#Rezensionen: #Altwerden, aber wie?

Mit dem Alter kommt die Weisheit

Mit dem Alter kommt die Weisheit

Alterspubertät ist eine Übergangszeit, sie hat aber nichts mit dem jugendlichen Überschwang der ersten Pubertät zu tun. Bei der Alterspubertät ist das Berufliche, täglich Durchgetaktete Vergangenheit. Das Alter ist noch Zukunft. Diese Zwischenpassage von 65 bis ungefähr 80 nennt sich Alterspubertät. In ihr ist viel mehr möglich, als wir glauben.

Die Verabschiedung in den sogenannten wohlverdienten Ruhestand wird von den meisten eben nicht als Türöffner ins Altersparadies empfunden. Das liegt daran, dass sich eine Grenze verschiebt. Bis dahin gehört man gesellschaftlich zu den Produktiven, danach nicht mehr. Aber die Grenze ist porös geworden, das wahre Alter beginnt keineswegs mit 65, sondern erst, wenn Veränderungen eintreten, die nicht mehr umkehrbar sind. Allerdings kann Alterspubertät zweischneidig sein. Einerseits genießt man neue Freiheiten, andererseits kämpft man gegen die Etikettierung „Alter“. Es dauert eben, bis man „ich bin alt und das ist okay so “ sagen kann, es ist ein kleiner Kampf.

Manche lieben betreutes Busfahren in die Lüneburger Heide, andere trekken auch in ihren Siebzigern noch mit dem Rucksack durch die Alpen. Ja, in der Pubertät sind die Menschen unterschiedlich. Aber eines ist bei allen gleich – sie wollen in keine Schublade gesteckt werden, sie haben Angst vor dem Verlust ihrer Selbstbestimmung. Egal wie alt, niemand will pädagogisiert werden. Statt zu frühzeitig ein sogenanntes Verkehrstraining vorzuschlagen, sollten Themen angeboten werden, mit denen sich Menschen bisher aus Zeitgründen nicht beschäftigt haben: Fremdsprachen, fremde Kulturen, Golf spielen, sich engagieren.

Früher, zur Zeit unserer Eltern, waren die Zeiten geordnet und vorhersehbar. Da hatte jedes Alter seine Verhaltensweisen, es wurde nur selten aus der Reihe getanzt. Das gab zwar Sicherheit, ließ aber kaum Individualität zu. Heute haben wir die Wahl. Wir können still sitzen oder ausprobieren. Wir wissen inzwischen, dass Bewegung, positive Erlebnisse und neue Erfahrungen lebensverlängernd wirken, aber wie aktiv wir als Alterpubertierende sein wollen, müssen wir selbst entscheiden. Genau wie in der Jugendpubertät erlebt sie jeder Mensch ganz unterschiedlich.

Was am Altwerden melancholisch macht, sind ja nicht unbedingt die körperlichen Verfallserscheinungen, sondern die vielen anderen Abschiede. Von Menschen, geliebten Ritualen und Gewohnheiten. Früher passierte ständig etwas, Partner, Kinder, Beruf. Plötzlich ist Stillstand. Dies muss aber nicht passieren, wenn wir rechtzeitig aufpassen. Freundschaften und Hobbys weiter pflegen, es muss ja kein Bungee-Jumping sein. Aber selbst wenn die Kreise kleiner werden, kann man weiterhin am Leben teilnehmen

Am Älterwerden und am Alter ist einiges schön: Man hat eine andere Taktung des Alltags, ist nicht mehr gehetzt, muss sich nicht mehr beweisen, all das kann man genießen. Eine andere Geschwindigkeit, eine andere Zufriedenheit. – Alterspubertät sollte möglichst lange dauern!

Evelyn Holst, Interview mit #BernhardMeyer (Auszug), Alter, was geht ab? Wie in der Teenie-Zeit befinden sich auch Menschen wieder im Übergang. Professor Bernhard Meyer spricht von #Alterspubertät. Weil diese Phase so viele Veränderungen mit sich bringt – und voller Chancen steckt. #Brigitte, Psychologie, Generationen, Nr. 16, Mi, 19.7.2017

Zum Weiterlesen: Bernhard Meyer „Ich? Alt? Alterspubertät und inklusives Altern“, Shaker Verlag, 116 S. € 14,95

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#KimJong-un lenkt im Konflikt ein. #Entspannung mit #Nordkorea?

