford, 1962

Ein Geistesgigant, geboren am 300. Todestag Gallileo Gallileis in Oxford, gelangte in den 1970er-Jahren zu großer Bekanntheit. Hawking zeigte, dass Schwarze Löcher, die Staubsauger des Universums, Materie nicht nur verschlucken, sondern selbst verdampfen. Das Faszinierende daran: Die dabei selbst entstehende Hawking-Strahlung kann es nur bei Anwendung der Quantenmechanik geben, also der Theorie kleinster Teilchen. Schwarze Löcher hingegen werden mit der Allgemeinen Relativitätstheorie erklärt.  – Physiker träumen seit Jahrzehnten davon, beide Theorien zu vereinigen, und eine universale Weltformel zu finden. Das hat Hawking nicht geschafft, aber künftigen Forschergenerationen den Weg bereitet.

Stephen Hawking

Schwarzes Loch

Materie verschwindet im Schwarzen Loch

Die Hawking-Strahlung ließ sich bisher nicht nachweisen. Wohl auch deshalb hat er zu seinem Bedauern nie einen Nobelpreis erhalten. In der theoretischen Physik gilt Hawking als ein renommierter Forscher unter einigen anderen. „Die Entdeckungen, zu denen er beigetragen hat, werden großartige Entdeckungen in der Zukunft ermöglichen“, sagt Ulf Danielsson, Mitglied der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften.

Der am 8. Januar 1942 geborene Hawking wurde 1979 Professor für Mathematik in Cambridge. In den 80er-Jahren entwickelte er die Idee eines grenzenlosen Universums ohne Rand und Anfang. Im Jahre 1988 veröffentlichte er „Eine Kurze Geschichte der Zeit“, ein auch für Laien halbwegs verständlichen Bestseller. Dieser begründete endgültig seinen Weltruhm.

Stephen Hawkin

Erinnerung an S.H.

„Stephen war ein interessanter und wunderbarer Mensch“, sagt der Hannoveraner Physikprofessor Bruce Allen über seinen Doktorvater. „Er war selten schlecht gelaunt. Er war ein starker Mensch, der das Beste aus allem machte und stets das Positive sah.“ Hawkings wissenschaftlicher Nachlass sei legendär, so Allen. „Seine früheren Arbeiten zur Kosmologie sind die Grundlage für unser heutiges detailliertes Verständnis darüber, wie das Universum entstanden ist und sich entwickelt hat.“

 

Jonas Erlenkämper, Mister Universum (Auszug), Stephen Hawking, der Welterklärer und Star der Wissenschaft, stirbt mit 76 Jahren. Von seiner Nervenkrankheit hat er sich nicht unterkriegen lassen, #HamburgerAbendblatt, Donnerstag, 15. März 2018

Erinnerung

Erinnerung an S.H.

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Der #Mann: Ein #Schwein??

Armes Schein

Armer Eber

Gerade nach dem Toilettengang mögen Frauen es besonders gern, sich gründlich an den Händen nass zu machen. Teils verwenden sie dafür Seife, teils reicht ihnen – falls vorhanden – heißes Wasser. Studenten der privaten SRH Hochschule Heidelberg haben männliche und weibliche Klogänger jetzt verdeckt beobachtet, und zwar nach dem Geschäft. Während immerhin 82 Prozent der Frauen ihre Hände gewaschen haben, machte nur jeder zweite Mann davon Gebrauch.

Beim männlichen Geschlecht herrscht offenbar die verbreitete Meinung vor, dass Händewaschen unmännlich und daher eher Frauensache sei. Schließlich machen sich gerade die Konservativen unter ihnen, namentlich im Haushalt, nur relativ selten die Finger schmutzig. Weshalb sie eben keine Saubermänner sind.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung  (BZgA)warnt angesichts dieser Abstinenz vor den Risiken für das ganze Land. Gerade in Erkältungszeiten könnten durch mangelhafte Handhygiene gefährliche Keime übertragen werden. Jetzt wissen wir auch, warum so viele Grippe haben – Schuld daran sind die wasserscheuen Männer.

Da bleibt nur eines: Auch die übrigen 50 Prozent sollten endlich dem Vorbild der Frauen folgen, sich wie diese nach jedem Toilettenbesuch die Hände waschen und bekennen: „Me too.“ Sauber, Männer!

Der Mensch

Ja, ja der Mensch

Edgar S. Hasse, Männer sind Schweine (Auszug), Nur jeder Zweite wäscht sich die Hände nach der Toilette. Die andere Hälfte riskiert mehr als ihren guten Ruf, #HamburgerAbendblatt, Dienstag, 13. März 2018

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Immer wieder diese #Lizenzen – #JamesBond war der „größte“

Ein Vorbild?

Ein Vorbild an Virilität, Eleganz uns Askese

Daniel Craig hat an der Verleihung der britischen BAFTA-Filmpreise teilgenommen, war aber nicht gut in Form. Aufgedunsen und wächsern habe er ausgesehen, hieß es. Dabei wollte der Mime, der heute 50 wird, noch einmal James Bond spielen. Der Agent seiner 91 Jahre alten Majestät ist immer ein Vorbild an Virilität, Eleganz und Askese. Sich verändern wie Craig – das geht nicht, befinden jene, welche die Schattenseiten der Glamourwelt gern übersehen. „Schauspielern ist am besten, wenn man sich über sein Aussehen keine Gedanken machen muss“, hat er gesagt. „Und Bond ist das Gegenteil davon.“ Das hat er übrigens mit vielen Darstellern gemeinsam.

Filme spielen liegt zwar im Reich der Fiktion, das heißt aber lange noch nicht, dass dort alles erlaubt ist. Alfred Hitchcock ließ in „Sabotage“ einen kleinen Jungen im Bus eine Bombe transportieren. Die Sache ging nicht gut aus, das Publikum nahm es ihm übel. Ein Hamburger Autor sollte ein Drehbuch für einen Schimanski-„Tatort“ schreiben und wollte mit einer Sexszene beginnen, vor welcher der Kommissar sich mit Viagra in Form bringen sollte. Der Schauspieler wollte nicht. Ob es dem Publikum gefallen hätte?

