„Und #Nietzsche Weinte“ von Irvin D. #Jalom. Eine #Rezension

Der Wiener Arzt Dr. Josef Breuer, der Psychiater Dr. Sigmund Freud und der Philosoph Friedrich Nietzsche begegnen uns nicht nur als Arzt, Forscher und Denker. Sie werden uns in dem Roman als Menschen wie du und ich dargestellt: in extremen Situationen misstrauisch, überempfindlich, verzweifelt oder voller Angst. Also wie in ganz „normalen“ Lebenskrisen. Breuer und Nietzsche geraten sogar wegen des gleichen Kummers in Gefahr, Selbstmord zu begehen. Der Grund für Nietzsches „Verzweiflung“ ist die hoffnungslose Liebe zu der jungen Russin namens Lou Andreas Salome.

Salome bewundert Nietzsches intellektuelle Fähigkeiten und sein Werk. Sie empfindet in ihrer Beziehung zu Nietzsche aber nichs weiter als Freundschaft. Zudem fühlt sie sich zu dem attraktiven Paul Ree hingezogen. Dieser ist zu allem Unglück ein enger Freund Nietzsches. Salome hat somit Grund genug, den angesehenen Wiener Arzt Dr. Breuer aufzusuchen. Sie bittet diesen, sich Nietzsches Problem anzunehmen. Nach anfänglichem Zögern willigt Breuer endlich ein.

Was nun geschieht war von beiden Männern nicht vorherzusehen. Der Arzt und der Denker, vom gleichen Schicksal heimgesucht, kommen sich Zug um Zug näher. Breuer verschweigt allerdings, dass Salome in das ganze Vorhaben verstrickt ist. Auch dass Breuer in Nietzsches Büchern „Fröhliche Wissenschaft“ und „Menschliches Allzumenschliches“ blättert und liest, erfährt Nietzsche erst später. – Ein Vorteil für Breuer in den Wortgefechten. – Das tiefgründige Rededuell der beiden erinnert an ein Schachspiel zweier Meister. Zug um Zug bleiben immer weniger Figuren auf dem Spielfeld. In „Verzweiflung“ vereint geben beide im Verlauf des Romans nach und nach immer mehr aus ihrem Inneren preis.

Breuer erzählt wie er  in das Liebesverhältnis zu seiner Patientin Bertha Pappenheim (Alias Anna O.) verstrickt ist. Soll er für Bertha sein Ansehen, Beruf, Familie aufgeben? In diesem Zusammenhang berichtet er von seinen wüsten Alpträumen. Um den Konflikt zu vergessen, besucht er noch mehr Patienten als sonst, was ihm nicht gut tut. – Auch Nietzsche leidet weiterhin. Inzwischen erhält Salome böse Briefe von ihm. Ist das der Auslöser von Nietzsches kritischer Haltung Frauen gegenüber? „Wenn Du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht“.

Wie bei einem Schachspiel sieht sich mal Schwarz und mal Weiß im vermeintlichen Vorteil. – Ein schier endloses Sprach-Duell. Statt scharfer Klinge, hier spitzfindige, tiefgründige Worte. Gesteuert vom Verstand, ebenso wie vom Gefühl. Ein faires Spiel! Ein fairer Kampf! Die Rollen zwischen Therapeut und Patient verschwimmen, werden ständig getauscht. Ein Psychologe und ein Philosoph lassen einander schlussendlich in ihr Seelenleben blicken. Ein Gefühl gegenseitiger Freundschaft wächst zwischen beiden. Diese führt zu Nietzsches Tränen.

Friedrich Nietzsche und Josef Breuer sind sich im realen Leben nie begegnet. Irvin Yalom hat mit seinen hypothetischen Annahmen ins Schwarze getroffen. Ich konnte durch Lesen des Buches dem „Phänomen Nietzsche“ einen neuen Blickwinkel abgewinnen. – Auch der Übersetzerin vom Amerikanischen ins Deutsche Uda Strähling gilt hinsichtlich Stil und Sprache großes Lob.

Irvin D. Yalom, When Nietzsche Wept, New York, Basic Books, 1992, 306 Seiten. ———– Irvin D. Yalom, Und Nietzsche Weinte, Ernst Kabel Verlag, Hamburg, 1994, 379 Seiten. — Irvin D. Yalom, Und Nietzsche Weinte, btb, München, 2008, 448 Seiten.

Verfilmung: Und Nietzsche Weinte, 2007, ca. 100 Min. Eine Geschichte über Besessenheit, Begierde und Schicksal, 3L Film GmbH & Co. KG.

 

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#Yaloms „Und #Nietzsche Weinte“ als #Film – #Rezensionen

Dr. Breuer und Anna O. 1882 in Venedig

Dr. Breuer und Anna O. 1882 in Venedig

Nach außen hin kaum sichtbar erleben der Arzt Dr. Josef Breuer und der Philosoph Friedrich Nietzsche in ihrem Inneren tiefste „Verzweiflung“. Das äußert sich durch deren Selbstmordgedanken. In beiden Fällen sind die Auslöser zu diesem Dilemma Frauen. Beim Arzt Dr. Breuer handelt es sich um Patientin Bertha Pappenheim (Alias Anna O.), in welche er sich hoffnungslos verliebt hat. Äußerlich führt der angesehene Arzt ein glückliches Familienleben, nur dass seine Kinder bei ihrem Vater etwas zu kurz kommen. – Friedrich Nietzsche andererseits liebt eine moderne junge Russin, die Psychoanalytikerin Lou Salome. Sie sind miteinander befreundet und führen eine enge, erfreuliche Beziehung auf intellektueller Basis. Recht bald erhält die intelligente Salome von ihrem Verehrer zwei Heiratsanträge, deren Ablehnung den enttäuschten Nietzsche in größte Depression fallen läßt. Salome erfährt von Nietzsches Suizidgedanken.

