#PeterSloterdijk in Tradition von Hegel, Nietzsche und Heidegger

Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk

Ich (Peter Sloterdijk) hatte ein Unbehagen an der Wiedervereinigung. Ich hatte das Gefühl, wir bekommen es mit einem unkontrollierten Import von Problemen zu tun, ökonomisch und psychosozial. Für diese Entwicklung zahlen wir noch immer, nicht nur mit dem Sozialzuschlag. Dass die ostdeutsche Bevölkerung zur Großfamilie gehörte, ließ sich mit plausiblen Gründen nicht bezweifeln. Die Osterweiterung der Nationalfamilie war aus der deutschen Geschichte heraus gerechtfertigt. Große Männer und Frauen machen die Geschichte nicht wirklich, sie nutzen lediglich Chancen und Gelegenheiten. Geschichte ist damit ein Prozess, der sich eher dem Menschen entzieht. Der Wille und die Tat sind das eine, das Ergebnis aus dem Lauf der Dinge etwas anderes. Dann definiert man Geschichte als die Sphäre, in der es immer anders kommt als gedacht. Geschichtsphilosophen haben gern an der Unterstellung festgehalten, dass sich am Ende der Fortschritt durchsetzt. Man muss den Begriff des Fortschritts in die Komponenten auflösen, aus denen er zusammengesetzt war. Seit 300 Jahren leben wir in einem Kontinuum (Stetigem) der Forschung und Wissenschaft, das kumulativ (anhäufend)  wirkt. Aus diesem Lernzusammenhang können und wollen wir nicht austreten. In der wissenschaftlichen Modernität (Neuheit) und ihrer Ergänzung durch die Technik spielt sich ein riesiges Experiment ab, das der Entlastung des Lebens gilt. Der technische Fortschritt setzt sich immer dann durch, wenn die Menschen mehr Machtmittel in die Hände bekommen, die ihren Aktionsradius erweitern und ihr Dasein erleichtern. Fortschritt in einem nicht naiven Sinn bedeutet Ermächtigung und Entlastung.

Es war eine trügerische Hoffnung der Politik, Europa aus dem Katastrophenschatten der Geschichte herausgeführt zu haben. Wir leben wohl wieder in einem Zeitalter der Angst. Die aktuelle Angst kennzeichnet die heiße Phase der Globalisierung. In einer Synchronwelt  (synchron=gleichlaufend) zu leben ist ein enormer Angriff auf die mentalen (gedanklichen) Strukturen der Menschen. Die Rückentwicklung, die wir heut erleben, sind Wirbel, die innerhalb der Globalisierung fast unvermeidlich auftreten. Die Menschen sind nicht darauf vorbereitet, mit Milliarden Zeitgenossen in voller Kenntnis ihrer Gegenwart zu koexistieren. Globalisierung bringt den Triumph der Indiskretion mit sich. Jetzt schaut jeder jedem ins Wohnzimmer. Globalisierung heißt die Weltform, in der die Chinesen uns näher sind als die Belgier. Oder um anthropologisch (Anthropologie=Wissenschaft vom Menschen) zu reden: Wie wollen wir aus einem Hordenwesen, das von Natur aus ein Kleingruppengeschöpf war, einen Weltbürger machen? Es war schon schwer genug einen Nationalmenschen aus ihm zu formen – und die Umformatierung der Nationalmenschen zu Europäern wird uns noch den Rest des 21.  Jahrhunderts beschäftigen. Die Globalisierung als chronische Mobilisierung, als Einladung zum Dasein in ständiger Bewegung, erfasst ja nur einen kleinen Teil der Menschheit, obwohl man den Tourismus als eine Schule des Weltbürgertums im weitesten Sinne auffassen darf. Darin sind die Deutschen weit fortgeschritten. Für viele Menschen bedeutet das Reisen die Einlösung eines Guthabens an Globalisierungskapital. Für die vielen, deren Radius nur wenige Meilen um ihren Wohnort reicht, wie bei zahlreichen Trump-Wählern, ist die kosmopolitische (weltbürgerliche) Tendenz furchterregend. Sie nehmen an der res publica, am öffentlichen Raum und am Weltverkehr fast gar nicht teil. Deshalb hilft es nicht weiter, Wähler populistischer Parteien oder beharrliche Nichtwähler als Idioten – das Gegenteil von Kosmopoliten – zu bezeichnen.

