Zwischen #Bürokratie, #Schule und #Familie. Das #Elend auffälliger #Schüler

Das mag die Schulleitung nicht

Das mag die Schulleitug nicht

Etliche Kinder gelten an deutschen Schulen als „Problemfälle“. Sie sind renitent, stören, stellen Lehrer bloß. In Extremfällen werden sie gewalttätig, verletzen sich und ihre Mitschüler. Andere ziehen sich zurück, versinken in Schweigen und Depressionen. Diese Kinder wechseln oft mehrmals die Schule, scheinen nirgends richtig hineinzupassen – weil Lehrer, Mitschüler oder deren Eltern das Verhalten für unzumutbar halten. Was dabei in der Regel unbeachtet bleibt: wie sehr diese Kinder leiden. Sie verhalten sich meist deshalb auffällig, weil sie mit den Bedingungen nicht klarkommen, den großen Klassen, dem Stillsitzen und den Lehrern, die ihre Schüler „zurechtbiegen“ wollen.

Es gibt Extremfälle wie den von Sebastian, 17, der über Monate gar nicht mehr zur Schule ging. Sebastian ist Asperger-Autist. Es irritiert ihn, wenn die Welt nicht nach klar ersichtlichen Regeln funktioniert. Liegt das Besteck nicht fein säuberlich aufgereiht neben  Sebastians Teller, ist das für ihn schwer zu ertragen. Und er reagiert sehr empfindlich auf Lärm. – Er hört sein Blut durch die Adern rauschen. Schon in der Grundschule fiel er auf. War es ihm zu laut, rannte er aus der Schule und blieb erst vor dem Elternhaus stehen. Ab der fünften Klasse besuchte er eine Stadtteilschule. Immer wieder musste seine Mutter ihn vorzeitig abholen, weil er einen „schwierigen Tag“ hatte. Auch wurde er einmal für einige Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Als er kurze Zeit später beim Rauchen einer E-Zigarette erwischt wurde, kam es zum Streit mit der Schulleitung. Daraufhin litt er an Bauchschmerzen, übergab sich nächtelang. Ein Arzt diagnostizierte psychosomatische Beschwerden.

Es gab Übergangslösungen für Sebastian. Viele Angebote erschienen seinen Eltern unpassend: Sebastian wechselte probehalber in die Autistenklasse eines Gymnasiums, wo er aber nicht bleiben konnte, weil er keine Empfehlung für das Gymnasium hatte. Er besuchte eine weitere Stadtteilschule, wo er in einer Art Wahlkabine sitzen sollte, um ihn von Reizen aus der Umgebung und von anderen Kindern abzuschirmen. Nach dem ersten Schultag kam Sebastian aufgewühlt nach Hause. Ähnliches Leid hatte er schon einmal erfahren. Seine Eltern wollten ihm das nicht wieder antun. Für Sebastian folgten lange Phasen der Leere, in denen er zu Hause saß.

Die Schulbehörde  verweist auf die zahlreichen Unterstützungsangebote für Kinder mit Verhaltensstörung. Ein Problem sei, dass Eltern heute stärker als früher auch öffentlich verlangten, die Schule solle die Probleme ihrer Kinder lösen. Manchmal sind die Probleme der Kinder mit denen der Familie eng verzahnt. – Aus psychologischer Sicht sind die Gründe für Schulprobleme und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern völlig verschieden. Einige Eltern vermitteln ihren Kindern zum Beispiel nicht mehr, dass sie Regeln respektieren und auch mal Frust aushalten müssen. Auch Lehrern fällt es manchmal schwer, angemessen auf Kinder einzugehen, die unter Depression, Ängsten, Verhaltensstörungen oder anderen psychischen Problemen leiden. Einander die Schuld an der Misere zuzuschieben bringt jedoch keine Lösung.

Die Mutter einer deutsch-finnischen Familie hat einen zehnjährigen Sohn Antti. Dieser gilt als hochsensibel. Er reagiert besonders stark auf das, was um ihn herum passiert. Ist es ihm zu chaotisch oder zu laut, ist er schnell überfordert. Antti hat zunächst eine Grundschule mit einem besonderen Lernkonzept besucht. Ihr Sohn hat dort wahrscheinlich nichts gelernt. Wenige Monate nach der Einschulung haben die Lehrer den Eltern einen Schulwechsel nahegelegt. In der neuen Schule, einer Waldorfschule, ist Antti von Anfang an ins Abseits geraten. Nach zwei Monaten haben ihn Mitschüler von der Schaukel geschubst. Nach vier Monaten packten sie ihn zu dritt. Ein vierter Junge hat Antti einen Zahn aus dem Mund geschlagen. Die Familie suchte zum dritten Mal innerhalb eines Jahres nach einer passenden Schule. Doch wirklich fündig wurden die Eltern in ihrer Umgebung nicht. Der Junge könne ja Kopfhörer aufsetzen hat ein Schulleiter, den sie zum Erstgespräch trafen, vorgeschlagen.

Die Familie hat die doppelte Staatsangehörigkeit und außerdem ein Ferienhaus in Finnland, was dem Sohn einen Schulbesuch in Finnland ermöglichte. Vom ersten Tag war für Antti alles anders. Die Lehrerin hat den neuen Schüler in den Arm genommen, sie hat ihm gesagt, er sei ein toller Junge. So ergab sich für die Familie ein Kompromiss: Antti geht nun neun Monate in Finnland zur Schule. Dann nämlich, wenn seine Mutter Ferien hat und mit ihm in den Norden reisen kann. In der restlichen Zeit lernt Antti zu Hause in Deutschland. Sonntags schicken ihm seine finnischen Lehrer einen Plan mit den Aufgaben für die nächste Woche. Und dann rufen sie zwei-, dreimal pro Woche an.