Bond-Darsteller finden ihre Rolle oft vereinnahmend. Weder Roger Moore noch Pierce Brosnan konnten in ihrer aktiven Zeit in anderen Filmen reüssieren. Craig nervt das offenbar. Man sollte nachsichtig mit ihm sein. Vielleicht braucht er einfach noch eine Lizenz mehr, auch wenn er davon schon so viele hat. Ihm fehlt offenbar die zum würdevollen Älterwerden. – Da kann wohl nur Q helfen.

007

James Bond

Volker Behrens, Darf James Bond 50 werden?(gekürzt), Daniel Craig hat ein Problem: Eine Lizenz zum Töten ist noch lange keine zum #Älterwerden, #HamburgerAbendblatt, Freitag,  2. März 2018

Grüß mir die „Damen“ aus der Bar von Johnny Miller, besonders Molly mit ihrem roten Haar, die meine erste Liebe war, ja erste Liebe war, die Molly mit ihrem tizianroten Haar, und wird’s in meinem Leben einmal etwas stiller, denk ich gerne an diese alte Zeit zurück, ich träum von Evelin und Katrin, cheerio, cheerio, einen Gin…/Vico Torriani

 

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Was #rhythmischeMusik alles kann. Mit #Urkraft das #Leben verändern

Indischer Tanz

Der Tanz als Ausdrucksform

Seit es Menschen gibt, wird getanzt – für Fruchtbarkeit und gutes Wetter, für Jagdglück und Kriegsglück, für ein langes Leben und aus schierer Lust zur Bewegung.Wie tief verankert der Groove (Musik im richtigen Rhythmus und Tempo)im Menschenhirn? Was ist genetisch, was ist kulturell bedingt? Sechs universelle Rhythmusmuster haben Forscher identifiziert, die Menschen kulturübergreifend zu gefallen scheinen. Man hat erforscht, wie fest diese Muster im Gehirn verdrahtet sind: Dafür sollte eine Gruppe von Menschen komplett a rhythmische Folgen von Trommelschlägen nachklopfen. Überraschenderweise bildeten sich bald erstaunlich klare Rhythmen heraus. Die Teilnehmer verwandelten zufällige Sequenzen in strukturierte Muster. Rhythmusempfinden ist offenbar „tief verwurzelt“ im menschlichen Gehirn. Damit Musik mitreiße, gehöre allerdings noch mehr dazu: Ein Beat muss vorhersehbar sein und dennoch überraschen.

Gute Musiker wissen intuitiv, wie wichtig die Magie des Unregelmäßigen ist. Sie lassen bestimmte Schläge aus, betonen dafür andere stärker. Erst der Akzent auf dem letzten Achtel treibt den Tango voran. Walzer schwingt durch mehr Wumms auf der ersten Zählzeit, Reggae wird lässig, weil zwischen den Grundschlägen betont wird. „Groove“ nennen es die Musiker, wenn ein Rhythmus wirklich jedem in die Glieder fährt. Vor allem Soulnummern animieren Testhörer zum Mitwippen. Das ist kein Zufall: Es ist Musik mit afroamerikanischen Wurzeln, aufgeladen mit starken Emotionen, dazu gedacht, Menschen in Bewegung zu versetzen.

Paartanz

Tanz zu zweit

Einerseits hat der Tanz eine wichtige Funktion bei der Partnerwahl, andererseits hilft er auch bestehende Beziehungen zu festigen. Deutlich wird das beim Paartanz: Sich gemeinsam in einen Rhythmus einzuschwingen schafft innige Nähe, die als Beziehungskitt dienen kann. Tanzende senden Signale der Verbundenheit aus. Ob brasilianische Samba, spanischer Flamenco oder senegalesischer Sabar: Rhythmus und Tanz sind tiefgreifende soziale Erfahrungen. Es entsteht ein „kollektives Aufwallen“, das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Und das gilt für die Schaumparty auf Mallorca genauso wie für traditionelle Tänze.

Auf den Marquesas-Inseln im Südpazifik beispielsweise lebt seit einiger Zeit das „Matava’a“ neu auf, das „Augen auf“-Festival . Bis zu 2000 Tänzerinnen und Tänzer versammeln sich alle zwei Jahre auf einer der Inseln, um die alten Traditionen zu pflegen und in die Moderne zu führen. Dem Spektakel beizuwohnen gilt als zutiefst spirituelle Erfahrung. Zum monotonen Ton der Trommeln tanzen die Einheimischen den „utu“, einen Kriegstanz. Männer mit massigem Körper stampfen mit den Füßen den kraftvollen Rhythmus, in den Händen die ‚U’u, die traditionelle Kriegskeule der Marquesaner. Viele der Tänzer sind tätowiert. Schweiß glänzt auf ihren muskulösen Oberkörpern. Die Frauen sitzen zwischen ihnen und setzen Kontrapunkte zum monotonen Beat. Früher hatten die Tänze rituelle Bedeutung: Bei Trauerfeiern oder Hochzeiten hat der Tanz eine wichtige soziale Funktion gehabt. Heute dagegen geht es eher um Identitätssuche und Wiederbelebung von Traditionen. – „Ein Volk, das nicht mehr tanzt, ist tot“.