Die Metapher (Wort mit übertragener Bedeutung) der Familie ist außerordentlich dehnbar. Dass sie am Ende die ganze Menschheit einschließen soll, dass alle Brüder und Schwestern sind, das leuchtet dann doch nicht jedem unmittelbar ein. Diejenigen, welche die Grenzen der Familie enger ziehen wollen, fallen heute als Populisten und Neonationalisten auf.

Wir besitzen heute keine hinreichend starke Vision der Welt mehr, um das Ganze unter einem Dach zu erfassen. Philosophie entstand ursprünglich als therapeutische Kosmologie – das heißt, den Menschen in der erweiterten Welt heimisch zu machen. Der Philosoph ist heute zum öffentlichen Intellektuellen mutiert. Er kann nicht mehr als Designer des Ganzen auftreten. Wenn’s gut geht, fungiert er als Berater oder Beiträger.

Philosophie, Religion und Politik haben die Gemeinsamkeit, sich um die Welt als Ganzes zu sorgen, und das Bedürfnis nach Sicherung der Zukunft zu stillen. Das wichtigste Prädikat (Aussage) des Glaubens wie auch der Philosophie wurde in der Geschichte mit dem Begriff der „securitas“ umschrieben. Auch Luther hat in seinen 95 Thesen das Paradies oder den vollkommenen Glauben mit dem Wort securitas wiedergegeben. Darin steckt eine sehr tiefe anthropologische Verankerung nach Gewissheit. Die Moderne produziert dagegen Desorientierung. Mit Gewissheit lässt sich nicht mehr paktieren (gemeinsame Sache machen). Die amerikanische Hoffnung, die Welt sicher für die Demokratie zu machen, ist verflogen. Überhaupt müssen wir uns heute vor einer Überstrapazierung des Universalismus (Lehre von dem Vorrang des Ganzen vor dem Besonderen) der Aufklärung hüten. Die Rechtspflege und die sozialen Solidarsysteme lassen sich bisher nur im nationalen Rahmen erhalten und ausbauen. Nichtmitgliedern unbeschränkten Zutritt zu beschaffen, mutet da wie eine Geste zur Selbstzerstörung an. Wie viel Fremdheit verträgt eine Kultur, die an einer gewissen Selbstähnlichkeit festzuhalten interessiert ist? Es gibt immer noch eine Fraktion von Linken oder Linksanarchisten beziehungsweise von politischen Masochisten, die jeden Hinweis auf so etwas wie Nation oder nationales Interesse, Identität und Tradition für ein Verbrechen an der Menschheit halten.

Ich (Peter Sloterdijk) stehe für den historischen Konservatismus. Dieser beruht auf der Einsicht, dass zivilisatorische Errungenschaften verloren werden können. Es gibt keine Garantie, dass die gleiche Welt in der nächsten Generation weiterbesteht. Das gilt auch für Frieden, Wohlstand und den Schutz des Sozialstaats. Man könnte vielleicht damit leben, dass es in der nächsten Generation keine großen Erzähler oder Künstler mehr gibt oder keine großen Komponisten. Dramatisch wird es, wenn der Rechtsstaat, der Sozialstaat und die Wohnkultur gefährdet werden. Das letzte nenne ich nicht willkürlich: Von der Behausung hängt das Grundgefühl des In-derWelt-Seins von Menschen ganz wesentlich ab. Wenn das Bewusstsein der Verlierbarkeit von Zivilisationen den Menschen durchdrungen hat, erledigt ein Teil des frivolen Universalismus von selbst.

Wie reversibel (umkehrbar) demokratische Errungenschaften sind kann man heute in aller Welt studieren. Hierzu liefert der Populismus ein tägliches soziologisches Seminar. Der Begriff Demokratie enthält ein sehr hohes pseudodynamisches Potenzial, er ist eine Fehl- oder Deckbezeichnung für Strukturen der Machtausübung, die man sofort verwerflich fände, wenn man sie bei ihrem wahren Namen riefe: Oligokratie, Fiskokratie, Mobokratie, Phobokratie. Vor allem das Prinzip der Oligokratie ist das große Betriebsgeheimnis politischer Strukturen, die sich als demokratisch ausgeben. Hoi Oligoi heißen im Griechischen die wenigen. Die Welt ist nach wie vor oligokratisch organisiert, sie gehört den wenigen, nicht den vielen. Im Übrigen kann man in diesem Kontext das Wunder der Bewegung von Emmanuel Macron ermessen: dass sie über Nacht die gesamte alte französische Oligokratenklasse, soweit sie Politiker waren, in den Urlaub geschickt hat. Das hätte ich (Peter Sloterdijk) den Franzosen am allerwenigsten zugetraut.