Silke Fokken, Kristin Haug, Miriam Olbrisch, Wohin mit Sebastian? (Auszug), manche verhaltensauffällige Schüler gehen über Monate nicht zur Schule. Eltern, Lehrer und Behörden schieben sich gegenseitig die Schuld zu, #DER SPIEGEL, 6/2017, Bildung

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#Svea #Kerling. #schwarz oder #weiß. #Rezension

Sie hat Angst vor dem Leben. Wie sie auch kämpft, sie leidet. Nicht für sich allein. Wenn sie redet hören ihre beiden Töchter ihr zu. Sie ist alleinerziehend, hat drei Katzen und ohne regelmäßige Beschäftigung wie Arbeit. Schon ihre äußere Erscheinung fällt da auf, wo sie lebt. Sie ist einfach anders mit ihrem pechschwarzen Haar, ihren dunklen Augen. Auch spricht sie eine fremde Sprache. Sie ist eine Migrantin der ersten Generation aus einer Gastfamilie. Kann das eine Heimat sein, dieses neue Land, dieser Ort, diese Stadt?

Blick in den Abgrund/Unterbewusstsein

Blick in den Abgrund/Unterbewusstsein

Ihr Blick geht nach innen. Was weiß ihre Mutter, was wissen ihre Kinder von ihrem geistigen Kampf mit den dunklen Gestalten, den Dämonen. Ihr Kopf zerspringt. Sie wühlt in Gedanken und Visionen. Sie ist auf der Flucht, sucht Schutz in Wäldern und Häusern. Ihre Nerven sind zu schwach. Selten kommt ein Lächeln über ihre Lippen. Ihr Nervenkostüm ist ungeeignet für das „Normale“. Sie ist zu sensibel, zu zart. Schon als Kind war sie immer etwas anders. Ihr Misstrauen richtet sich gegen die „heile Welt“ : beim Bäcker, beim Schlachter, bei der Begegnung auf der Straße, –  also im ganz alltäglichen Leben. –  Misstrauen auch gegen jene, die ihr helfen wollen, die Ärzte, die Schwestern in der Klinik. – Was ist das für ein Leben?

Kennen Sie jemanden, der an einer psychischen Krankheit leidet? An einer Depression, an einer bipolaren Störung, an Psychosen, Neurosen? Vielleicht gar Sie selbst? Wie sind wir doch anders, wie wünschen wir uns doch, normal zu sein. Nur um dann zu merken, dass wir doch nicht normal sein wollen. Mir (Autorin) geht es so. Nicht, wenn das als normal gilt, was um mich herum geschieht.“

Ist es das Leben, was sie so fürchtet, oder ist es schon der Tod, was in ihr triumphiert? Sie liebt das Dunkel mehr als das Licht. Wird sie selbst zur Dunkelheit? Bei Nacht werden die bösen Geister unsichtbar. Der Schmerz wird erträglicher, die Narben werden blasser. – In der Dunkelheit offenbart sich ihre Wirklichkeit, eine Wirklichkeit hinter dem Schein, eine irreale Welt hinter der realen Welt. Sie sieht und empfindet ganz deutlich, dass da noch etwas anderes verborgen liegt außerhalb der stupiden so genannten Normalität: Mami, Papi, zwei Wonneproppen in der heilen Welt… Sie will nicht Teil dieser Gesellschaft werden.

Zufriedenes Miteinander

Zufriedenes Miteinander

Heute will und kann Svea Kerling bewusst leben. Die Drei haben zu einem liebevollen, respektvollen Miteinander gefunden. Ein Leben ohne Vorurteile, Schuldzuweisungen, Selbstmitleid. Svea kämpft und bestimmt selbst über ihr Leben. – Und es gibt Menschen, die sie so annehmen, wie sie ist.

schwarz oder weiß

schwarz oder weiß

Svea Kerling, schwarz oder weiß, #Borderliner kennen kein Grau, Autobiografische Erzählung, Orange Cursor, erste Auflage, Dezember 2014, 123 Seiten

 

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Wo bleibt die #Fairness?

Obdachlos

Die Aufklärung und die industrielle Revolution setzten ein Wirtschaftswachstum in Gang, das Hunderte Millionen Menschen aus materieller Not herausführte. Die Lebenserwartung überall auf der Welt ist spektakulär gestiegen. Die andere Seite dieser Revolution aber nennen Historiker und Ökonomen die „Große Divergenz“. Denn die Umwälzungen verbesserten nicht nur die Existenzbedingungen, sondern begründeten auch eine Welt der Unterschiede. Die Geschichte des materiellen Fortschritts, die ich ( Sir Angus Deaton ) erzähle dreht sich sowohl um Wachstum als auch um Ungleichheit.

Die industrielle Revolution riss eine Kluft zwischen dem Westen und der übrigen Welt auf, die sich bis jetzt trotz aller Anstrengungen nicht geschlossen hat. Die weltweite Ungleichheit ist weitgehend das Produkt des modernen Wirtschaftswachstums. Die Ungleichheit ist wie die Schwerkraft: Die gibt sicheren Halt unter den Füßen, löst aber auch beklagenswerte Stürze aus.

Großmutter 12 Stunden an der Stopfgeige

Großmutter 12 Stunden an der Stopfgeige

Ungleichheit kann auf der einen Seite jene, die zurückgefallen sind, zu einer Aufholjagd anspornen, sodass sich ihre Lage verbessert. Sie kann sich andererseits in einer Gesellschaft auch derart verschärfen, dass einige als Profiteure die Leitern hinter sich hochziehen, mit der Folge, dass das Wirtschaftswachstum insgesamt gedrosselt wird und die wirtschaftlichen Abläufe gehemmt werden. Das passiert typischerweise in einer ökonomisch-politischen Oligarchie, wie wir sie auch heute beobachten können. Deshalb denken viele, dass Ungleichheit an sich zwar nicht ungerecht ist, dass jedoch eine Begrenzung zwischen Arm und Reich oder zwischen nicht ganz Arm und Superreich geben sollte.