Kim Jong-un

Kim Jong-un

 

 

 

 

 

 

#Nordkoreas Kim Jong-un lenkt im Konflikt ein und legt Angriffsplan auf US-Pazifikstützpunkt #Guam auf Eis.

#HamburgerAbendblatt, 16. August 2017

 

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Der Versuch das #Bewusstsein durch #Drogen zu erweitern. Wie #krank ist das denn?

Kokainlabor in Flammen

Ein Kokainlabor geht in Flammen auf

29 Teilnehmer eines Heilpraktikerseminars gerieten an einem Freitagnachmittag im September 2015 in größte Gefahr. Ärzte, Psychologen, Yogalehrer und Homöopathen torkelten orientierungslos umher, getrieben von quälenden Wahnvorstellungen. Oder wälzten sich auf dem Boden, rangen um Luft, wandten sich in Krämpfen, verletzten sich selbst. Zahlreiche Krankenwagen, Feuerwehrfahrzeuge und ein Rettungshubschrauber verwandelten die sonst so stille Gemeinde Handeloh in ein riesiges Feldlazarett. Notärzte und Sanitäter spritzten Beruhigungsmittel, verabreichten Sauerstoff, starteten Herzmassage, legten Verbände an.

Um ihr Bewusstsein zu erweitern, hatten Seminarteilnehmer mit viel Flüssigkeit die illegale Substanz 2C-E geschluckt. Das Halluzinogen, in der Drogenszene auch als Aquarust bekannt, kann wie Speed oder Kokain Wahnbilder auslösen und verändert die Wahrnehmung von Farben und Geräuschen. Nebenwirkungen sind oft Atemnot, Schmerzen, Krämpfe und Herzrhytmusstörungen. Ausgerechnet Naturheilkundler mit dem Anspruch, Kranke ohne die vermeintlich giftigen Arzneien der Pharmaindustrie zu heilen, wurden ihren eigenen Prinzipien untreu und konsumierten synthetisch hergestellte Drogen aus dem Chemielabor. Selbst Homöopathen, die ihren Patienten millionenfach verdünnte Mittel verordnen, schluckten eine weitgehend unverdünnte Substanz, von der sie hätten wissen müssen, dass sie verboten ist. Ebenfalls dabei war eine Yogalehrerin, die Kurse auf Mallorca anbietet. Eine Ärztin, die im Internet mit „tiefenpsychologischer fundierter Psychologie“ wirbt. Ein Heilpraktiker, der ganzheitliche Krebsberatung offeriert. Personen, von denen sich Kranke die alternative Linderung ihrer Schmerzen erhoffen.

Das Tagungszentrum „Tanzheimat Inzmühlen“, der Schauplatz des Dramas, liegt versteckt zwischen uralten Bäumen, Wiesen und einem Moorbach. Stefka Weiland und Gabriele Fischer, die beiden Geschäftsführerinnen, ahnten nichts Böses, als die Heilpraktikerin Anja W. die Räume für ein Wochenendseminar buchte. Zusammen mit ihrem Ehemann Stefan S., hatte sie schon öfter Kurse in Handeloh geleitet. Nie gab es Ärger, im Gegenteil. Das Paar begrüßte die Gastgeber und die Kursteilnehmer stets mit herzlichen Umarmungen, Küsschen rechts, Küsschen links, alle hatten sich lieb.

Auch am fraglichen Freitagnachmittag schien alles wie immer. Zunächst wurde es ganz still. Plötzlich hörte Stefka Weiland, eine der beiden Geschäftsführerinnen, verstörende Geräusche. Furchtbare Laute, so ein Grunzen, Stöhnen, Kreischen. Auf der Wiese lagen Leute und schrien. Der Seminarleiter Stefan S. kratzte sich mit bloßen Händen das Gesicht blutig, stolperte ständig, fiel mehrfach hin. – Der Heilpraktiker S. R. wälzte sich wie wild auf einem Steinhaufen. – Die Heilpraktikerin W. lag in einem Graben und zitterte am ganzen Leib, wusste nicht, wo sie war. – Einige Personen bäumten sich trotz Tropf und Kanüle auf und wollten weglaufen; sie mussten von mehreren Helfern mit Gewalt festgehalten werden. – Ein Mann versuchte sich selbst zu verstümmeln.