Salome hat sich Nietzsches Freund, dem Philosophen Paul Ree, zugewandt. Mitgefühl und schlechtes Gewissen treibt Salome nach Venedig in die Arztpraxis von Dr. Breuer. Sie bittet den Arzt, Friedrich Nietzsche von seiner „Krankheit“ zu kurieren. „Verzweiflung“ als Krankheit war den Medizinern von 1882 noch relativ unbekannt. Die Seele des Menschen spielte im Gegensatz zu heute keine Rolle. So lehnt Josef Breuer eine Behandlung von Nietzsche anfangs entschieden ab. Die überaus hübsche (im Film) 21-jährige Salome arbeitet mit ihren weiblichen Vorzügen. Letztendlich kann Breuer dem kaum widerstehen. – Nietzsche weiß von alledem nichts. Er wäre auch niemals dazu bereit, sich aus Liebeskummer einem Arzt anzuvertrauen.

In Breuers Sanatorium werden Nietzsches körperliche Leiden untersucht und behandelt. Die beiden erörtern äußerst redegewandt teils philosophische, teils psychologische Fragen. Im Verlaufe der Gespräche kommt Breuer auf die Idee, die Rollen beider zu tauschen. Nach anfänglichem Zögern willigt Nietzsche ein.

Durch eine Therapie, an der Sigmund Freud, ein Schüler Breuers, mitwirkt festigt Breuer sein Selbstbild. Er bleibt ein guter Arzt und führt eine Vorzeigeehe. – Nietzsche läßt nur zögerlich jemanden an sich herankommen. Er gibt nach und nach etwas aus seinem Inneren preis. Allerdings zitiert er oft und gern Gedanken und Erkenntnisse aus seinen Werken wie z. B. aus der „Fröhlichen Wissenschaft“. Die Trennung von seiner geliebten Salome belastet ihn sehr, verfolgt ihn weiterhin. Nietzsche bleibt einsam, düster und bindungslos.

Bei ihren wissenschaftlichen Dialogen sind sich Nietzsche und Breuer nähergekommen. Sie haben gegenseitiges Vertrauen gewonnen. Als Breuer Nietzsche seinen Freund nennt, wird dieser sentimental. Er weint. – Nietzsche reist ab und arbeitet an „Also sprach Zarathustra“.

 

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#S.Kerling meets #E.A.Poe #Rezension

Meeting 1 – „Auf der Flucht. Flucht vor einem Monster. Plötzlich ein Haus. Sicherheit? Einsamkeit zu Zweit. Immer wieder Angst. Gejagt. Wir selbst sind auf der Jagd. Auf der Jagd nach unserem Selbst. Was ist real, Schein, Wirklichkeit, Einbildung?“

Nur ein Spiel – „Böse Erinnerungen werden wach. Die Seele ist mit Narben übersät. Du warst anders. Schon damals. Kinder wollten nicht mit Dir spielen. Kreaturen sind ehrlich in ihrer absoluten Scheußlichkeit. Sie akzeptieren mich, so wie ich bin. Suche nach der eigenen Wirklichkeit. Wieder alles nur Einbildung? Wo bin ich? Ich sitze an meinem Grab. Will tot sein. Werde lebendig begraben“.

Meeting 2 – „Regentropfen wollen mich fressen. Raus aus meinem Kopf! Mein Kopf explodiert. Ich habe die Wirklichkeit der Anderen zu meiner Wirklichkeit gemacht. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Der Mensch will nicht sterben. Wie kann uns etwas genommen werden, was uns nie gehört hat? Es ist das Leben, das geht. Angst lähmt unser Denken“.

Neckischer Rabe

Neckischer Rabe

 

Claire – „Neckisch spähte ein Rabe durch das Glas des Blumenladens. Claire handelt mit Blumen. Blumen spenden Liebe und Trost. Charles kauft Rosen bei Claire für Elizabeth (seine Frau). Elizabeth vergib mir. Martha (Haushaltshilfe) was würde ich nur für Dich tun? Charles hatte nie Zeit für Elizabeth. Nur für seine Patienten. Elizabeth nimmt das Gift. Sie stirbt aus Einsamkeit und Schwermut wie einst ihre Mutter“.

Meeting 3 – „Schäbige Lampe, schäbiges Licht, schäbiges Dunkel. Kann die Lampe mit ihrem zaghaften Licht das Böse von mir fernhalten? Trügerische Hoffnung. Die grauenvolle Kreatur, die mich aus dem Spiegel anschaut. Das kann nicht ich sein. Einsamkeit lässt uns Abgründe erkennen“.

Warum?

Warum?