Es fällt nicht schwer, einen gültigen philosophischen Grund dafür zu finden, Ungleichheit als solche für verwerflich zu halten. Wenn ich reicher bin als ein Anderer, warum sollte der dann das Recht haben, eine ungerechte Behandlung geltend zu machen? Und wenn ich noch immer reicher werde, ohne jemanden dadurch zu beeinträchtigen, dann ist überhaupt nicht klar, warum es dem Anderen dadurch schlechter gehen sollte. – Was ist der faire, gerechte Anteil am Volksvermögen? Menschen, die zurückbleiben oder abgehängt werden haben immer das Gefühl, dass das Leben sie nicht fair behandelt. –

Über welche Art von Ungleichheit sprechen wir? Profitiert die Gesellschaft von den Regeln und Institutionen, die es einigen erlauben, viel reicher zu werden als die übrigen? Oder schaden die Reichen allen anderen, indem sie die Einflussmöglichkeiten der Nichtreichen auf die Gestaltung des Gemeinwesens beschneiden?

Geld kauft politischen Einfluss. Es werden Regeln festgelegt die nicht im Interesse der Allgemeinheit, sondern in dem der Reichen sind, damit sie noch reicher und einflussreicher werden. Die politische Gleichberechtigung wird durch wirtschaftliche Ungleichheit ständig bedroht. Wenn sich die Demokratie in eine Plutokratie verwandelt, werden alle, die nicht reich sind, allmählich von der Teilnahme an der demokratischen Entscheidungsfindung ausgeschlossen. – Der Markt schert sich nicht um Gleichheit oder Ungleichheit. Viele Menschen fragen sich, ob es ihre Kinder oder Enkel besser oder wenigstens genauso  gut haben werden wie sie selber. –

Es gibt viele Arten von Ungleichheit gute und schlechte, kreative und destruktive. Jede Innovation schafft Ungleichheit. Wer aber erheblichen Schaden anrichtet, sind Gruppen und Körperschaften, die eine Hebelwirkung auf die Regierung ausüben und sich zulasten aller anderen bereichern. Diese Art von Ungleichheit beruht auf Raub und Diebstahl. –

Mädchen einer Glasbläserfamilie

Mädchen einer Glasbläserfamiie

Als Beispiel nenne ich die Finanzindustrie und Teile der Gesundheitsindustrie. Sie bringen die Regierung dazu, ihnen die Risiken abzunehmen, sodass sie auf Kosten der Allgemeinheit reicher werden. Das ist als würden sie die Mafia füttern. Diese Ungleichheit muss beseitigt werden, indem wir die Macht derjenigen brechen, die eine Regierung und ein ganzes Land als Geisel nehmen können. Der Populismus entspringt dem berechtigten Gefühl, dass mächtige und wohlhabende Eliten dem Volk die Regierung entfremden und entziehen können.

Der Titel des Buches von Sir Angus Deaton „Der große Ausbruch“ , bezieht sich auf den Film“The great Escape“ („Gesprengte Ketten“). Sein Buch schildert den Ausbruch der Menschheit aus dem Gefängnis von Entbehrung und frühen Tod. Im Film scheitert die Flucht, die Ausbrecher werden gefasst, ihr Anführer wird erschossen. Ausbrüche lassen Menschen zurück, das Glück ist manchen gewogen, anderen nicht. Aber ich (Sir Angus Deaton) finde, dass die Menschheit vor rund 250 Jahren begann, die Ketten zu sprengen, und diese Befreiung dauert bis heute an. Auch wenn dies keineswegs immer so weitergehen muss, sollte jeder die Chance ergreifen, den Ausbruch wenigstens zu wagen.

In seinem Buch „Der große Ausbruch“ geht der Ökonom Deaton den Gründen für den atemberaubenden materiellen Fortschritt nach, der das Leben der Menschen in den vergangenen 250 Jahren so nachhaltig verbesserte wie nie zuvor in der Geschichte. Aber nicht für alle: Armut und Not sind nicht besiegt, die Ungleichheit zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern nimmt ebenso zu wie die Kluft zwischen armen und wohlhabenden Schichten innerhalb der hochentwickelten Länder des Westens.

Angus Deaton, Der große Ausbruch, Klett-Cotta, 1. Auflage, 2017, 460 Seiten, € 26.

Romain Leick & Angus Deaton in Princeton, „Die Ungleichheit beruht auf Raub“ (gekürzt), SPIEGEL-Gespräch, Der Kapitalismus ist eine Erfolgsgeschichte, sagt der Nobelpreisträger Sir Angus Deaton. Was nicht heißt, dass es immer so weitergehen muss. #DER SPIEGEL, 3/2017, Kultur, Seite 122 bis 126.

Also sprach Zarathustra über den Staat:

Irgendwo gibt es noch Völker und Herden,

doch nicht bei uns,

da gibt es Staaten!

Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt-und was er auch hat, gestohlen hat er’s. (Gilt im Hier und Jetzt u. a. für Finanzindustrie und Teile der Gesundheitsindustrie – s.o.)

Innere Stimme als Wegweiser in der Dunkelheit

Von Prinz Charles

Immer noch müssen Millionen von Menschen in Düsternis von gigantischem Ausmaß leben – im Schatten von autoritären Regimen des einen oder des anderen politischen Extrems. Jene, die diese Systeme aus der Praxis und nicht nur theoretisch kennen, weisen immer wieder darauf hin, dass die Herrschenden zum Beispiel Religion nicht aus ideologischen Gründen bekämpfen, sondern aus machtpolitischen. Denn ein religiöser Mensch ist unabhängig von politischen Parteien oder anderen weltlichen Mächten.

Das Leben ist voll von mysteriösen Paradoxen. Eines der erstaunlichsten wird von einigen Menschen bezeugt, die äußerste geistige und körperliche Leiden während ihrer Haft auf sich nehmen mussten und dabei trotzdem seelisch erfüllt lebten – unvorstellbar für jene, die nie eingekerkert waren.

An diesem Paradox können wir erkennen, das Bewusstsein für die innere Stimme  – und die daraus resultierende Glaubensgewissheit – setzt totalitäre Herrschaft in ihrem Kern außer Kraft. Denn jeder Totalitarismus gründet auf der Annahme, die äußeren Umstände hätten unbegrenzte Macht über das Innere des Menschen.