Tanzen wirkt wie ein sozialer Klebstoff. Sich gemeinsam im Rhythmus zu bewegen fördert, was Menschen einzigartig macht: in einer Gruppe gemeinsam zu handeln. Allianzen zu schmieden, sich für den Krieg und für die Jagd stählen – all das geht besser im Tanz. Von jeher putschen sich Menschen auf diese Weise gegenseitig auf. So wirkmäßig kann die Kombination aus Bewegung und Musik erlebt werden, dass sich manche Menschen dadurch bis ins Transzendente befördert fühlen. Die Anhänger des muslimischen Mevlevi-Ordens beispielsweise praktizieren bis heute den Wirbeltanz. Ihr Drehen gilt als eine Form des Gebets, die den Tänzer Gott näherbringen und die Menschheit in Liebe umfassen soll.

Auch bei den Ritualen der afrobrasilianischen Candomble-Religion tanzen sich die „filhos de santo“, die Auserwählten, in einen tranceähnlichen Zustand. Die Gläubigen sind davon überzeugt, dass sie ihren eigenen Körper dabei dem Geist einem ihrer Götter zur Verfügung stellen, der erst dadurch mit den Menschen in Kontakt treten kann. Entrückt wirken die Tänzer, wenn sie sich gar dem Rhythmus hingeben. Der Hormonrausch beim Tanzen macht gelassen und glücklich – ein Umstand, den sich auch die Medizin zunutze macht. Bei Parkinsonkranken etwa kann Tanzen die Bewegungsfähigkeit verbessern. Schmerzpatienten schenkt der Tanz Linderung. Auch Traumapatienten, Autisten, Demente und Depressive lassen sich so behandeln. Das alles ist möglich, weil Rhythmus und Tanz auf heilsame Weise Körper und Geist zusammenführen… „Wer mit dieser Urkraft in Verbindung kommt, verändert sein Leben.“

ANMUT

Solche Anmut

Philip Bethge, Göttlicher Groove (Auszug), Der Mensch ist ein Tänzer, Doch warum nur?, Forscher beginnen das rauschhafte Verhalten zu enträtseln, Experimente zeigen: Die rhythmische Bewegung zu Musik verführt und verbindet – und kann sogar Kranken helfen, Anthropologie, #DERSPIEGEL,  7/2018

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Aktives #Lernen oder #Vorlesungen und Zaubersprüche?

In der Schule

Schüler beim Lernen

Mit einer ungewöhnlichen Methode bringt Lernrevolutionär Wieman heute zwölf Studenten aus Fachbereichen wie Geologie, Mathematik und Medizin bei, wie sie Studenten später besser unterrichten können. Mit dem richtigen Unterricht kann jeder in jedem Fach riesige Fortschritte machen. „Aktives Lernen“ heißt diese Methode heute: Studenten machen lassen, korrigieren, weitermachen lassen, wieder korrigieren, eine Art Autodidaktentum, aber unter Anleitung eines Mentors.

In der Tat zeigen aktuelle Studien, dass (fast) jeder (fast) alles lernen kann. Wichtig bei der Methode des aktiven Lernens ist der richtige Umgang mit Fehlern oder falschen Vorstellungen. Wieman liebt Irrtümer. Er ist überzeugt, dass Fehler wertvoll sind – je abwegiger, desto besser. Denn er sieht Fehler nicht als Niederlage, sondern als Chance, daran zu wachsen. Bei ihm im Seminar muss jeder Student ständig für sich allein neue Aufgaben bearbeiten. Die Lösungen werden dann gemeinsam im Kreis  mit allen anderen Studenten diskutiert – angeleitet von Wieman, der als oberster Fehlersucher und Korrektor fungiert. Selbst Unsinn feiert er noch als Erfolg. Bei ihm wird der Fehlerteufel zum Fehlerengel. Wieman schwänzte die Vorlesungen in Optik oder Atomphysik oft. Lieber bildete er sich im Labor fort, durch Ausprobieren und Scheitern und Weitermachen… Mit dieser zupackenden Lerntechnik schaffte er es bis in den Olymp seines Fachs. Nach der Nobelpreisehrung stellte er seine Physikkarriere zurück und widmete sich fortan seinem Lebensthema: Lernen lernen.

Lernen damals

Früher mussten nur Jungen zur Schule

Das Mitschreiben per Hand stört beim aktiven Mitdenken, das Mitschreiben am Notebook aber ist noch störender. Gut dagegen schneiden spielerische Techniken ab, etwa interaktive Abstimmung („Clicker“ genannt), bei denen die Studenten einfache Ja-Nein-Fragen beantworten müssen, wie man es von Quizshows kennt. Die häufige Rückmeldung von Studenten erlaubt den Lehrenden, den Lernfortschritt besser einzuschätzen. Am besten aber, so zeigte sich, sind die Ergebnisse beim aktiven Lernen. Die von Wieman propagierte Methode hat inzwischen auch deutsche Universitäten erreicht. Leider ist Deutschland in Bildungsfragen eher konservativ. Fehler gelten eher als Tabu und Makel, nicht als Anreiz zum Bessermachen. Grob geschätzt wird das aktive Lernen in Deutschland aber bereits in einem von hundert Seminaren eingesetzt.

Zu der Überraschung von #Wieman kam der größte Widerstand gegen das aktive Lernen ausgerechnet von den Meistern der Zahlen: Mathematiker waren oft am zögerlichsten, auf Vorlesungen zu verzichten.

Hilmar Schmundt, Der Fehlerengel (Auszug), So wird jeder zum Genie: Der amerikanische Physiknobelpreisträger Carl Wieman feiert große Erfolge mit seiner Ausbildungsmethode, die auf „aktives Lernen“ setzt, Pädagogik, #DERSPIEGEL  7/2018

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#Rezensionen. Die #Rätsel der #Evolution. Die #Anolis-Echsen

Eidechse auf einem Sandweg

Zauneidechse huscht meist unter einen Stein

Wenn wir die Evolution noch einmal ablaufen ließen, wie sähe die Krone der Schöpfung beim nächsten Mal aus? Wäre es wieder ein Primat, der höhere Intelligenz entwickelt? Würden überhaupt irgendwann intelligente Wesen entstehen. Und falls doch, dann müsste es nicht unbedingt ein Primat sein. Vielleicht wäre  es ein Vogel oder sogar ein Oktopus. Es macht Spaß, sich Gedanken darüber zu machen. Und außerdem verrät es etwas über das Wesen der Evolution. In seinem Buch* befasst sich Professor Jonathan Losos  mit der Frage, ob die Evolution unberechenbar und vom Zufall bestimmt ist oder ob sie vorhersagbaren Wegen folgt.