Seelenfrieden – „Wadar hatte seine Verfolger abgehängt. Der Wald bot Schutz. Die Horde hatte ihre Treibjagd für heute beendet. Ihre Triebe verlangten nun nach Wein und Frauen. Der Teufel versprach ihnen Seelenfrieden… Wadar erkannte den leblosen Körper seines Freundes. Mit einer Schlinge um den Hals baumelte seine Leiche an einem Ast. Der Mann da oben war tot. Die ersten Aasfresser baten zu Tisch. Keine Schreckenstat käme annähernd dieser Folter gleich, die sein Freund durchleben musste, bevor ihn Gevatter Tod holen durfte. Wadar hätte zurücklaufen müssen und ihn aus der Grube befreien müssen… Diese Berserker hängten ihn so, dass der Tod stets Umwege wählen musste. Wadar war auch damals geflohen. Wie sein Vater hatte er seine Mutter zurückgelassen… Jemand rammte Wadar von der Seite. Auch Wadar war ein Mitglied dieser Horde“. –

Da kämpft und leidet Jemand scheinbar allein? Wir aber sind Deine Leser bzw. Zuhörer, liebe Svea. Der Schmerz und die Traurigkeit steigern sich bis fast ins Groteske. Ist so Schein oder Wirklichkeit? Von ihrem Dämon hinweggetrieben über Raum und Zeit bis ins Innerste das Unbewusste, den Abgrund, die Seele. Eine schäbige Lampe mit grauem, kalten Gespensterlicht einzige Begleiterin? Selbstaufgabe? Depression? Wie stark muss Jemand dafür sein? Redlichkeit und Wahrhaftigkeit sprechen aus Deinen Zeilen, liebe Svea. Willst Du niemals zufrieden, immer nur redlich und wahrhaftig sein? Trittst Du bewusst in feindliche Opposition zur Gesellschaft? Willst Du diese Auseinandersetzung?  – Ich danke Dir für Deine wundervollen Kurzgeschichten und die stille Aufforderung zum Weiterdenken.

S.Kerling meets E.A.Poe

S.Kerling meets E.A.Poe

Svea Kerling, S. Kerling meets E. A. Poe, Verlag: tredition, Hamburg, 146 Seiten, 2016

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#Fortschritte oder #Irrwege der #Medizin?

Computer in der Medizim

Computer in der Medizin

Die medizinische Wissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten

so ungeheure Fortschritte gemacht,

dass es praktisch keinen gesunden Menschen mehr gibt.

Aldous Huxley (1894 bis 1963)

Es ist, wie es der Science-Fiction-Autor Huxley vorhergesehen hat: Im Magnetresonanztomografen (MRT) bleibt so gut wie keiner ohne Makel. Eine erste Zwischenbilanz von Medizinern in Greifswald ergab: In 2.500 Probanden zeigte der Tomograf 13.455 Befunde: vorgewölbte Bandscheiben, Blutungen, Schlaganfälle, Knoten, Schatten, Zysten. Was die Auffälligkeiten genau bedeuten, können die „Ship“-Forscher („Study of Health in Pomerania“) oftmals nicht sagen. Aber 1.052 dieser Befunde in 787 Probanden hielten sie für klinisch bedeutsam und empfahlen weitere klinische Maßnahmen. Natürlich hat die Bilderflut schon etlichen Patienten geholfen. Die Teilnahme an der „Ship“-Studie hat dem einen oder anderen Teilnehmer wohl das Leben gerettet. Doch in dem Maße, in dem die Technik sich in den vergangenen Jahren verbesserte, stieg die Abhängigkeit der Ärzte von dieser Art der Untersuchung. Viele lassen lieber schnell ein Bild machen und vergessen darüber die Kunst, die Diagnose zu stellen. – Doch wenn das Knie mal schmerzt und der Arzt ein MRT-Bild machen läßt, dann kann das Unheil seinen Lauf nehmen. Der Arzt findet das eingerissene Hinterhorn und hat dann Grund genug, eine Kniespiegelung durchzuführen. Häufig war das eingerissene Hinterhorn gar nicht die Ursache der Schmerzen – und der Eingriff am Knie überflüssig.

Mehr als 90 Prozent aller Menschen, die älter als 40 Jahre sind, haben kleine oder mittlere Bandscheibenvorfälle. – Auch das belegen die MRT-Daten. Die Ergebnisse aus der „Ship“-Studie belegen klarer als jede Studie zuvor, wie riesig der Schatz der Anomalien ist, die der menschliche Körper hervorzubringen vermag. Besonders viele Auffälligkeiten fanden sich im Kopf, in den Harnwegen, im Bewegungsapparat sowie in den Bauchorganen.

Die Forscher teilten die Befunde in Kategorien ein. Diagnosen wie Blutungen im Schädel oder Gehirntumor erforderten eine schnelle Abklärung. 12.403 der insgesamt 13.455 Befunde wurden als Normvarianten ohne klaren „Krankheitswert“ eingestuft. Diese wurden den Probanden erst gar nicht mitgeteilt, um sie nicht zu verunsichern. 1.052 Befunde von 787 Probanden wurden als medizinisch bedeutsam eingestuft. Darunter größere Gewebsveränderungen an der Leber oder Brust, Geschwülste in der Niere oder Lunge, bestimmte Zysten im Eierstock, ballonförmige Wandausbuchtungen von Blutgefäßen (Aneurysmen) in Kopf oder Bauch, Engstellen der Halsschlagader. Die Medizinforscher schickten den betroffenen Patienten nach einigen Wochen jeweils einen Brief, in dem sie die betreffenden Anomalien knapp beschrieben und Ratschläge zur weiteren Abklärung gaben. Bei etlichen Probanden löste der Brief einen Schock aus. Kaum hatten sie den Befund erhalten, sind die Probanden verstärkt zum Arzt gegangen. In den folgenden Untersuchungen haben sich viele Sorgen glücklicherweise als unbegründet erwiesen. Denn im Vergleich zu Testpersonen, die keine MRT bekommen hatten, war die Krebsrate der untersuchten Probanden so gut wie nicht erhöht.