Wir haben daher eine wachsende Verpflichtung: Unsere Kräfte auf die Entwicklung unseres moralischen Mutes und des Bewusstseins auf jene inneren Kräfte zu richten, die wir alle besitzen. Denn ohne diese sind wir unfähig, dem Anspruch autoritärer Systeme zu widerstehen. Gleichzeitig senden wir wie ein Leuchtturm auf sturmumbrauster Klippe jenen einen Hoffnungsstrahl, die noch im Dunkeln leiden müssen.

Rede von Prinz Charles,

1983, an der Alberta Universität in Edmonton, Kanada.


Leserbrief, DER SPIEGEL, 5/2017:

Das Empfinden der Ungerechtigkeit bei der Verteilung der Einkommen ist nicht allein numerisch zu erfassen. Es geht dabei auch um die Wahrnehmung von Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit. Wir haben in unserer Gesellschaft eine zum Teil völlig falsche Skala für den Wert der Arbeit, nicht nur im Status, auch in der Bezahlung. Dr. phil. I. L.-G. ,Basel

 

 

 

 

 

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„Und #Nietzsche Weinte“ von Irvin D. #Jalom. Eine #Rezension

Der Wiener Arzt Dr. Josef Breuer, der Psychiater Dr. Sigmund Freud und der Philosoph Friedrich Nietzsche begegnen uns nicht nur als Arzt, Forscher und Denker. Sie werden uns in dem Roman als Menschen wie du und ich dargestellt: in extremen Situationen misstrauisch, überempfindlich, verzweifelt oder voller Angst. Also wie in ganz „normalen“ Lebenskrisen. Breuer und Nietzsche geraten sogar wegen des gleichen Kummers in Gefahr, Selbstmord zu begehen. Der Grund für Nietzsches „Verzweiflung“ ist die hoffnungslose Liebe zu der jungen Russin namens Lou Andreas Salome.

Salome bewundert Nietzsches intellektuelle Fähigkeiten und sein Werk. Sie empfindet in ihrer Beziehung zu Nietzsche aber nichs weiter als Freundschaft. Zudem fühlt sie sich zu dem attraktiven Paul Ree hingezogen. Dieser ist zu allem Unglück ein enger Freund Nietzsches. Salome hat somit Grund genug, den angesehenen Wiener Arzt Dr. Breuer aufzusuchen. Sie bittet diesen, sich Nietzsches Problem anzunehmen. Nach anfänglichem Zögern willigt Breuer endlich ein.

Was nun geschieht war von beiden Männern nicht vorherzusehen. Der Arzt und der Denker, vom gleichen Schicksal heimgesucht, kommen sich Zug um Zug näher. Breuer verschweigt allerdings, dass Salome in das ganze Vorhaben verstrickt ist. Auch dass Breuer in Nietzsches Büchern „Fröhliche Wissenschaft“ und „Menschliches Allzumenschliches“ blättert und liest, erfährt Nietzsche erst später. – Ein Vorteil für Breuer in den Wortgefechten. – Das tiefgründige Rededuell der beiden erinnert an ein Schachspiel zweier Meister. Zug um Zug bleiben immer weniger Figuren auf dem Spielfeld. In „Verzweiflung“ vereint geben beide im Verlauf des Romans nach und nach immer mehr aus ihrem Inneren preis.

Breuer erzählt wie er  in das Liebesverhältnis zu seiner Patientin Bertha Pappenheim (Alias Anna O.) verstrickt ist. Soll er für Bertha sein Ansehen, Beruf, Familie aufgeben? In diesem Zusammenhang berichtet er von seinen wüsten Alpträumen. Um den Konflikt zu vergessen, besucht er noch mehr Patienten als sonst, was ihm nicht gut tut. – Auch Nietzsche leidet weiterhin. Inzwischen erhält Salome böse Briefe von ihm. Ist das der Auslöser von Nietzsches kritischer Haltung Frauen gegenüber? „Wenn Du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht“.

Wie bei einem Schachspiel sieht sich mal Schwarz und mal Weiß im vermeintlichen Vorteil. – Ein schier endloses Sprach-Duell. Statt scharfer Klinge, hier spitzfindige, tiefgründige Worte. Gesteuert vom Verstand, ebenso wie vom Gefühl. Ein faires Spiel! Ein fairer Kampf! Die Rollen zwischen Therapeut und Patient verschwimmen, werden ständig getauscht. Ein Psychologe und ein Philosoph lassen einander schlussendlich in ihr Seelenleben blicken. Ein Gefühl gegenseitiger Freundschaft wächst zwischen beiden. Diese führt zu Nietzsches Tränen.

Friedrich Nietzsche und Josef Breuer sind sich im realen Leben nie begegnet. Irvin Yalom hat mit seinen hypothetischen Annahmen ins Schwarze getroffen. Ich konnte durch Lesen des Buches dem „Phänomen Nietzsche“ einen neuen Blickwinkel abgewinnen. – Auch der Übersetzerin vom Amerikanischen ins Deutsche Uda Strähling gilt hinsichtlich Stil und Sprache großes Lob.

Irvin D. Yalom, When Nietzsche Wept, New York, Basic Books, 1992, 306 Seiten. ———– Irvin D. Yalom, Und Nietzsche Weinte, Ernst Kabel Verlag, Hamburg, 1994, 379 Seiten. — Irvin D. Yalom, Und Nietzsche Weinte, btb-Verlag, München, 2008, 448 Seiten.

Verfilmung: Und Nietzsche Weinte, 2007, ca. 100 Min. Eine Geschichte über Besessenheit, Begierde und Schicksal, 3L Film GmbH & Co. KG.