Von den Anolis-Echsen gibt es rund 400 Arten, weit mehr als von jeder anderen Art von Reptilien. Wir wissen nicht, warum diese Echsen so viele Arten hervorgebracht haben. Aber es könnte etwas mit dem farbigen Kehllappen zu tun haben, den sie bei der Balz aufstellen. Daran können sie ihre Artgenossen von Mitgliedern verwandter Spezies unterscheiden. Das dürfte die Artenbildung beschleunigen. Eine weitere Besonderheit der Anolis-Echsen ist bedeutsam: Es scheint, als verlaufe die Evolution dieser Echsen alles andere als zufällig. Anolis-Echsen(gehören eher zu den Ausnahmen als das Schnabeltier mit Entenschnabel, Biberschwanz, Giftstachel und Elektrosinn) leben auf allen großen Karibikinseln: auf Kuba, Hispaniola, Puerto Rico und Jamaika. Auf jeder dieser Inseln findet man mehrere Arten. Und diese Arten sehen einander so ähnlich, dass man sie nicht auseinander halten kann. Trotzdem sind sie keineswegs gleich, sie sind nicht einmal eng verwandt. Sie haben sich völlig unabhängig voneinander an dieselbe Nische angepasst. Ein Phänomen, das man in der Biologie Konvergenz nennt.

Man kann sogar mit der Evolution experimentieren: Lange Zeit hat sich da keiner herangetraut, weil alle dachten, dass es viel zu lange dauere, bis man Ergebnisse kriege. Charles Darwin hatte erklärt, dass die Evolution sehr, sehr lange langsam verlaufe, und mehr als ein Jahrhundert sind ihm die Leute gefolgt. Zweifel kamen erst auf, als man merkte, wie schnell sich Resistenzen gegen Antibiotika oder gegen Pestizide verbreiten. Anfang der achtziger Jahre wurden dann die ersten Freilandexperimente mit Guppis(lebend gebärender Zahnkarpfen) durchgeführt. Und siehe da: Sie veränderten sich binnen weniger Jahre. Auch wollte man herausfinden, ob Echsen, die sich auf dünnen Ästen bewegen, kürzere Beine bekommen. Dazu wurden Anolis-Echsen auf kleinen Inseln ausgesetzt. Dort gab es nur Gestrüpp mit kleinen Ästen. Nachdem sich die Echsen eine Weile fortgepflanzt hatten, waren ihre Beine tatsächlich im Schnitt kürzer geworden. Diese Evolution folgt also vorhersehbaren Wegen!

Allerdings ist der Zufall experimentell schwer zu greifen. Eindrucksvolle Befunde hat Richard Lenski mit seinen bahnbrechenden Langzeitexperimenten mit E.coli-Bakterien  erbracht. Er setzte zwölf genetisch identische Zellen selektivem Druck aus, und eine davon verwandelte sich in eine neue Spezies. Das ist schon sehr ungewöhnlich. In dieser einen Bakterienpopulation ist tatsächlich eine der großen evolutionären Glücksfälle gelungen.

Kann Forschung die Gesetze der Evolution ergründen? Kann sie uns helfen, unsere Zukunftspläne zu bewältigen? Als Professor Losos für sein Buch* recherchierte hatte er erwartet eine Fülle von Beispielen zu finden, wo evolutionäre Vorhersagen von praktischem Nutzen sind, etwa wenn es um Antibiotikaresistenzen und oder die Entwicklung neuer Medikamente geht. In Wirklichkeit gibt es aber bisher nur wenig Beispiele.

Die Erkenntnis, dass die Evolution schneller verläuft, gibt Anlass zur Hoffnung, Pflanzen und Tiere können sich offenbar besser an eine veränderte Umwelt  anpassen als befürchtet. Allerdings ist die Veränderung groß und vielfältig. Es geht nicht nur um die globale Erwärmung, sondern auch um die Zersplitterung der Lebensräume, die Versauerung der Meere, die Verbreitung invasiver(einfallender) Arten.

Wir Menschen werden uns nicht anpassen im Sinne der evolutionären Anpassung. Die Triebfeder dafür ist die natürliche Auslese, also die Überlebenstüchtigkeit, und die spielt für uns Menschen, zumindest in den Industrieländern, kaum mehr eine Rolle.

*Jonathan Losos: „Improbable Destinies – Fate, Chance, and Future of Evolution“, Riverhead Books, 384 Seiten. – Die deutsche Ausgabe erscheint voraussichtlich am 12. März 2018

Johann Grolle, „Von einem anderen Stern“(Auszug), Musste der Mensch sich auf Erden entwickeln? Und wie konnte eine Kuriosität wie das Schnabeltier entstehen? Der Biologe Jonathan Losos, 56, über große Fragen der Evolution, #DERSPIEGEL, SPIEGEL-Gespräch, 50/2017

 

 

 

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#Kunden sparen für die #Altersvorsorge und bekommen Probleme

Geldanlagen und Abzocke

Eine Parkbank gewährt auch keine Zinsen

Das Rentnerehepaar trug alles Geld, das es verdiente zum Institut ihres Vertrauens. Zeitweise lief sogar das Alarmsystem der Bank über das Haus der Familie. Nie hätten die Rentner gedacht, dass sie genau in dieser Filiale ein Vermögen verlieren würden. Erhebliche Teile der Ersparnisse des Ehepaares sind weg, verzockt in einer Reihe dubioser Aktiengeschäfte, für die niemand mehr verantwortlich sein will – und womöglich auch niemand zur Verantwortung gezogen werden kann.