Nun wird überlegt, wie man die Probanden schonender über Zufallsfunde aufklären könnte. Für Leute, die zum Arzt müssen, haben die MRT-Daten zwei Botschaften. Es ist normal, Anomalien zu haben. Und zweitens: Jeder sollte sich gut überlegen, ob er wirklich über jede kleine Delle in seinem Körper Bescheid wissen will.

Jörg Blech, Die eingebildeten Kranken (Auszug), Medizin, Bizarre Knoten, seltsame Schatten, – Ärzte durchleuchten gesunde Menschen und finden in deren Körper überraschend viele Anomalien. Alles pathologisch, alle Patienten? Über eine Heilkunde, die zu viel sieht und zu wenig versteht, Wissenschaft, #DER SPIEGEL, Seite 116 – 118, 50/2016

DER SPIEGEL, 52/2016, Leserbrief, Als Patient entmündigt. – Solange die Bereitschaft zu Schadensersatzklagen aufgrund unerwünschten Krankheitsverlaufs bei Patienten und Rechtsanwälten so groß ist, wäre ich ja blöd, Befunde zu verschweigen oder zu bagatellisieren. Dr. M.B. FA Orthopädie, Wetzlar (Hessen)

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#Psychiater, #Therapeuten und andere #psychiatrische Experten in der Talkshow

Psychoanalytiker in Aktion

Psychoanalytiker in Aktion

Der Psychiater Manfred Spitzer ließ vor Erregung die anderen Gäste in Anne Wills Talkshow kaum zu Wort kommen. Drei Wochen später überraschte der 73-jährige Hans Joachim Maaz an derselben Stelle mit seiner Meinung zur psychischen Gesundheit der Kanzlerin. Beide Auftritte sind stark kritisiert worden, auch von Kollegen: Wie könne man mit dem autoritären Habitus eines gestandenen Mediziners Einschätzungen vortragen, die bar jeder wissenschaftlichen Grundlage seien? Und dabei auch noch küchen-spychologische Ferndiagnosen über amtierende Politiker stellen? Zudem mit so auffällig schlechten Diskussionsmanieren im Fernsehen auftreten, gerade als Psychiater? Die Frage ist: Gibt es eine Grenze für öffentliche Aussagen von Psychiatern, und woran erkennt man sie? Kann es Richtlinien dafür geben, wann wir klare Aussagen über den Zustand einer Person treffen und wann wir besser schweigen sollten, um eine ohnehin aufgeregte Gesellschaft nicht weiter zu verunsichern? Ich ( *Kalbitzer ) sehe deshalb nur sehr wenige Konstellationen, in denen es gerechtfertigt sein kann, öffentlich aus der Ferne über die Gesundheit anderer Menschen zu spekulieren. Wenn ernsthafte Sorgen um die seelische Konstitution bestehen, dann sollte das immer mit der Person selbst oder ihrem direkten Umfeld geklärt werden. Diagnosen über die Medien richten mit Sicherheit mehr Schaden an, als dass sie helfen.

Grundsätzlich sind wir Psychiater darauf vorbereitet, die Grenze dessen, wozu wir uns öffentlich äußern sollten, zu erkennen und uns daran halten. Wir müssen in unserem Alltag permanent vorsichtig und mit Bedacht mit der Macht umgehen, die wir über andere Menschen haben. Weil Menschen sich uns anvertrauen und sich zwar die Sicherheit eines standardisierten Verfahrens wünschen, dann aber trotzdem immer einen Therapeuten wollen, der sie individuell behandelt. Und wie trennt man die individuell richtige Therapie von gefährlicher therapeutischer Willkür? Eine große Verantwortung! In unserer Ausbildung lernen wir deshalb eine wichtige Fähigkeit: unsere eigenen inneren Dämonen wie Eitelkeit, Geltungssucht, Angst und übertriebene Wut zu erkennen und aushalten zu können. „Containment“ nennt man dieses Aushaltekönnen im Fachjargon. Nur wenn wir diese Fertigkeit erwerben, können wir in unserer Arbeit rational bleiben und auch in sehr komplexen emotionalen Situationen professionell reagieren.

Wenn wir uns an öffentlichen Debatten beteiligen, dann sollten wir dort genau diese Fähigkeiten anwenden, um der Verantwortung unseres Berufs gerecht zu werden. Grundsätzlich kann man sagen, dass ein psychiatrischer Experte nur so lange einer ist, wie er nicht vorschnell urteilt oder die Contenance verliert. Dann kann er immer noch eine Privatperson mit einer wichtigen Meinung sein. Aber in dem Moment, in dem er sich seinen Gefühlen hingibt oder gar dem Bedürfnis nach schneller Aufmerksamkeit, gibt er seine therapeutische Urteilskraft auf.