 

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#Yaloms „Und #Nietzsche Weinte“ als #Film – #Rezensionen

Dr. Breuer und Anna O. 1882 in Venedig

Dr. Breuer und Anna O. 1882 in Venedig

Nach außen hin kaum sichtbar erleben der Arzt Dr. Josef Breuer und der Philosoph Friedrich Nietzsche in ihrem Inneren tiefste „Verzweiflung“. Das äußert sich durch deren Selbstmordgedanken. In beiden Fällen sind die Auslöser zu diesem Dilemma Frauen. Beim Arzt Dr. Breuer handelt es sich um Patientin Bertha Pappenheim (Alias Anna O.), in welche er sich hoffnungslos verliebt hat. Äußerlich führt der angesehene Arzt ein glückliches Familienleben, nur dass seine Kinder bei ihrem Vater etwas zu kurz kommen. – Friedrich Nietzsche andererseits liebt eine moderne junge Russin, die Psychoanalytikerin Lou Salome. Sie sind miteinander befreundet und führen eine enge, erfreuliche Beziehung auf intellektueller Basis. Recht bald erhält die intelligente Salome von ihrem Verehrer zwei Heiratsanträge, deren Ablehnung den enttäuschten Nietzsche in größte Depression fallen läßt. Salome erfährt von Nietzsches Suizidgedanken.

Salome, Nietzsches Freundin

Salome, Nietzsches Freundin

Salome hat sich Nietzsches Freund, dem Philosophen Paul Ree, zugewandt. Mitgefühl und schlechtes Gewissen treibt Salome nach Venedig in die Arztpraxis von Dr. Breuer. Sie bittet den Arzt, Friedrich Nietzsche von seiner „Krankheit“ zu kurieren. „Verzweiflung“ als Krankheit war den Medizinern von 1882 noch relativ unbekannt. Die Seele des Menschen spielte im Gegensatz zu heute keine Rolle. So lehnt Josef Breuer eine Behandlung von Nietzsche anfangs entschieden ab. Die überaus hübsche (im Film) 21-jährige Salome arbeitet mit ihren weiblichen Vorzügen. Letztendlich kann Breuer dem kaum widerstehen. – Nietzsche weiß von alledem nichts. Er wäre auch niemals dazu bereit, sich aus Liebeskummer einem Arzt anzuvertrauen.

In Breuers Sanatorium werden Nietzsches körperliche Leiden untersucht und behandelt. Die beiden erörtern äußerst redegewandt teils philosophische, teils psychologische Fragen. Im Verlaufe der Gespräche kommt Breuer auf die Idee, die Rollen beider zu tauschen. Nach anfänglichem Zögern willigt Nietzsche ein.

Durch eine Therapie, an der Sigmund Freud, ein Schüler Breuers, mitwirkt festigt Breuer sein Selbstbild. Er bleibt ein guter Arzt und führt eine Vorzeigeehe. – Nietzsche läßt nur zögerlich jemanden an sich herankommen. Er gibt nach und nach etwas aus seinem Inneren preis. Allerdings zitiert er oft und gern Gedanken und Erkenntnisse aus seinen Werken wie z. B. aus der „Fröhlichen Wissenschaft“. Die Trennung von seiner geliebten Salome belastet ihn sehr, verfolgt ihn weiterhin. Nietzsche bleibt einsam, düster und bindungslos.

Bei ihren wissenschaftlichen Dialogen sind sich Nietzsche und Breuer nähergekommen. Sie haben gegenseitiges Vertrauen gewonnen. Als Breuer Nietzsche seinen Freund nennt, wird dieser sentimental. Er weint. – Nietzsche reist ab und arbeitet an „Also sprach Zarathustra“.

 

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#S.Kerling meets #E.A.Poe #Rezension

Meeting 1 – „Auf der Flucht. Flucht vor einem Monster. Plötzlich ein Haus. Sicherheit? Einsamkeit zu Zweit. Immer wieder Angst. Gejagt. Wir selbst sind auf der Jagd. Auf der Jagd nach unserem Selbst. Was ist real, Schein, Wirklichkeit, Einbildung?“

Nur ein Spiel – „Böse Erinnerungen werden wach. Die Seele ist mit Narben übersät. Du warst anders. Schon damals. Kinder wollten nicht mit Dir spielen. Kreaturen sind ehrlich in ihrer absoluten Scheußlichkeit. Sie akzeptieren mich, so wie ich bin. Suche nach der eigenen Wirklichkeit. Wieder alles nur Einbildung? Wo bin ich? Ich sitze an meinem Grab. Will tot sein. Werde lebendig begraben“.

Meeting 2 – „Regentropfen wollen mich fressen. Raus aus meinem Kopf! Mein Kopf explodiert. Ich habe die Wirklichkeit der Anderen zu meiner Wirklichkeit gemacht. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Der Mensch will nicht sterben. Wie kann uns etwas genommen werden, was uns nie gehört hat? Es ist das Leben, das geht. Angst lähmt unser Denken“.

Neckischer Rabe

Neckischer Rabe

 

Claire – „Neckisch spähte ein Rabe durch das Glas des Blumenladens. Claire handelt mit Blumen. Blumen spenden Liebe und Trost. Charles kauft Rosen bei Claire für Elizabeth (seine Frau). Elizabeth vergib mir. Martha (Haushaltshilfe) was würde ich nur für Dich tun? Charles hatte nie Zeit für Elizabeth. Nur für seine Patienten. Elizabeth nimmt das Gift. Sie stirbt aus Einsamkeit und Schwermut wie einst ihre Mutter“.

Meeting 3 – „Schäbige Lampe, schäbiges Licht, schäbiges Dunkel. Kann die Lampe mit ihrem zaghaften Licht das Böse von mir fernhalten? Trügerische Hoffnung. Die grauenvolle Kreatur, die mich aus dem Spiegel anschaut. Das kann nicht ich sein. Einsamkeit lässt uns Abgründe erkennen“.

Warum?

Warum?