Nietzschestein bei Sils Maria

Nietzschestein bei Sils Maria: „Eine Form der Unverrückbarkeit“ – In Anspielung auf Helmut Kohls imposante Aura –

Romain Leick, Die hohe Kunst der Asozialität (Auszug), SPIEGEL-Gespräch, #PeterSloterdijk über die linken Elemente, die sich bei ihm von selbst verstehen, über den frivolen Universalismus und das konservative Denken, #DERSPIEGEL, Kultur 26/2017 Seite 118-122

Über tuscade

DEUTSCHE VERSION:
Plaudere gern, ehrlich und weitherzig, höre aufmerksam zu, lausche zu Folklore, schwimme zu jeder Jahreszeit, mache weite Spaziergänge, wandere in der Natur, meditiere, gehe auf Phantasiereisen, beschäftige mich mit Literatur, denke klar und logisch, versuche sinnvolle Einträge für Euch zu gestalten, bemühe mich um einfache Wortwahl, lese und beantworte möglichst Eure Kommentare.
-Keine Haftung für externe Hyperlinks.
-Bei meinen Versuchen aus der Physik bitte geltende Vorsichtsmaßnahmen beachten.
-Psychologische Erläuterungen und Tipps dienen Dir als Anregung, sind meine persönliche Betrachtungen, bin Amateur. Bei Bedarf Familienmitglieder oder Experten zu Rate ziehen. Das soll heißen: Ärzte, Heilpraktiker oder Therapeuten. Die Einträge ersetzen keine professionelle Hilfe. Diese ist vor allem bei körperlicher oder seelischer Beeinträchtigung zu empfehlen. Der Gebrauch der Einträge erfolgt auf eigene Verantwortung. Ansprüche gegen mich sind daher ausgeschlossen. Finanzieller Gewinn aus meiner Seite ist nicht beabsichtigt.
-Im Kreise unserer Blogfreunde sind auch Seelsorger. Kontaktiere gegebenenfalls auch diese bei Wordpress, die Dir dann weiterhelfen.
P.S.
Schaut doch mal auch hier einmal rein: www.topsurfen.de/
www.topsurfen.org/
www.topsurfen.net/
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

INTERNATIONAL VERSION OF PROFILE:
Tuscade, born 23 November 1939, Brno, Czech Republic. – Academic Librarian. – Son of Reinhold and Hanna Luise Willamowski. – Married Sibylle Zwirner. – 2 sons, 1 daughter. – Education: Degree in Physics. – Appointments: Captain, German Airforce, 1961-62, – Teacher Hamburg, Germany, 1966-70, – Information Broker, Universität der Bundeswehr/Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg, 1966-2004. – Influence: Interest in Referencing (Library), Prof. Dr. Adolf Knappwost (German) , Randolph E. Hock. Ph.D. (American) – Creative Works, Achievements include: Invention of semipermeable membranes for reserve osmosis.(Physical Chemistry), – Deutsches Patentamt: DAS 25 52 282 of 18.08.1977, – Personal Interests include Information Brokering, Web Searching, Website Developing, Gardening. – Honors and Awards: Listed in Who’s Who in the World, – 2000 Outstanding Intellectuels of the 21 st Century. – Nominated for: THE CAMBRIDGE CERTIFICATE for Outstanding Educational Achievement, 13 th November 2015, – HONORARY PROFESSOR of EDUCATION, 22 nd January 2016, The International Biographical Centre. – Personal Philosophy: Respect all Living. Be an Example to Your Children, Care for them, Give plenty of Love, but be hard of the Wicked, Train Yourself in Thinking, Work with Devotion, Because it Make You Happy, Fear Death if You have lived as a Villain, but not if otherwise. –
–The psychological descriptions are only some hints to the facts. Please contact to experts, if you need so. I taken’t any reponsibilities. And I also don’t try to raise any cash through my blog.–
– Address: D-22113 Oststeinbek, Germany, Websites (4 Domains): www.topsurfen.de. /net. /org. /eu.

Dieser Beitrag wurde unter Kultur, Wisseschaft, Ztweeftwit abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.