Die Frage ist allerdings, ob Medien bei der Auswahl der eingeladenen Experten nach diesen Kriterien entscheiden wollen. Manche Psychiater machen eine Sendung offenbar, gerade weil sie aus der Haut fahren, für die Macher spannend. Dann sollte man sie aber nicht als Vertreter ihres Fachs einladen, sondern in der Rolle, die sie bei ihrem Auftritt einnehmen. Zum Beispiel als „kontroverser Buchautor, -stößt gerne öffentliche Debatten an“. Oder „Rentner aus Halle, -ärgert sich über die Bundeskanzlerin“.

Jan Kalbitzer, Aus der Ferne ( Auszug ), Essay, Wozu Psychiater lieber schweigen sollten, #DER SPIEGEL, Seite 128- 129, Nr. 49 /3.12.2016

*In seinem Buch „Digitale Paranoia“ plädiert Jan Kalbitzer dafür, dass sich Psychiater nicht durch unfundierte Warnungen vor dem Internet in die öffentlichen Debatten einschalten sollten.

Freud'sche Psychoanalyse

Freud’sche Psychoanalyse

DER SPIEGEL 51/2016, Leserbrief. Der Kollege hat mir aus dem Herzen gesprochen. Unsere Zunft (Psychiater) täte gut daran, sich in öffentlichen Debatten selbstkritisch zurückzunehmen und sich auf die bloße Faktenlage zu reduzieren, statt unzulässigerweise hochspekulativ Diagnosen aus der Ferne zu stellen. Hier drohen vielfältige Gefahren wie Manipulation, Missbrauch und Populismus. – Dr. med. M.P., Recklinghausen

 

 

 

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Nicht alle #Mikroben sind uns willkommen. #Bakterien, #Viren, #Pilze sind unsere Mitbewohner

Bakterien, Viren, Pilze

Mikrobiom, ein Winzling in uns

Sie machen uns zu dem, was wir sind, sagt Ted Knight, einer der Pioniere der Mikrobiomforschung. Sie, die Winzlinge auf und in unserem Körper, beeinflussen nicht nur unsere Gesundheit und unser Gewicht. Die 1,5 Kilogramm, die wir mit uns herumtragen, sind möglicherweise  für manche Krankheit wichtiger als unser Erbgut. Sie könnten sich zum Schlüssel entwickeln, um Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose, Fettleibigkeit, Herzerkrankungen, oder Darmkrebs zu verstehen. Und sie bestimmen offenbar, ob wir einzelne Medikamente nicht vertragen oder eine andere Dosis als üblich benötigen.

Manche haben auch einen „fiesen“ Charakter. Diese fiesen Keime, die uns erkranken lassen. In der Regel leben wir aber friedlich mit unserem Mikrobiom zusammen, das allein in unserem Darm mehr als 100 unterschiedliche Partner hat. Krankmachende Keime gewinnen dann die Oberhand, wenn das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht gebracht ist. Eine Behandlung mit Antibiotika zielt auf solche „bösen“ Bakterien, tötet aber teilweise auch die „guten“ Bakterien ab.

Aufschluss zur Thematik geben Versuche mit Mäusen. Mäuse, die ohne eigenes Mikrobiom aufgewachsen sind, erhalten Mikroben von einer dicken Maus – und werden dick. Gibt man den Mäusen Mikroben von dicken Menschen, werden die Mäuse auch dick. Das Mikrobiom scheint also über Artgrenzen hinweg zu wirken. Leider ist es noch nicht gelungen, dass Mäuse nach einer Transplantation von Darmbakterien abnehmen.

Darmmikroben können über das Blut, die Nerven, das Hormon- oder das Immunsystem das Gehirn beeinflussen. Wir wissen aber noch nicht, wie genau. Und welche Mitbewohner sollten wir zuerst beobachten? Für das menschliche Mikrobiom wurde im Labor eine Software entwickelt, mit der die Mikroben den Körperregionen zugeordnet werden können. Das Ergebnis war eine faustdicke Überraschung. Die Mikroben im Mund oder die Mikroben im Darm sind weniger miteinander verwandt als Mikroben, die in einem Riff oder einer Prärie vorkommen. Ein halber Meter Abstand im Körper weist somit eine größere mikrobielle Vielfalt auf. Zudem sind die Bakterien gleicher Körperregionen, also der Haut, des Mundes, der Vagina oder des Darmes von einem Menschen zum anderen teilweise grundverschieden. Das Erbgut aller Menschen stimmt zu 99,99 Prozent überein. Doch ihre Darmflora beispielsweise ist manchmal nur zu 10 Prozent identisch.

Auch Therapien (Transplantation eines Mikrobioms ) stehen erst am Anfang. Zwar werden Stuhlproben seit den 60er- Jaheren Patienten verabreicht, die unter lebensbedrohlichen Darmentzündungen durch das Bakterium Clostridium difficile leiden. – Bei Menschen, die bereits an einer Kombination aus Bluthochdruck, Übergewicht, erhöhtem Blutzuckerspiegel und gestörtem Fettstoffwechsel litten, setzten Ärzte auf obige Therapie. Die Patienten nahmen nicht ab, aber über einen Zeitraum von sechs Wochen wirkte Insulin bei ihnen besser.