Seelenfrieden – „Wadar hatte seine Verfolger abgehängt. Der Wald bot Schutz. Die Horde hatte ihre Treibjagd für heute beendet. Ihre Triebe verlangten nun nach Wein und Frauen. Der Teufel versprach ihnen Seelenfrieden… Wadar erkannte den leblosen Körper seines Freundes. Mit einer Schlinge um den Hals baumelte seine Leiche an einem Ast. Der Mann da oben war tot. Die ersten Aasfresser baten zu Tisch. Keine Schreckenstat käme annähernd dieser Folter gleich, die sein Freund durchleben musste, bevor ihn Gevatter Tod holen durfte. Wadar hätte zurücklaufen müssen und ihn aus der Grube befreien müssen… Diese Berserker hängten ihn so, dass der Tod stets Umwege wählen musste. Wadar war auch damals geflohen. Wie sein Vater hatte er seine Mutter zurückgelassen… Jemand rammte Wadar von der Seite. Auch Wadar war ein Mitglied dieser Horde“. –

Da kämpft und leidet Jemand scheinbar allein? Wir aber sind Deine Leser bzw. Zuhörer, liebe Svea. Der Schmerz und die Traurigkeit steigern sich bis fast ins Groteske. Ist so Schein oder Wirklichkeit? Von ihrem Dämon hinweggetrieben über Raum und Zeit bis ins Innerste das Unbewusste, den Abgrund, die Seele. Eine schäbige Lampe mit grauem, kalten Gespensterlicht einzige Begleiterin? Selbstaufgabe? Depression? Wie stark muss Jemand dafür sein? Redlichkeit und Wahrhaftigkeit sprechen aus Deinen Zeilen, liebe Svea. Willst Du niemals zufrieden, immer nur redlich und wahrhaftig sein? Trittst Du bewusst in feindliche Opposition zur Gesellschaft? Willst Du diese Auseinandersetzung?  – Ich danke Dir für Deine wundervollen Kurzgeschichten und die stille Aufforderung zum Weiterdenken.

S.Kerling meets E.A.Poe

S.Kerling meets E.A.Poe

Svea Kerling, S. Kerling meets E. A. Poe, Verlag: tredition, Hamburg, 146 Seiten, 2016

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#Fortschritte oder #Irrwege der #Medizin?

Computertomografie

Computertomografie

Die medizinische Wissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten

so ungeheure Fortschritte gemacht,

dass es praktisch keinen gesunden Menschen mehr gibt.

Aldous Huxley (1894 bis 1963)

Es ist, wie es der Science-Fiction-Autor Huxley vorhergesehen hat: Im Magnetresonanztomografen (MRT) bleibt so gut wie keiner ohne Makel. Eine erste Zwischenbilanz von Medizinern in Greifswald ergab: In 2.500 Probanden zeigte der Tomograf 13.455 Befunde: vorgewölbte Bandscheiben, Blutungen, Schlaganfälle, Knoten, Schatten, Zysten. Was die Auffälligkeiten genau bedeuten, können die „Ship“-Forscher („Study of Health in Pomerania“) oftmals nicht sagen. Aber 1.052 dieser Befunde in 787 Probanden hielten sie für klinisch bedeutsam und empfahlen weitere klinische Maßnahmen. Natürlich hat die Bilderflut schon etlichen Patienten geholfen. Die Teilnahme an der „Ship“-Studie hat dem einen oder anderen Teilnehmer wohl das Leben gerettet. Doch in dem Maße, in dem die Technik sich in den vergangenen Jahren verbesserte, stieg die Abhängigkeit der Ärzte von dieser Art der Untersuchung. Viele lassen lieber schnell ein Bild machen und vergessen darüber die Kunst, die Diagnose zu stellen. – Doch wenn das Knie mal schmerzt und der Arzt ein MRT-Bild machen läßt, dann kann das Unheil seinen Lauf nehmen. Der Arzt findet das eingerissene Hinterhorn und hat dann Grund genug, eine Kniespiegelung durchzuführen. Häufig war das eingerissene Hinterhorn gar nicht die Ursache der Schmerzen – und der Eingriff am Knie überflüssig.

Mehr als 90 Prozent aller Menschen, die älter als 40 Jahre sind, haben kleine oder mittlere Bandscheibenvorfälle. – Auch das belegen die MRT-Daten. Die Ergebnisse aus der „Ship“-Studie belegen klarer als jede Studie zuvor, wie riesig der Schatz der Anomalien ist, die der menschliche Körper hervorzubringen vermag. Besonders viele Auffälligkeiten fanden sich im Kopf, in den Harnwegen, im Bewegungsapparat sowie in den Bauchorganen.

Die Forscher teilten die Befunde in Kategorien ein. Diagnosen wie Blutungen im Schädel oder Gehirntumor erforderten eine schnelle Abklärung. 12.403 der insgesamt 13.455 Befunde wurden als Normvarianten ohne klaren „Krankheitswert“ eingestuft. Diese wurden den Probanden erst gar nicht mitgeteilt, um sie nicht zu verunsichern. 1.052 Befunde von 787 Probanden wurden als medizinisch bedeutsam eingestuft. Darunter größere Gewebsveränderungen an der Leber oder Brust, Geschwülste in der Niere oder Lunge, bestimmte Zysten im Eierstock, ballonförmige Wandausbuchtungen von Blutgefäßen (Aneurysmen) in Kopf oder Bauch, Engstellen der Halsschlagader. Die Medizinforscher schickten den betroffenen Patienten nach einigen Wochen jeweils einen Brief, in dem sie die betreffenden Anomalien knapp beschrieben und Ratschläge zur weiteren Abklärung gaben. Bei etlichen Probanden löste der Brief einen Schock aus. Kaum hatten sie den Befund erhalten, sind die Probanden verstärkt zum Arzt gegangen. In den folgenden Untersuchungen haben sich viele Sorgen glücklicherweise als unbegründet erwiesen. Denn im Vergleich zu Testpersonen, die keine MRT bekommen hatten, war die Krebsrate der untersuchten Probanden so gut wie nicht erhöht.

Nun wird überlegt, wie man die Probanden schonender über Zufallsfunde aufklären könnte. Für Leute, die zum Arzt müssen, haben die MRT-Daten zwei Botschaften. Es ist normal, Anomalien zu haben. Und zweitens: Jeder sollte sich gut überlegen, ob er wirklich über jede kleine Delle in seinem Körper Bescheid wissen will.