Die Forschungschemikalie Libelle, die ähnlich wirkt wie LSD, kann bei Überdosierung zu schweren Komplikationen bis hin zum Tod führen. Wie diese gefährliche Substanz in den 2C-E-Vorrat geriet blieb ein großes Rätsel. Der Seminarleiter Stefan S. habe das Zeug gutgläubig erworben und von der brisanten Zumischung keinen Schimmer gehabt. Die Ärzte rätselten zuerst über die Ursache der Ausfälle. Lebensmittelvergiftung? Massenhysterie? Erst als „Tanzheimat“ Geschäftsführerin Gabriele Fischer mehrere Verpackungen mit der Aufschrift 2C-E auf einer Fensterbank entdeckte und Polizisten übergab, war der Fall klar. Deutlich wurde auch, welche Art Seminar geplant war: „Das dritte Auge öffnen“. Die Therapiemethode, mit der dieses Ziel erreicht werden sollte, heißt Psycholyse. Ihr Ansatz, dass nur mithilfe bestimmter Drogen besonders tiefe Schichten des Unterbewusstseins erreicht werden, ist noch umstritten.

Der Schweizer Psychiater Samuel Widmer gilt als einer der Erfinder der Psycholyse. In der Schweiz behandelte Widmer jahrzehntelang seine Patienten mit Substanzen wie Ketamin, Ephedrin und Mescalin sowie anderen psychedelischen Drogen. Sein Motto: Wer heilt, hat recht. Seine Anhänger verehren ihn als Heilsbringer, für seine Gegner war er ein gefährlicher Scharlatan. Als Widmer im Januar 2017 überraschend starb, hinterließ er zwei Frauen, elf Kinder und eine von ihm gegründete Kommune, die „Kirschblütengemeinschaft“. In der Gruppe, bestehend aus 200 Erwachsenen und Kindern, wird mit offenen Beziehungen experimentiert, Sexualität, Esoterik und Spiritualität spielen eine große Rolle, laut Darstellung geht es den Kirschblüten vor allem um „Selbsterkenntnis“.

Auch die Eheleute Stefan S. und Anja W., die das Drogenseminar in Handeloh leiteten sind nach Überzeugung der Staatsanwalt glühende Anhänger des Schweizer Gurus Widmer. Seminarleiter Stefan S. soll sehr häufig in der Schweiz gewesen sein, Widmer sogar assistiert und den Arzt als „ganz großen dieser Weltenzeit“ gelobt haben.

Die beiden Seminarleiter müssen nun mit einer Strafe rechnen und außerdem mit dem Verbot, Patienten zu behandeln. Beiden wurde in der Anklageschrift zunächst nicht nur das „unerlaubte Überlassen von Betäubungsmitteln zum unmittelbaren Verbrauch“ vorgeworfen, also die Abgabe des 2C-E-Cocktails. Sondern weitaus schlimmer, auch der unerlaubte Besitz von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge – ein Tatbestand, der mit Freiheitsentzug bis zu 15 Jahren bestraft werden kann. In einem Raum der „Tanzheimat“ fand die Polizei nämlich Vorräte von LSD, jener Modedroge, der seit Langem bewusstseinserweiternde Eigenschaften zugesprochen werden. Ob das Halluzinogen, das Psychosen und Depressionen auslösen kann, in Handeloh ebenso verteilt werden sollte wie das 2C-E, lässt sich nicht mehr aufklären. Einiges spricht dafür.

Bruno Schrep, Das dritte Auge (Auszug), ein Massenrausch von Heilpraktikern und Homöopathen endete mit einem Großaufgebot von Rettungskräften. Nun kommt der Seminarleiter vor Gericht, #DERSPIEGEL, Deutschland, 26/2017

 

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#Protest beim #G20Gipfel in Hamburg

Protest beim G-20-Gipfel

Protestwelle beim G-20-Gipfel in Hamburg

Wer sind die Organisatoren hinter dem Protest? Was wollen sie? Nur dagegen sein? Oder haben sie Ideen für eine bessere Welt?