Wir stehen ganz am Anfang, berichtet die Ärzteschaft. Bis dahin gilt: Wer stark verarbeitete Produkte meidet, meist selber kocht, Obst und Gemüse isst, ausreichend schläft und sich regelmäßig bewegt, fördert die Vielfalt der Mikroben im Darm – sofern dann auch noch der Einsatz von Antibiotika reduziert wird.

Angela Grosse, Unsere kleinen Mitbewohner, (Auszug ), In und auf dem Körper leben Millionen Bakterien – gute wie schädliche, Sie beeinflussen die Gesundheit enorm, #Hamburger Abendblatt, WISSEN, Mittwoch, 14. Dezember 2016

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#Hoffnungsträger

Der junge Herr Außenminister kommt etwas zu spät, aber er entschuldigt sich wortreich dafür, nachdem er händeschüttelnd durch den Raum gegangen ist. Sebastan Kurz (30), der sich zum OSZE-Treffen in Hamburg aufhält, hat mit Honorarkonsul Hans Fabian Kruse eine Runde von Auslands-Österreichern zu einem Abendempfang eingeladen. Wohl nicht von ungefähr im Westin, denn nicht nur die Hotelchefin ist Östereicherin, auch der „Hausherr“, Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter aus Wien, schaut vorbei.

Mit einem gut geschnittenen Anzug und seinen gewienerten Schuhen, die Haare ordentlich gegelt, macht Kruse, der seit Jahren mit seiner Freundin im Wiener Bezirk Meidling lebt, „bella figura“ – auch auf dem politischen Parkett. Er trug maßgeblich dazu bei, die Balkanroute für Flüchtlinge zu schließen, und wurde so weit über die Grenzen der Alpenrepublik hinaus bekannt. Im kommenden Jahr übernimmt Kurz, der sein Jurastudium nie beendete, von Frank-Walter Steinmeier den OSZE-Vorsitz.

Als der damalige ÖVP-Integrationsstaatssekretär 2014 mit 27 Jahren zum Außenminister ernannt wurde, habe er den kalten Krieg nur aus Geschichtsbüchern gekannt, sagt Kurz. Wenig später sei der Ukraine-Konflikt ausgebrochen. Das EU-Magazin „Politico“ hat den Österreicher unter die „28 Menschen, die Europa formen, erschüttern und aufrühren„, gerade auf Platz 12 gewählt.

Zu Kurz gekommen, (ungekürzt, ohne Kommentar), #Hamburger Abendblatt, MENSCHLICH GESEHEN, 09/12/ 2016.

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Hoert nicht auf, zu #spielen: Im #Spiel liegt Zauber

Freizeit und Erholung

Freizeit und Erholung

Der Neurobiologe Gerald Hüther sagt, dass er eigentlich jeden Tag spielt. Wenn ihn keiner sieht, versucht er mal rückwärts zu gehen oder sich im Kreis herum vorwärts zu bewegen. Wenn er an seinem Schreibtisch sitzt, liebt er es sehr, den Stift wegzulegen und einfach mal mit seinen Gedanken zu spielen.

Um kreativ sein zu können brauchen wir das Spiel. Denken wir an Kinder, die sich im freien, unbekümmerten Spiel, zum Beispiel mit dem Küchengeschirr, fast verlieren. Kinder, die Fantasien mit Dingen entwickeln, die eigentlich für ganz andere Zwecke bestimmt sind. Diese Kreativität zeichnet uns als Menschen aus und hat uns wahrscheinlich erst zu dem gemacht, was wir heute sind. Und wir sollten deshalb sehr darauf achten, dass uns diese spielerische Kreativität nicht abhandenkommt.

Die Ökonomisierung beherrscht unser eigenes Denken, das Familienleben, Krankenhäuser und Altenheime, die öffentliche Verwaltung und sogar die Kirche. Unser Menschsein wird aber nicht durch das Erzielen möglichst großer Gewinne bestimmt, sondern durch die immer klügere Erschließung der Möglichkeitsräume, die sich uns bieten. Mit anderen Worten: Es geht darum, dass wir unsere Talente, Begabungen, Potenziale so gut es irgendwie geht zur Entfaltung bringen. Das können wir nicht, wenn wir unseren Entwicklungsprozess ausrichten nach den Erfordernissen eines Wirtschaftssystems.

Lernende Kinder

Lernende Kinder

Kreativität entsteht erst durch das Spiel. Wenn Kinder Augenblicke erleben, in denen niemand etwas von ihnen will und sie kein anderes Bedürfnis bedrängt, fangen sie an, zu spielen. Das hört allerdings auf, wenn Pädagogen oder Eltern anfangen Kindern zu sagen, was sie zu lernen oder zu spielen haben. Wissenschaftlich würde man es als eine Situation beschreiben, in der das Kind zu einem Objekt gemacht wird. Zum Objekt der Ziele, Vorstellungen und Bewertungen anderer. In dem Moment bekommt es Druck von außen, und sein Gehirn reagiert sofort mit dem Unterbrechen des Bedürfnisses zum freien Spiel. Denn Spiel unter Druck oder Angst ist unmöglich.