In ihrem Haus kann das Ehepaar nur wohnen, weil es dem Schwiegersohn gehört – und der, seit er um die Misere weiß, keine Miete mehr verlangt. Dem Rentner, der sein halbes Leben lang sein eigener Chef war im eigenen Laden, ist das sichtlich unangenehm. Dass ihre gesetzliche Rente bescheiden ausfallen würde, war dem 74-Jährigen und seiner Frau immer klar: 1.600 Euro hat das Paar zusammen im Monat, fast die Hälfte geht für die private Krankenkasse und Medikamente drauf. Deshalb legten sie früh Geld beiseite und verkauften 2010 schließlich das Haus, in dem sich früher ihre Metzgerei und ihre Wohnung befanden. Bei der Frage, was mit dem Geld anzufangen sei, wandten sie sich  – wie immer  – im Juli 2010 an ihre Filiale der Sparkasse Pforzheim.

Ihre Vorhaben seien klar gewesen: Sie wollten eine Anlage, die möglichst genug abwerfen sollte, um ihre Krankenkassenkosten zu bezahlen. Der Sparkassenberater empfahl, ein bereits vorhandenes Aktiendepot gründlich aufzustocken, dieses lief auf den Namen der Rentnerin. Die Rentnerin sagt, sie habe ihr Protokoll ungelesen unterschrieben. Schließlich waren die Eheleute Stammkunden. – Diese Gutgläubigkeit war ein Fehler. In dem Dokument werden der Rentnerin umfassende Kenntnisse über inländische Euroanleihen, Aktien deutscher und ausländischer Emittenten sowie Geldmarkt- und Immobilienfonds bescheinigt. Dabei habe sie in ihrem Leben nicht eine einzige Aktie gezeichnet, sagt die Seniorin – die Bankangelegenheiten habe immer ihr Mann erledigt. Der Senior schaute regelmäßig n-tv und verließ sich sonst, vor allem bei größeren Summen, auf ihren Bankberater, wie er beteuert.

Die Abrechnungsbelege des Ehepaares zeigen, dass in der Zeit ihres Urlaubs ohne dokumentierten Grund zwei große Pakete mit Porsche- und Daimler-Aktien verkauft worden waren, mit einem Verlust von rund 10.000 Euro. Am 11. August, also nach der Rückkehr des Ehepaares aus dem Urlaub geht es im Depot der Rentnerin hoch her: Um 9.44 Uhr werden 476 Aktien von HeidelbergCement gekauft, der Kurs liegt bei 31, 965 Euro. Um 13.48 wird eben dieses Aktienpaket wieder abgestoßen, weil bei 30 Euro Aktienkurs ein Verlustlimit gesetzt wurde. Am Abend werden dann erneut Aktien von HeidelbergCement erworben – diesmal zum Preis von über 32 Euro pro Stück. Der Verlust allein durch dieses Hin und Her beträgt 1.070 Euro. Ähnlich läuft es bei etlichen anderen Papieren. Insgesamt werden in dem Depot an diesem einen Tag Aktien im Wert von fast 436.000 Euro gehandelt und dabei über 30.000 Euro vernichtet. Im Jahr 2011 summierte sich der Verlust in ihrem Depot durch den wilden Aktienhandel auf rund 100.000 Euro – etwa 40 Prozent des Gesamtwertes. Die Sparkasse berechnete für die zahlreichen Transaktionen in dieser Zeit aber rund 11.000 Euro an Provisionen.

Die Sparkasse dementiert die Darstellung des Rentnerehepaares. „Der seitens der Kunden geschilderte Sachverhalt ist unzutreffend“, heißt es auf Anfrage. „Die fraglichen Transaktionen“ seien „ausschließlich im Auftrag der Kunden“ erfolgt: „Eine Beratung hierzu erfolgte nicht und war kundenseitig auch gar nicht gewünscht.“ In einem Gerichtsprozess wäre es nun Sache des  Rentnerehepaares das Gegenteil zu beweisen.  Es kann aber lediglich zig Verkaufs- und Kaufbelege vorweisen sowie seine Erinnerung – und das Beratungsprotokoll von der Erstberatung, das die Sparkasse eher ent- als belastet, wie so oft in solchen Fällen.

Juristen erklärten dem Paar bereits, eine Klage sei zu riskant, vor allem weil die Sache womöglich verjährt sei. Denn aus Scham verschwiegen die Senioren ihre Geldprobleme jahrelang. Sie blieben dem Schwiegersohn das Geld für das vereinbarte Wohnrecht schuldig, erfanden dafür Ausreden und zahlten stattdessen Miete für ihr neues Heim. Ihre Ersparnisse schrumpften weiter. Erst als absehbar war, dass ihr Geld nicht mehr allzu lange reichen würde, stoppte der Senior sämtliche Handelsgeschäfte auf dem Depot seiner Frau und vertraute sich seiner Tochter an.

Anne Seith, Beraten und verkauft(Auszug), Geldanlage, Eine Sparkasse hat die Altersvorsorge eines Paares verzockt, das über Jahrzehnte hinweg ihr Kunde war – sieht sich aber nicht in der Verantwortung, #DERSPIEGEL,  47/2017

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#Keilschrifttexte führen zu neuen Erkenntnissen über #Voodoo

Voodoo-Pilger

Fest der Voodoo-Pilger auf Haiti

Als Feldherr war König Asarhaddon gefürchtet, der große Assyrerkönig schien allerdings ziemlich wehleidig gewesen zu sein. – An der Freien Universität Berlin wird an einem wissenschaftlichen Großprojekt gearbeitet, das die Heilkunde im antiken Orient beleuchten soll. Hier werden dazu mehr als tausend in Ton geritzte Keilschriften ausgewertet. Lange Listen von Heilkräutern und Rezepten zählen ebenso dazu wie Beschwörungsformeln gegen Schlangenbisse, epileptische Anfälle, Abszesse oder Ohrvereiterung. Welche Art von Medizin betrieben diese Hofärzte? Bisher hatte die Heilkunst der Babylonier unter Altertumskundlern einen schlechten Ruf. Der Lehrmeinung zufolge stand bei ihnen alles im Bann der Götter, ihre Sprüche und Rituale wurden als bloßer Hokuspokus abgetan. Vernunft und wissenschaftliches Denken gelten gemeinhin erst als eine Errungenschaft der Griechen. Die Götter haben in den Vorstellungen der Babylonier eine beherrschende Rolle gespielt. Doch dies hinderte sie nicht daran, systematisch zu denken.

