Retrotopia von #Zygmunt Bauman

„Man muss sich in die Lage eines Flüchtlings oder besser gesagt: seine Zwickmühle vergegenwärtigen. Er verliert, weil er vor Not oder Gewalt flieht, seine Heimat, ohne eine neue zu gewinnen. Denn er ist kein Auswanderer. Flüchtlinge hängen in einem luftleeren Raum, sie sind eigentlich weder Sesshafte noch Nomaden. Sie eignen sich hervorragend für die Stigmatisierung, für die Rolle der Strohpuppe, die man stellvertretend für die globalen Kräfte des Unheils verbrennt. Diese Flüchtlinge werden wie menschlicher Abfall behandelt. Sie haben das Recht verloren, sich selbst zu bestimmen und zu behaupten. Sie stehen außerhalb des Gesetzes, bar jeder Individualität. Ihre Aussicht auf Recycling in Aufnahmegesellschaften ist verschwindend gering. Sie sind ohne Identität und ohne Eigenschaften, für uns sind sie Unvorstellbare und Undenkbare.

Ich verrate mein neues Projekt: „Retrotopia“. Es wird der Titel meines nächsten Buches sein. Vor 500 Jahren schrieb Thomas Morus sein Werk „Utopia“, den Entwurf eines Nirgendwolandes, eines Nochnichtlandes, eines besseren Platzes, der noch nicht Wirklichkeit geworden ist. Retrotopia ist ebenfalls ein Ort, den es nicht gibt, aber nicht gibt, weil er noch nicht existiert, sondern bereits existiert hat. Wir träumen von einer verlässlichen Welt, einer Welt, der wir trauen können, einer sicheren Welt der Konformität. In den auf Thomas Morus folgenden Jahrhunderten war die moderne Welt eine optimistische, auf dem Weg nach Utopia. Als ich ein junger Mann war, war ich ein unbeirrbarer Fortschrittsgläubiger. Ich war überzeugt, dass eine Welt ohne Utopie unerträglich sei. „Der Fortschritt“, schrieb Oscar Wilde „ist die Verwirklichung von Utopien“. Die Utopie ist die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Zukunft. Die Menschheit hält Ausschau nach einem besseren Land und setzt ihre Segel.

In meiner Idee von Retrotopia hat der Engel der Geschichte sich um 180 Grad gedreht. Die Werte, die sich mit den beiden entgegengesetzten Richtungen von Vergangenheit und Zukunft verbinden, haben die Plätze auf der Zeitachse gewechselt. Die Enttäuschung wartet in der Zukunft. Statt einer sorgenfreien Zeit erleben wir eine Katastrophe nach der anderen: Terrorismus, Finanzkrise, Wirtschaftsstagnation, Arbeitslosigkeit, Prekarität. Die Idee des Fortschritts verheißt heute weniger die Hoffnung auf eine Verbesserung der persönlichen Lage als die Angst davor, abgehängt und zurückgelassen zu werden. Also wenden wir uns der Vergangenheit zu und bewegen uns dennoch blind voran. In Franz Kafkas Parabel „Der Aufbruch“ fragt der Diener: „Wohin reitet der Herr?“ Der antwortet: „Ich weiß es nicht, nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier … das ist mein Ziel.“ So beschreibt Kafka die Fatalität in zwei Sätzen. Das ist die Lage, in der wir uns befinden.

Alle Bedrohungen werden vereint in der Gestalt des illegalen Einwanderers. Er ist der ideale Phantomgegner. Statt stereotypisiert muss er personalisiert werden, um die Feindseligkeit gegen ihn zu entschärfen. Er hat Anspruch darauf, als Individuum, nicht als Vertreter einer Kategorie, Rasse oder Religion betrachtet zu werden. Und der einzige Weg dahin führt über das Verständnis, den Dialog.

Zygmunt Bauman

Zygmunt Bauman

Ich kam nach Leeds an die Universität, als ich 45 Jahre alt war. Alles war anders: die Sprache, die Kultur, die Geschichte. Sicher war es eine traumatische Periode. Ich brauchte zehn Jahre um ein reibungsloses Verständnis, eine echte Gegenseitigkeit mit meinen Kollegen in der britischen akademischen Welt herzustellen. Aber ich habe meine Probleme nicht als Identitätsstörungen wahrgenommen. Die Suche nach Identität ist Teil von Retrotopia: Da ich das Glück in der Zukunft nicht finde, trete ich den Rückzug in die Vergangenheit  an. Der Historiker Eric Hobsbawm sagte, die Menschen fangen an, über Identität zu reden, wenn sie aufhören, über Gemeinsamkeit zu reden.“ (das erste Anführungszeichen steht am Anfang des Textes).

„Nationalismus ist ein Ersatz“, SPIEGEL-Gespräch (auf Kernaussagen des Soziologen verdichtet ), der 90-jährige Zygmunt Bauman ist einer der großen Denker unserer Zeit. Nun beschäftigt er sich mit der Migrationskrise – und erklärt sein neues Projekt „Retrotopia„, DER SPIEGEL, Kultur. 36/2016.


 

SPIEGEL Leserbrief:
(zwei Wochen später)

Danke, Romain Leick (der Redakteur R.L. besuchte Z.G. in seinem Haus in Leeds), für dieses wunderbare, erhellende, superkluge Interview mit dem genialen, wissenden 90-jährigen Zygmunt Bauman. Er hat die kommende Weiterentwicklung auf den Punkt gebracht. Es ist die humane, geistige Anweisung zur Neuausrichtung unseres Lebens. Nur ein außerordentlicher Geist hat den Mut und die Freiheit, das zu erklären. Liberte, Egalite, Fraternite von 1789 sind nicht verschwunden, kein Adieu, sondern Retrotopia. Ursula Bollwage, Berlin.

DER SPIEGEL 38/2016

Nachrufe: (DER SPIEGEL)

Zygmunt Bauman, 91

Er war einer der scharfsinnigsten Analytiker der globalisierten Gegenwart und erkannte deren dunkle Seite: Der materielle Fortschritt ist ein unerbittlicher Meister der Auslese, die als überflüssig ausgegrenzten und abgekoppelten Menschen sind zu einem Leben in prekärer Ungewissheit verurteilt. Den Schicksalsschlägen in den flüchtigen Zeiten der „Liquid Modernity“ (der von ihm geprägte Begriff wurde ein Schlüsselwort) war er in der ersten Hälfte seines Lebens selbst ausgesetzt. Zeimal wurde Bauman zum Flüchtling. In einer jüdischen Familie in Posen geboren, rettete er sich 1939 vor den Nazis in die Sowjetunion; als politischer Offizier kehrte er bei Kriegsende zurück und lehrte später in Warschau Soziologie. 1967 trat er aus der Kommunistischen Partei aus, verlor nach einer antisemitischen Hetzkampagne seine Professur und emigrierte nach Israel. 1971 erreichte ihn ein Ruf an die University of Leeds. Zygmunt Bauman starb am 9. Januar in Leeds.

DER SPIEGEL, 3/2017.

 

 

 

 

 

Über tuscade

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