„Frühförderung“ nimmt den Kindern die Lust am Entdecken.Wenn Eltern alles dafür tun, damit ihr Kind im Kampf um die besten Positionen nicht abgeschlagen wird, ist das nur verständlich. Aber diese Eltern müssen sich fragen: Wo bleibt bei all den Fördermaßnahmen der Raum, in dem das Kind aus sich heraus auf eigene Ideen kommen kann? Wenn alles vorgegeben ist und kein Raum zum eigenen Entdecken bleibt, wird das Kind sehr leicht die innere Überzeugung herausbilden: Es kommt immer darauf an, die Dinge so abzuarbeiten, wie es vorgegeben ist.

Kreativität entsteht, weil wir Dinge kombinieren, die wir normalerweise nicht miteinander in Verbindung setzen würden. Denn Kreativität ist nicht, dass uns etwas völlig Neues einfällt. Eher, dass es uns gelingt, Dinge miteinander auf eine andere als die bisherige Weise zu verknüpfen. In dem Augenblick, in dem ein Mensch spielt, hört die fokussierte Aufmerksamkeit auf, es öffnet sich die Wahrnehmung und man kommt in einen Zustand – halten wir uns fest -, den man Achtsamkeit nennt. Achtsamkeit, die Menschen hilft, sich selbst zu finden und aus schwierigen Situationen herauszukommen. So will es die neueste Theorie.

Kreativität am Schreibtisch ist jedenfalls schwierig. Wenn wir uns die Lebensläufe der Menschen ansehen, die großartige Entdeckungen ( wie Dampfmaschine, Eisenbahn, Computer, Doppelhelix, Relativitätstheorie ) gemacht haben, stellen wir fest: Sie haben ihre Entdeckungen unter der Dusche gemacht, beim Spazierengehen, im Bett. Dort, wo man aus der Zweckorientierung herauskommt.

Wir müssen jetzt alles auf den Kopf stellen: Arbeitswelt, Alltag, das ganze System. Die Wiederentdeckung des zweckfreien, unbekümmerten gemeinsamen Spielens ist eine subversive Untergrabung der Grundlagen unseres ökonomischen Systems. Es ist aber nicht derAufruf zu einer Revolution, sondern der Aufruf, sich selbst wiederzufinden.

Laura Rethy, Seid wie Kinder! (Auszug ), Arbeit und Schule lassen den Menschen zu wenig Freiräume, um kreativ zu sein, warnt der Neurobiologe Gerald Hüther. Er ruft dazu auf, die Unbekümmertheit wiederzuentdecken. Hamburger Abendblatt, WISSEN, Donnerstag, 17. November 2016.

Kinder spielen nur dann unbekümmert,

wenn sie völlig frei von Angst sind.

Gerald Hüther , Christoph Quarch, Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist, Hanser Verlag, September 2016, 224 Seiten, 20 €.

 

 

 

 

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Die #Magie der #Mondäpfel in #Ottensen

Ein Blick vom Mond auf die Erde

Ein Blick vom Mond auf die Erde

Wundersame Erkenntnisse auf dem Wochenmarkt in Ottensen (Hamburg) . Die Versuchung ist mittelgroß. Bei Vollmond gepflügte Elstar-Äpfel, so verheißt die Werbung des Bauern aus der Region, schmecken besonders deliziös und geben Kraft – die Krone der Schöpfung quasi. Das mit besonders viel Liebe in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober gepflückte Bioware doppelt so teuer ist, fällt dabei kaum noch ins Gewicht.

„Natürlich ist das Geschmackssache“, sagt die plietsche Verkäuferin. So und so. Wer will, kann ein kleines Stück vom Mondapfel probieren. Eine Kundin lobpreist das Produkt: „Ein Traum.“ Einen Passanten, der von teurem „Hokuspokus“ und „Etikettenschwindel“ spricht, lässt sie links liegen. Der Mann mit Baskenmütze legt nach. Er würde das kostspielige Obst nur kaufen, wenn es auch von sieben Jungfrauen gepflückt worden wäre. Empörung am Stand.

Jetzt mischen sich weitere Umstehende ein. Eine erzählt von Mineralwasser aus Mondscheinabfüllung, etwas teurer, aber wunderbar bekömmlich, eine andere von ihren Friseurbesuchen. Ihr Haar lasse sie nur schneiden, wenn der Mond in Erd- oder Feuerzeichen stehe. Weil dann der Wuchs kraftvoller verlaufe. Und ein Freund schlage sein Brennholz nur bei Neumond. Dann ruhe der Saftstrom des Baumes. Das Holz trockne schneller und schimmle nicht.

„Das ist noch gar nichts“, sagt ein junger Mann. Er berichtet von Schlachtern, die Wurst unter Klängen von klassischer Musik herstellen. Manche Kunden seien bereit, dafür tiefer in die Tasche zu greifen. Das sei noch eine Marktlücke am Spritzenplatz in Ottensen.

Jens Meyer-Odewald, ZWISCHENRUF, Die Magie der Mondäpfel ( Ungekürzt ), Eine Glosse, HAMBURG, Bezirke, Hamburger Abendblatt, Montag, 7. November 2016.