Ihre bedeutendsten Entdeckungen danken die Berliner Forscher einem Katalog therapeutisch-medizinischer Werke aus der Stadt Assur. Sie rekonstruierten ihn aus Fragmenten einer Tontafel in der babylonischen Sammlung der Universität Yale: „Wenn ein Mann von einem Löwen angefallen wird…“, „wenn er von einem Dolch verwundet wird…“, „wenn er von einem Streitwagen fällt…“ – alle Widrigkeiten, die das Leben im alten Babylon mit sich bringen konnte, sind hier aufgelistet. Systematisch von Kopf bis Fuß werden mögliche Therapien abgehandelt.  Psychische Leiden, Hautkrankheiten und Gynäkologie sind gesondert aufgeführt. Unklar allerdings ist, wie erfolgreich die Ärzte Babylons mit all ihrem Wissen heilen konnten. Zumindest einige ihrer Maßnahmen muten durchaus rational an. Dass fiebrige Erkrankungen die Gefahr von Ansteckung bergen, scheint ihnen zum Beispiel klar gewesen zu sein. So gab ein Arzt „strikte Anweisung“, dass niemand von der Tasse einer erkrankten Patientin trinken dürfe.  „Niemand darf sitzen, wo sie gesessen hat, und niemand liegen, wo sie gelegen hat“.

Überirdische Mächte und rational begründete Pharmazie standen in der Welt der Babylonier offenbar nicht im Widerspruch zueinander. Einträchtig arbeiteten Exorzisten und Ärzte miteinander, beide fühlten sich dem Wohl der Kranken verpflichtet. Die Exorzisten hatten den Status von Priestern. In Kostüme gewandet, entfalteten sie im Rauch und mit Trommeln Heilzauber am Krankenbett. Vor  allem aber beschworen sie mit wortgewaltigen Formeln den Beistand der Götter. Freizügig vermischten sie dabei Alltags-Akkadisch mit unverständlichem Abrakadabra. Zwar rührten diese Heiler neben all dem magischen Zinnober auch pharmazeutische Tinkturen und Heiltränke zusammen. Überwiegend jedoch war die Pharmaproduktion das Terrain der Ärzte. Diese gingen unabhängig vom Tempel, einem weltlichen Beruf nach. Oft ließen sie sich fürstlich für ihre Therapien bezahlen und waren hoch geachtete Bürger.

Was bei alledem fehlt, sind die Patienten. Sie kommen in den Abertausenden Tontafeldokumenten nur selten zu Wort. Doch immerhin: Eine vor dem Bürgerkrieg in Syrien entdeckte Stelle füllt diese Lücke. Auf ihr klagt Adad-bel-ardi, ein örtlicher Fürst, sein Leid: Schon als Kind sei sein Körper mit wunden Stellen übersät gewesen. Er sah nur verschwommen, seine Hände schmerzten. „Selbst der Schlaf gewährte meinen Füßen keine Ruhe“, jammerte er weiter. „Ich hörte auf zu essen, ich glich einem Toten“. Der „stechende Schmerz“ und die „Attacken der Schläfen“, die ihn plagten, könnten als Migräneanfälle gedeutet werden. Kurzum: Adad-bel-ardi war ein schwerer Fall. Heiler und Ärzte waren gleichermaßen überfordert. Der leidende Fürst wies ihre Dienste zurück und wandte sich flehend direkt an die Götter.

Bild auf einem altertümlichen Gefäss

Arzt und Patient ca. 480 bis 470 v. Chr.

Johann Grolle, Voodoo am Krankenbett(Auszug), Archäologie, Wie fortschrittlich war die Heilkunst der Babylonier? Berliner Forscher(Markham Geller et al.) werten mehr als tausend Keilschrifttexte aus, um die Geheimnisse der assyrischen Medizin zu entschlüsseln, #DERSPIEGEL, 47/2017

 

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#Strafe und #Belohnung in der #Erziehung

Strafe und Schmerz

Strafe und Schmerz

Was bringen Strafen in der Erziehung? Sie wirken auf verschiedene Art und Weise. Vor allem schädigen sie den Selbstwert der Kinder, das Vertrauen zueinander, und sie belasten die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Wir wollen mit den Kindern Konflikte schnell lösen und nutzen dafür oft unbewusst unsere Macht aus. Wir versuchen es auch über Erklärungen und hoffen auf Einsicht unserer Kinder. Nur klappt das häufig nicht. Am Ende läuft es auf ein Verbot hinaus. Frustrationen können wir nicht verhindern. Eltern versuchen häufig, ihre Kinder auf der Vernunftebene zu überzeugen. Dabei wissen wir aus der Hirnforschung, dass die dafür wichtigen Strukturen erst später vollends heranreifen. Die Kinder fühlen sich gar nicht angesprochen, sie sind noch vorwiegend von Emotionen bestimmt. Über die Gefühle können wir Kinder aber gut erreichen: „Mensch du ärgerst dich aber gerade gewaltig.“ Damit ermöglichen wir ihnen die wichtige Erkenntnis: Das, was ich gerade fühle ist also Ärger. Das macht die Sache noch nicht besser, unterstützt die Kinder jedoch dabei, langfristig ihre emotionale Landkarte kennenzulernen. Irgendwann schaffen sie es, sich selbstständig zu regulieren. Strafen unterbrechen diesen Lernprozess, die Kinder erfahren nichts über ihre Gefühle. Im Gegenteil – sie lernen eher, sie zu unterdrücken.