Fast eine Woche wird es Alternativgipfel, Diskussionsforen und Demonstrationen geben. Nicht nur vermummte Militante werden in der Stadt sein. Es hat sich ein breites Bündnis aus linken Gruppen gebildet: Umweltschützer, Feministen, Antifaschisten und Friedensbewegte wollen gemeinsam auf die Straße gehen. – Vielleicht gibt es nach dem Gipfel eine Generation Hamburg, die sich vernetzt und langfristig für eine bessere Welt kämpft. Es ist mitunter schwierig mit Linksradikalen ins Gespräch zu kommen. Die Angst in der Szene ist groß. Manchmal zu Recht. Der gerade angelaufene Dokumentarfilm „Im inneren Kreis“ zeigt, dass verdeckte Ermittlerinnen der Polizei  ausspionierten und dafür sogar Liebesaffären in der Szene begannen. Seitdem sind viele noch konspirativer geworden.

Seit Monaten wird die „Kommunikationsinfrastruktur“ des internationalen Medienzentrums FC/MC aufgebaut. Dafür wird ein Saal am Millerntor-Stadion des FC St. Pauli aufwendig umgerüstet. Von dort aus sollen Journalisten und Aktivisten über den G-20-Protest berichten. Sogar ein Livestream ist geplant, um Bilder von den Protesten in die ganze Welt zu übertragen. Es wird in Hamburg Ärger mit der Staatsmacht geben: Ob Hackerangriffe durch Geheimdienste oder direkte Repression durch die Polizei vor Ort, man muss mit allem rechnen. Den anderen Aktivisten wird eine sichere Kommunikation ermöglicht.

Viele, die jetzt die Proteste organisieren, waren schon 2007 in Heiligendamm dabei. Damals protestierten Tausende Menschen gegen den Gipfel in einem Luxushotel am Ostseestrand. Hunderte Demonstranten gelang es, in die Nähe des Absperrzauns zu kommen und die Zufahrtsstraße zu blockieren. Heiligendamm war für viele Aktivisten ein Neustart. Nach langen Jahren der Agonie konnte die Linke im Anschluss an die G-8-Proteste mehrfach Akzente setzen: 2011 besetzten Tausende die Bahngleise im Wendland, um Atomtransporte zu stoppen. Während der Finanzkrise gab es monatelang ein Protestkamp im Frankfurter Bankenviertel, in dem Linke über Alternativen zum Kapitalismus diskutierten. 2015 kam es bei der Eröffnung des neuen Gebäudes der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Ausschreitungen. Und im vorigen Jahr stürmten Umweltaktivisten unter dem Motto „Ende Gelände“ das Braunkohlerevier in der Lausitz, um auf Klimaschäden hinzuweisen.

Laura Kröger, 21, studiert Soziologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg. Sie ist Sprecherin von „Jugend gegen G20“. Dem Bündnis gehören auch die Nachwuchsorganisationen verschiedener Gewerkschaften und die „Falken“ an. Laura Kröger wohnt auf St. Pauli, wo alle ein Problem mit dem G-20-Gipfel haben. Es wird als Provokation angesehen, wenn die Polizei jetzt wieder die unterschiedlichen Zonen bestimmt, in denen die demokratischen Rechte eingeschränkt werden. Weil sie neugierig war, nahm Laura Kröger im Dezember 2016 auf der G-20-Aktionskonferenz an einem Workshop teil. Dort lernte sie andere junge Menschen kennen, die so denken wie sie. Laura Kröger will das Studiensystem verändern. Sie fordert mehr Geld für Bildung und Mitbestimmung. Für sie sind die Demos auch ein Happening. Sie hat jetzt „richtig Bock auf die Proteste“. Die Organisatoren planen Protestcamps, wo Menschen aus aller Welt zusammenkommen.

Emily Laquer von der Interventionistischen Linken glaubt, dass derzeit vor allem Rechtspopulisten den Status quo infrage stellen. Dadurch erscheine Angela Merkel als „last women standing as leader of a free world“. Aber das sei „natürlich Quatsch. 5000 Mittelmeertote und Abschiebungen nach Afghanistan haben nix mit Freiheit zu tun“. – Sie hält am „Klassenkampf“ fest. Die Interventionistische Linke will weiterhin eine „radikale Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse“ erreichen. Dafür hat sich Emily Laquer in Hamburg einiges vorgenommen. Am ersten Gipfeltag will sie mit der Gruppe „Block G 20″die Messehallen umzingeln. „Ungehorsam sein“, wie sie sagt: „Wir wollen den Gipfel einkesseln und festsetzen, sodass zum Beispiel kein Catering mehr durchkommt“. Gestürmt werden soll der Veranstaltungsort allerdings nicht.