Jörg Blech, Die eingebildeten Kranken (Auszug), Medizin, Bizarre Knoten, seltsame Schatten, – Ärzte durchleuchten gesunde Menschen und finden in deren Körper überraschend viele Anomalien. Alles pathologisch, alle Patienten? Über eine Heilkunde, die zu viel sieht und zu wenig versteht, Wissenschaft, #DER SPIEGEL, Seite 116 – 118, 50/2016

DER SPIEGEL, 52/2016, Leserbrief, Als Patient entmündigt. – Solange die Bereitschaft zu Schadensersatzklagen aufgrund unerwünschten Krankheitsverlaufs bei Patienten und Rechtsanwälten so groß ist, wäre ich ja blöd, Befunde zu verschweigen oder zu bagatellisieren. Dr. M.B. FA Orthopädie, Wetzlar (Hessen)

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#Psychiater, #Therapeuten und andere #psychiatrische Experten in der Talkshow

Psychiater und Patientin

Psychiater und Patientin

Der Psychiater Manfred Spitzer ließ vor Erregung die anderen Gäste in Anne Wills Talkshow kaum zu Wort kommen. Drei Wochen später überraschte der 73-jährige Hans Joachim Maaz an derselben Stelle mit seiner Meinung zur psychischen Gesundheit der Kanzlerin. Beide Auftritte sind stark kritisiert worden, auch von Kollegen: Wie könne man mit dem autoritären Habitus eines gestandenen Mediziners Einschätzungen vortragen, die bar jeder wissenschaftlichen Grundlage seien? Und dabei auch noch küchen-spychologische Ferndiagnosen über amtierende Politiker stellen? Zudem mit so auffällig schlechten Diskussionsmanieren im Fernsehen auftreten, gerade als Psychiater? Die Frage ist: Gibt es eine Grenze für öffentliche Aussagen von Psychiatern, und woran erkennt man sie? Kann es Richtlinien dafür geben, wann wir klare Aussagen über den Zustand einer Person treffen und wann wir besser schweigen sollten, um eine ohnehin aufgeregte Gesellschaft nicht weiter zu verunsichern? Ich ( *Kalbitzer ) sehe deshalb nur sehr wenige Konstellationen, in denen es gerechtfertigt sein kann, öffentlich aus der Ferne über die Gesundheit anderer Menschen zu spekulieren. Wenn ernsthafte Sorgen um die seelische Konstitution bestehen, dann sollte das immer mit der Person selbst oder ihrem direkten Umfeld geklärt werden. Diagnosen über die Medien richten mit Sicherheit mehr Schaden an, als dass sie helfen.

Grundsätzlich sind wir Psychiater darauf vorbereitet, die Grenze dessen, wozu wir uns öffentlich äußern sollten, zu erkennen und uns daran halten. Wir müssen in unserem Alltag permanent vorsichtig und mit Bedacht mit der Macht umgehen, die wir über andere Menschen haben. Weil Menschen sich uns anvertrauen und sich zwar die Sicherheit eines standardisierten Verfahrens wünschen, dann aber trotzdem immer einen Therapeuten wollen, der sie individuell behandelt. Und wie trennt man die individuell richtige Therapie von gefährlicher therapeutischer Willkür? Eine große Verantwortung! In unserer Ausbildung lernen wir deshalb eine wichtige Fähigkeit: unsere eigenen inneren Dämonen wie Eitelkeit, Geltungssucht, Angst und übertriebene Wut zu erkennen und aushalten zu können. „Containment“ nennt man dieses Aushaltekönnen im Fachjargon. Nur wenn wir diese Fertigkeit erwerben, können wir in unserer Arbeit rational bleiben und auch in sehr komplexen emotionalen Situationen professionell reagieren.

Wenn wir uns an öffentlichen Debatten beteiligen, dann sollten wir dort genau diese Fähigkeiten anwenden, um der Verantwortung unseres Berufs gerecht zu werden. Grundsätzlich kann man sagen, dass ein psychiatrischer Experte nur so lange einer ist, wie er nicht vorschnell urteilt oder die Contenance verliert. Dann kann er immer noch eine Privatperson mit einer wichtigen Meinung sein. Aber in dem Moment, in dem er sich seinen Gefühlen hingibt oder gar dem Bedürfnis nach schneller Aufmerksamkeit, gibt er seine therapeutische Urteilskraft auf.

Die Frage ist allerdings, ob Medien bei der Auswahl der eingeladenen Experten nach diesen Kriterien entscheiden wollen. Manche Psychiater machen eine Sendung offenbar, gerade weil sie aus der Haut fahren, für die Macher spannend. Dann sollte man sie aber nicht als Vertreter ihres Fachs einladen, sondern in der Rolle, die sie bei ihrem Auftritt einnehmen. Zum Beispiel als „kontroverser Buchautor, -stößt gerne öffentliche Debatten an“. Oder „Rentner aus Halle, -ärgert sich über die Bundeskanzlerin“.

Jan Kalbitzer, Aus der Ferne ( Auszug ), Essay, Wozu Psychiater lieber schweigen sollten, #DER SPIEGEL, Seite 128- 129, Nr. 49 /3.12.2016

*In seinem Buch „Digitale Paranoia“ plädiert Jan Kalbitzer dafür, dass sich Psychiater nicht durch unfundierte Warnungen vor dem Internet in die öffentlichen Debatten einschalten sollten.