Wir brauchen Kinder gar nicht weder durch Strafen noch durch Belohnungen zu motivieren. Wir wissen heute, wie wichtig die sogenannte Selbstwirksamkeit ist; der Wunsch etwas aus eigener Kraft zu schaffen, ist in uns angelegt. Wenn Kinder eine innere Bestärkung erfahren, weil sie etwas allein gemeistert haben, dann verankert sich das tief in ihrem Selbst. Strafen und Belohnungen stören diesen inneren Antrieb. Eine Belohnung ist immer auch ein kleiner Misstrauensantrag: Man traut dem Kind nicht zu, etwas aus eigenem Antrieb zu vollbringen. Man schafft nur dann sein Kind richtig einzuschätzen, wenn man dessen Grundbedürfnisse kennt: Geborgenheit und Nähe, das Bedürfnis, gesehen und anerkannt zu sein, so wie man ist. Dann ist es wichtig, präsent in den Beziehungen zu seinen Kindern zu sein. Viele Eltern sind oft gar nicht richtig da. Sie sind mit dem Kopf noch bei der Arbeit, wollen schnell eine Mail beantworten, schreiben gerade eine SMS mit jemanden. – Doch zum Beispiel beim Ins-Bett-Gehen sind Kinder auf jemanden angewiesen, der ihnen hilft herunterzukommen, sich zu entspannen. Jemand, der nicht richtig anwesend ist, beruhigt nicht – er verunsichert eher zusätzlich.

Alles, worum es hierbei geht, ist zu versuchen, die Kinder in ihrem Verhalten besser zu verstehen, ihre Signale zu lesen und zu übersetzen. Allein besseres Verstehen hilft schon, Nerven zu schonen: Ein Beispiel hat Katharina Saalfrank in ihrem Buch* beschrieben: Ein fünfjähriger Junge streitet sich mit einem anderen Kind auf der Rutsche und haut zu. Der Vater schnappt ihn sich, schimpft, setzt ihn auf eine Bank, er solle sich gefälligst überlegen, was er getan habe. – Mit solcher Gardinenpredigt ist niemandem geholfen. Wichtig ist zu wissen: Kinder können sich in dem Alter noch nicht so gut mit Worten abgrenzen. Also tun sie es physisch, indem sie hauen. Mit einer Strafe oder einem Verbot ist so ein Konflikt nicht konstruktiv zu lösen. Das Kind weiß meistens schon, dass Treten und Hauen nicht in Ordnung sind. Aber es tut es trotzdem. Weil es noch keine anderen Strategien hat und nicht anders kann. Indem wir jetzt nur schnell versuchen, sein Verhalten zu ändern, sehen wir nicht, was tatsächlich dazu geführt hat, dass das Kind sich – in diesem Fall durch Hauen – abgegrenzt hat. Der Junge auf dem Spielplatz hat lediglich verstanden: „Ich hab etwas gemacht, was nicht in Ordnung ist.“ Es wäre sinnvoll, wenn der Vater seinem Sohn hier Handlungsalternativen vorleben könnte und nicht einfach das Verhalten bestrafte.

Erziehung?

Erziehung?

Man kann etwas Gutes bewirken, indem man die Kinder in ein Gespräch bringt, Gefühle spiegelt: „Was ist passiert, worüber ärgert ihr euch so?“ Allein die Möglichkeit zu haben, das mit einem Gefühl verknüpfen zu können hilft den Kindern, mehr über die eigenen Bedürfnisse zu erfahren. Es geht dann nicht darum, welches Kind recht hat, sondern wie die beiden das unter sich klären können. – Unbewusst greifen viele Eltern auf Muster zurück, die sie aus ihrer Kindheit kennen, und nicht selten sind das eben Abwertung, Strafe, Missachtung. Unser Gehirn bedient sich in Stresssituationen dessen, was sich tief in die emotionalen Netzwerke (Unterbewusstsein) eingebrannt hat. So kann es dazu kommen, dass wir unsere Kinder mit den Vorwürfen überhäufen, die wir aus unserer Kindheit kennen, und plötzlich so klingen wie unsere eigenen Eltern.

Die betroffenen Eltern müssten bewusst eine Verbindung zu sich selbst herstellen und schnell ablaufende Muster verlangsamen. Es gibt immer einen Punkt, an dem man das  Abgleiten in das übliche Verhalten stoppen kann. In Stresssituationen kann man auf seinen Körper achten, sich bewusst entschleunigen, bevor man in Schreien und Wut gerät. Das braucht ein wenig Übung und Geduld. Man kann in Akut-Situationen auch eine Notfallstrategie entwickeln: ein paar ruhige Atemzüge, im Ernstfall auch mal den Raum verlassen. Das ist besser, als das Kind wegzuschicken, es zu bestrafen oder anzuschreien.