Welches Signal von Hamburg ausgeht, wird am Ende davon abhängen, ob es friedlich bleibt. Jan von Aken ist einer von denen, die dafür Verantwortung tragen. Für den 8. Juli hat van Aken, der für die Linken im Bundestag sitzt und früher Greenpeace-Aktivist war, eine Großdemonstration angemeldet. Drei Wochen vor Gipfelbeginn hat der Linken-Ortsverband von Norderstedt zur Diskussion eingeladen. Etwa 50 Leute sind gekommen. Nach dem Vortrag dürfen die Besucher Fragen stellen. Ein Rentner meldet sich zu Wort: „Sie planen eine Demonstration mit 50.000 Leuten. Was  ist mit den 4.000 Leuten, die sich angekündigt haben, um Terror zu machen. Die mischen sich unter sie. Wie wollen sie da friedlich bleiben?“

Laura Backes et al. „Bock auf Proteste“ (Auszug), G20, Linke Aktivisten planen Demonstrationen und Blockaden, um den Gipfel in Hamburg zu stören. Wer sind sie, was wollen sie erreichen? #DERSPIEGEL, Deutschland, 26/2017

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#PeterSloterdijk in Tradition von Hegel, Nietzsche und Heidegger

Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk

Ich (Peter Sloterdijk) hatte ein Unbehagen an der Wiedervereinigung. Ich hatte das Gefühl, wir bekommen es mit einem unkontrollierten Import von Problemen zu tun, ökonomisch und psychosozial. Für diese Entwicklung zahlen wir noch immer, nicht nur mit dem Sozialzuschlag. Dass die ostdeutsche Bevölkerung zur Großfamilie gehörte, ließ sich mit plausiblen Gründen nicht bezweifeln. Die Osterweiterung der Nationalfamilie war aus der deutschen Geschichte heraus gerechtfertigt. Große Männer und Frauen machen die Geschichte nicht wirklich, sie nutzen lediglich Chancen und Gelegenheiten. Geschichte ist damit ein Prozess, der sich eher dem Menschen entzieht. Der Wille und die Tat sind das eine, das Ergebnis aus dem Lauf der Dinge etwas anderes. Dann definiert man Geschichte als die Sphäre, in der es immer anders kommt als gedacht. Geschichtsphilosophen haben gern an der Unterstellung festgehalten, dass sich am Ende der Fortschritt durchsetzt. Man muss den Begriff des Fortschritts in die Komponenten auflösen, aus denen er zusammengesetzt war. Seit 300 Jahren leben wir in einem Kontinuum (Stetigem) der Forschung und Wissenschaft, das kumulativ (anhäufend)  wirkt. Aus diesem Lernzusammenhang können und wollen wir nicht austreten. In der wissenschaftlichen Modernität (Neuheit) und ihrer Ergänzung durch die Technik spielt sich ein riesiges Experiment ab, das der Entlastung des Lebens gilt. Der technische Fortschritt setzt sich immer dann durch, wenn die Menschen mehr Machtmittel in die Hände bekommen, die ihren Aktionsradius erweitern und ihr Dasein erleichtern. Fortschritt in einem nicht naiven Sinn bedeutet Ermächtigung und Entlastung.