Freud'sche Psychoanalyse

Freud’sche Psychoanalyse

DER SPIEGEL 51/2016, Leserbrief. Der Kollege hat mir aus dem Herzen gesprochen. Unsere Zunft (Psychiater) täte gut daran, sich in öffentlichen Debatten selbstkritisch zurückzunehmen und sich auf die bloße Faktenlage zu reduzieren, statt unzulässigerweise hochspekulativ Diagnosen aus der Ferne zu stellen. Hier drohen vielfältige Gefahren wie Manipulation, Missbrauch und Populismus. – Dr. med. M.P., Recklinghausen

 

 

 

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Nicht alle #Mikroben sind uns willkommen. #Bakterien, #Viren, #Pilze sind unsere Mitbewohner

Bakterien, Viren, Pilze

Mikrobiom, ein Winzling in uns

Sie machen uns zu dem, was wir sind, sagt Ted Knight, einer der Pioniere der Mikrobiomforschung. Sie, die Winzlinge auf und in unserem Körper, beeinflussen nicht nur unsere Gesundheit und unser Gewicht. Die 1,5 Kilogramm, die wir mit uns herumtragen, sind möglicherweise  für manche Krankheit wichtiger als unser Erbgut. Sie könnten sich zum Schlüssel entwickeln, um Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose, Fettleibigkeit, Herzerkrankungen, oder Darmkrebs zu verstehen. Und sie bestimmen offenbar, ob wir einzelne Medikamente nicht vertragen oder eine andere Dosis als üblich benötigen.

Manche haben auch einen „fiesen“ Charakter. Diese fiesen Keime, die uns erkranken lassen. In der Regel leben wir aber friedlich mit unserem Mikrobiom zusammen, das allein in unserem Darm mehr als 100 unterschiedliche Partner hat. Krankmachende Keime gewinnen dann die Oberhand, wenn das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht gebracht ist. Eine Behandlung mit Antibiotika zielt auf solche „bösen“ Bakterien, tötet aber teilweise auch die „guten“ Bakterien ab.

Aufschluss zur Thematik geben Versuche mit Mäusen. Mäuse, die ohne eigenes Mikrobiom aufgewachsen sind, erhalten Mikroben von einer dicken Maus – und werden dick. Gibt man den Mäusen Mikroben von dicken Menschen, werden die Mäuse auch dick. Das Mikrobiom scheint also über Artgrenzen hinweg zu wirken. Leider ist es noch nicht gelungen, dass Mäuse nach einer Transplantation von Darmbakterien abnehmen.

Darmmikroben können über das Blut, die Nerven, das Hormon- oder das Immunsystem das Gehirn beeinflussen. Wir wissen aber noch nicht, wie genau. Und welche Mitbewohner sollten wir zuerst beobachten? Für das menschliche Mikrobiom wurde im Labor eine Software entwickelt, mit der die Mikroben den Körperregionen zugeordnet werden können. Das Ergebnis war eine faustdicke Überraschung. Die Mikroben im Mund oder die Mikroben im Darm sind weniger miteinander verwandt als Mikroben, die in einem Riff oder einer Prärie vorkommen. Ein halber Meter Abstand im Körper weist somit eine größere mikrobielle Vielfalt auf. Zudem sind die Bakterien gleicher Körperregionen, also der Haut, des Mundes, der Vagina oder des Darmes von einem Menschen zum anderen teilweise grundverschieden. Das Erbgut aller Menschen stimmt zu 99,99 Prozent überein. Doch ihre Darmflora beispielsweise ist manchmal nur zu 10 Prozent identisch.

Auch Therapien (Transplantation eines Mikrobioms ) stehen erst am Anfang. Zwar werden Stuhlproben seit den 60er- Jaheren Patienten verabreicht, die unter lebensbedrohlichen Darmentzündungen durch das Bakterium Clostridium difficile leiden. – Bei Menschen, die bereits an einer Kombination aus Bluthochdruck, Übergewicht, erhöhtem Blutzuckerspiegel und gestörtem Fettstoffwechsel litten, setzten Ärzte auf obige Therapie. Die Patienten nahmen nicht ab, aber über einen Zeitraum von sechs Wochen wirkte Insulin bei ihnen besser.

Wir stehen ganz am Anfang, berichtet die Ärzteschaft. Bis dahin gilt: Wer stark verarbeitete Produkte meidet, meist selber kocht, Obst und Gemüse isst, ausreichend schläft und sich regelmäßig bewegt, fördert die Vielfalt der Mikroben im Darm – sofern dann auch noch der Einsatz von Antibiotika reduziert wird.

Angela Grosse, Unsere kleinen Mitbewohner, (Auszug ), In und auf dem Körper leben Millionen Bakterien – gute wie schädliche, Sie beeinflussen die Gesundheit enorm, #Hamburger Abendblatt, WISSEN, Mittwoch, 14. Dezember 2016

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#Hoffnungsträger

Der junge Herr Außenminister kommt etwas zu spät, aber er entschuldigt sich wortreich dafür, nachdem er händeschüttelnd durch den Raum gegangen ist. Sebastan Kurz (30), der sich zum OSZE-Treffen in Hamburg aufhält, hat mit Honorarkonsul Hans Fabian Kruse eine Runde von Auslands-Österreichern zu einem Abendempfang eingeladen. Wohl nicht von ungefähr im Westin, denn nicht nur die Hotelchefin ist Östereicherin, auch der „Hausherr“, Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter aus Wien, schaut vorbei.

Mit einem gut geschnittenen Anzug und seinen gewienerten Schuhen, die Haare ordentlich gegelt, macht Kruse, der seit Jahren mit seiner Freundin im Wiener Bezirk Meidling lebt, „bella figura“ – auch auf dem politischen Parkett. Er trug maßgeblich dazu bei, die Balkanroute für Flüchtlinge zu schließen, und wurde so weit über die Grenzen der Alpenrepublik hinaus bekannt. Im kommenden Jahr übernimmt Kurz, der sein Jurastudium nie beendete, von Frank-Walter Steinmeier den OSZE-Vorsitz.

Als der damalige ÖVP-Integrationsstaatssekretär 2014 mit 27 Jahren zum Außenminister ernannt wurde, habe er den kalten Krieg nur aus Geschichtsbüchern gekannt, sagt Kurz. Wenig später sei der Ukraine-Konflikt ausgebrochen. Das EU-Magazin „Politico“ hat den Österreicher unter die „28 Menschen, die Europa formen, erschüttern und aufrühren„, gerade auf Platz 12 gewählt.

Zu Kurz gekommen, (ungekürzt, ohne Kommentar), #Hamburger Abendblatt, MENSCHLICH GESEHEN, 09/12/ 2016.

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