Wenn es einem von uns in der Familie nicht gut geht, sollten alle bereit sein miteinander zu sprechen, wir sollten uns gegenseitig zuhören, fragen, wie es uns gerade geht, was jeder fühlt. Danach sollte man fragen, was wir tun können. – Miteinander reden, sich austauschen – das findet vor allem im Alltag statt. Bei den Hausaufgaben, beim Abspülen, beim Zähneputzen. Und es sollten auch nicht nur Konflikte besprochen werden. Sondern die Frage gestellt werden: „Wie geht es dir?“

Kerstin Kullmann, „Es geht um Wut, Trauer, Schmerz“( Auszug ), #SPIEGELGespräch, Die Pädagogin Katharina Saalfrank plädiert für eine Erziehung ohne Strafen – und erklärt, wie es Eltern gelingt, ihren Kindern die Dämonen der eigenen Jugend zu ersparen, #DERSPIEGEL, 41 / 2017

*Katharina Saalfrank: „Kindheit ohne Strafen“, Beltz, 264Seiten, 17,95 €

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Nicht nur #Atome auch Kerne: Vielleicht auch #Atomkerne im #Nanokosmos sichtbar

Blick aus dem All

Blick aus dem All auf Hamburg Schenefeld

Direktor Thomas Kaupe unternimmt im mit neuer Technik ausgestatteten Sternentheater eine Reise ins Innere der uns bekannten Welt: den Nanokosmos, die Welt der Atome und Moleküle. Bisher für unmöglich gehaltene Filme von den Prozessen auf dieser Ebene soll der Anfang September eröffnete Röntgenlaser European XFEL möglich machen. Die 3,4 Kilometer lange Maschine, die Supermikroskop und Superkamera in einem ist, verläuft unterirdisch zwischen dem Forschungszentrum Desy in Hamburg Bahrenfeld und einer Halle im schleswig-holsteinischen Schenefeld.

Vergrößertes Bild

Durch eine Lupe vergrößertes Bild

Originalbild

Originalbild

Vergrößerung durch Lupe

Sammellinse erzeugt vergrößertes Bild

Wo auf der Innenkuppel sonst Galaxien mit ihren Sternen und Planeten auftauchen, zeigen Animationen nun Zellstrukturen, Viruspartikel und einzelne Moleküle mit ihren Atomen-Teilchen, die zehn Millionen Mal kleiner sind als ein Millimeter. Mit sichtbarem Licht lassen sich Prozesse auf dieser Ebene nicht scharf abbilden.

 

Mikroskop

Mehrere gewölbte Linsen: Mikroskop

Menschliches Haar

Durch Mikroskop vergrößertes Haar

 

Der European XFEL soll das mit seinem Röntgenlicht schaffen. Die von der Maschine erzeugten Lichtblitze sind für den Bruchteil einer billionstel Sekunde heller als das gesamte Sonnenlicht, das im gleichen Zeitraum die Erde erreicht. Und sie sind so kurz, dass sie Atome schneller ablichten, als die Teilchen sich bewegen. Viele einzelne Aufnahmen wollen Forscher dann zu Filmen zusammenfügen.

 

Wenn alles läuft wie erwartet, wird der Supraleiter das leistungsfähigste Instrument seiner Art sein. Mit dem bisher stärksten Röntgenlaser der Welt, dem LCLS in Stanford (Kalifornien), erzeugen Forscher 120 Lichtblitze pro Sekunde – bis zu 27.000 Pulse pro Sekunde soll der European XFEL schaffen. Damit sollen sich Messungen in wenigen Tagen bewältigen lassen, die in Stanford heute Wochen dauern.

Kopf der Stubenfliege

Kopf einer Fliege im Elektronnmikroskop

Die Bilder aus dem Inneren der Materie sind eine computergestützte Rekonstruktion der Wirklichkeit. Um etwa die Struktur von Biomolekülen zu entschlüsseln, spritzen  Forscher Teilchen in einer Flüssigkeit in die Probenkammer. Jedes Mal, wenn ein Lichtblitz einen Proteinkristall trifft, entsteht ein Streubild, das ein Detektor aufnimmt. Aus Millionen von Streubildern lässt sich ein dreidimensionales Abbild der Probe errechnen – im Idealfall bis zum einzelnen Atom.

Elektronenmikroskop

Atome im Elektronenmikroskop

Atommodell

Atommodell: Kern und Elektronen

Infektionsforscher wollen mit dem Röntgenlaser erkunden, wie genau krankheitserregende Viren unsere Zellen manipulieren und wie Medikamente dagegen wirken können. Biochemiker möchten etwa den Beginn der Proteinentfaltung ins Visier nehmen. Läuft dies schief, lagern sich falsch gefaltete Proteine zu Klumpen zusammen, was wahrscheinlich zur Entstehung von Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson beiträgt. Außerdem auf der Experimentier-Agenda: Wie lassen sich miniaturisierte Datenspeicher, stärkere Akkus und effizientere Katalysatoren konstruieren.

Selbst Astrophysiker werden die Blitzmaschine nutzen. Dazu werden Laserstrahlen extreme Materialzustände erzeugen, wie sie wohl im Inneren von Gasplaneten und Sternen herrschen. Um zu verstehen, was in gewaltigen Objekten im Universum vorgeht, muss eben die gesamte Skala berücksichtigt werden.

Wer Winzlinge wie Atome sehen und ihre Anordnung erkennen will, braucht extrem energiereiches Licht. Denn je höher die Energie der Lichtteilchen (Photonen) ist, desto kürzer ist die Wellenlänge des Lichts. Ist die Wellenlänge so kurz wie der Abstand zwischen Atomen oder kürzer, lassen sich die Teilchen unterscheiden. Der Durchmesser eines Atoms beträgt etwa ein Zehntel Nanometer – die Wellenlängen der Röntgenblitze des European XFEL sollen bis zu 0,05 Nanometer klein sein.

Marc Hasse, Reise in den Kosmos der Atome (Auszug), Themenabend im Planetarium zeigt, wie Hamburgs neuer Röntgenlaser European XFEL funktioniert, #HamburgerAbendblatt, Donnerstag, 14. September 2017

Feidenhans'l

Robert Feidenhans’l Chef der XFEL

Der Physiker Robert Feidenhans’l referierte auf einer Barkasse vor Bloggern aus aller Welt und beantwortete geduldig alle Fragen zu dem 3,4 Kilometer langen Instrument in Schenefeld: dem Röntgenlaser, XFEL. Mit ihm wollen Forscher die Bewegung von Atomen „filmen“.

 

 

 

 

 

 

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