 

 

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#Rezension: Verena #Boos, #Blutorangen

Ausschnitt: Picassos Guernica

Ausschnitt: Picassos Guernica

Maite ist eine 20-jährige Spanierin. Sie kommt aus einem wohlhabenen, konservativen Elternhaus. Die Familie lebt im spanischen Valencia. Von hier aus werden Orangen in alle Welt verkauft. Weil sie das entsprechende Alter erreicht hat, geht Maite 1990 zum Studieren von Valencia nach München. Zu dieser Zeit wird in Deutschland die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten gefeiert. Auch Maite, dem Elternhaus gerade entronnen, fühlt sich frei und unabhängig. Sie ruft sich zur „Souveränen Republik“ aus. In München lernt Maite Carlos kennen und lieben. Er ist der Sohn einer Deutschen und eines Spaniers. Zur Familie gehört auch Antonio, der Großvater von Carlos, mit dem sich Maite gut versteht und anfreundet.

Blutorangen

Blutorangen

Der spanische Großvater Antonio musste 1933 nach Frankreich fliehen. Das war zur Zeit von General Francos Machtergreifung. Antonio gerät 1940 in ein Auffanglager für spanische Republikaner. Von hier aus geht es mit ihm in  einem Deportationszug Richtung Mauthausen. Böses ahnend, gelingt ihm in München die Flucht aus dem Güterwagon. Erst viel später kann er sich eine Existenz als Orangenhändler auf dem Münchener Großmarkt errichten. Doch durch sein Leben als Flüchtling ist er für alle Zukunft gezeichnet. Wem soll er von den drei Tagen auf den Gleisen erzählen? Wie von Hunger, Durst, Kälte und Dreck berichten? Das Grauen hat ihn von innen ausgehöhlt. Jede Erinnerung an den Todeszug bereitet ihm Angst, Todesangst. Vergeblich versucht er die Schrecken zu verdrängen; es funktioniert nicht.

Die tiefste Tiefe von Elend, das Äußerste an Qual trifft

immer den Einzelnen, nicht eine Anzahl von

Menschen. Das unheimliche Schmerzensübermaß

des Todeskampfes muß der Mensch einzeln ertragen,

nie wird es der Masse der Menschen zuteil.

Edgar Allan Poe

1809 – 1849

Als Maite ihre Heimatstadt Valencia verlässt weiß sie noch wenig über die Geschichte ihres Landes und ihrer Familie. Man erzählt, ihr konservativer Vater Francisco sei früher ein einfacher Dorfpolizist gewesen. Maite ahnt noch nichts von den Verbrechen der Guardia Civil während der Diktatur von General Franco. Das aber wird schlagartig anders. Während einer Familienfeier bei den deutschen Verwandten ihres Freundes Carlos stößt sie auf das Schwarzweiß-Foto eines Wehrmachtssoldaten. Letztendlich erkennt sie dieses Foto wieder: Über der rechten Brusttasche der Uniformjacke ein Adler mit Hakenkreuz. Links auf der Tasche ein schwarzes Kreuz mit weißem Rand, –  solches hat sie im Schreibtisch ihres Vaters gesehen.

Der 17-jährige Francisco, ihr Vater, zog für Deutschland in den Krieg. Hitler hatte zuvor Franco im Spanischen Bürgerkrieg mit der Legion Condor unterstützt. Diese zerstörte mit ihren Bombern die baskische Stadt Guernica zu 71 Prozent aus der Luft. Als Gegenleistung stellte Spanien 1941 eine Division zusammen, um Deutschland im Russlandfeldzug beizustehen. Die sogenannte „Blaue Division“, eine spanische Einheit aus Freiwilligen, war an der Belagerung Leningrads beteiligt. Francisco, ihr Vater, war dabei. Der eisige russische Winter machte aus ihm nach Absterben seiner Zehen einen Anderen, einen Versehrten. Wieder zuhause konnte ihm die Familie nichts mehr geben; er hatte sich von ihnen innerlich gelöst. Das was ihm blieb waren seine Überzeugungen von einst: „Die Bolschewisten sind an allem Schuld“. Nach dem Krieg und im Dienst von General Franco hat er sich bei der Verfolgung und Ermordung Andersdenkender beteiligt. – Eine Beziehung, gar eine glückliche, konnte der fehlgeleitete und verbohrte Vater zu seiner rebellierenden Tochter Maite niemals aufbauen.

Deutsche Truppen heimwärts

Deutsche Truppen heimwärts

Zwei vom Schicksal nicht gerade verwöhnte alte Männer schweigen in sich hinein. Jeder auf seine Art. Dem einen gestehen wir eine „Opferrolle“, dem anderen weisen wir eine „Täterrolle“ zu.  Die Familiengeschichten der beiden reichen von 1939 bis 2004 über drei Generationen. Die Familienmitglieder sind durch den Orangenhandel miteinander verbunden. Daher auch der Titel des Buches. Einerseits Maite durch die valenzianische Orangen-Dynastie, andererseits Antonio als Orangenverkäufer auf dem Münchener Großmarkt. Am Anfang und am Ende dieses nicht nur wegen seines Inhalts bemerkenswerten Romans steht man vor einem Massengrab in der Umgebung von Valencia. In diesem frisch ausgehobenen Massengrab werden die Überreste von sieben Republikanern geborgen; unter den Opfern ist auch Antonios Vater. Sie wurden 1939 während der Franco-Ära von Polizisten der Guardia Civil erschossen.

Goya: Desastres de la Guerra a

Goya: Desastres de la Guerra

Verena Boos, Blutorangen, Roman, Aufbau Verlag, Berlin, 1. Auflage 2015, 411 Seiten, € 19,95

 

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