Es war eine trügerische Hoffnung der Politik, Europa aus dem Katastrophenschatten der Geschichte herausgeführt zu haben. Wir leben wohl wieder in einem Zeitalter der Angst. Die aktuelle Angst kennzeichnet die heiße Phase der Globalisierung. In einer Synchronwelt  (synchron=gleichlaufend) zu leben ist ein enormer Angriff auf die mentalen (gedanklichen) Strukturen der Menschen. Die Rückentwicklung, die wir heut erleben, sind Wirbel, die innerhalb der Globalisierung fast unvermeidlich auftreten. Die Menschen sind nicht darauf vorbereitet, mit Milliarden Zeitgenossen in voller Kenntnis ihrer Gegenwart zu koexistieren. Globalisierung bringt den Triumph der Indiskretion mit sich. Jetzt schaut jeder jedem ins Wohnzimmer. Globalisierung heißt die Weltform, in der die Chinesen uns näher sind als die Belgier. Oder um anthropologisch (Anthropologie=Wissenschaft vom Menschen) zu reden: Wie wollen wir aus einem Hordenwesen, das von Natur aus ein Kleingruppengeschöpf war, einen Weltbürger machen? Es war schon schwer genug einen Nationalmenschen aus ihm zu formen – und die Umformatierung der Nationalmenschen zu Europäern wird uns noch den Rest des 21.  Jahrhunderts beschäftigen. Die Globalisierung als chronische Mobilisierung, als Einladung zum Dasein in ständiger Bewegung, erfasst ja nur einen kleinen Teil der Menschheit, obwohl man den Tourismus als eine Schule des Weltbürgertums im weitesten Sinne auffassen darf. Darin sind die Deutschen weit fortgeschritten. Für viele Menschen bedeutet das Reisen die Einlösung eines Guthabens an Globalisierungskapital. Für die vielen, deren Radius nur wenige Meilen um ihren Wohnort reicht, wie bei zahlreichen Trump-Wählern, ist die kosmopolitische (weltbürgerliche) Tendenz furchterregend. Sie nehmen an der res publica, am öffentlichen Raum und am Weltverkehr fast gar nicht teil. Deshalb hilft es nicht weiter, Wähler populistischer Parteien oder beharrliche Nichtwähler als Idioten – das Gegenteil von Kosmopoliten – zu bezeichnen.

Die Metapher (Wort mit übertragener Bedeutung) der Familie ist außerordentlich dehnbar. Dass sie am Ende die ganze Menschheit einschließen soll, dass alle Brüder und Schwestern sind, das leuchtet dann doch nicht jedem unmittelbar ein. Diejenigen, welche die Grenzen der Familie enger ziehen wollen, fallen heute als Populisten und Neonationalisten auf.

Wir besitzen heute keine hinreichend starke Vision der Welt mehr, um das Ganze unter einem Dach zu erfassen. Philosophie entstand ursprünglich als therapeutische Kosmologie – das heißt, den Menschen in der erweiterten Welt heimisch zu machen. Der Philosoph ist heute zum öffentlichen Intellektuellen mutiert. Er kann nicht mehr als Designer des Ganzen auftreten. Wenn’s gut geht, fungiert er als Berater oder Beiträger.

Philosophie, Religion und Politik haben die Gemeinsamkeit, sich um die Welt als Ganzes zu sorgen, und das Bedürfnis nach Sicherung der Zukunft zu stillen. Das wichtigste Prädikat (Aussage) des Glaubens wie auch der Philosophie wurde in der Geschichte mit dem Begriff der „securitas“ umschrieben. Auch Luther hat in seinen 95 Thesen das Paradies oder den vollkommenen Glauben mit dem Wort securitas wiedergegeben. Darin steckt eine sehr tiefe anthropologische Verankerung nach Gewissheit. Die Moderne produziert dagegen Desorientierung. Mit Gewissheit lässt sich nicht mehr paktieren (gemeinsame Sache machen). Die amerikanische Hoffnung, die Welt sicher für die Demokratie zu machen, ist verflogen. Überhaupt müssen wir uns heute vor einer Überstrapazierung des Universalismus (Lehre von dem Vorrang des Ganzen vor dem Besonderen) der Aufklärung hüten. Die Rechtspflege und die sozialen Solidarsysteme lassen sich bisher nur im nationalen Rahmen erhalten und ausbauen. Nichtmitgliedern unbeschränkten Zutritt zu beschaffen, mutet da wie eine Geste zur Selbstzerstörung an. Wie viel Fremdheit verträgt eine Kultur, die an einer gewissen Selbstähnlichkeit festzuhalten interessiert ist? Es gibt immer noch eine Fraktion von Linken oder Linksanarchisten beziehungsweise von politischen Masochisten, die jeden Hinweis auf so etwas wie Nation oder nationales Interesse, Identität und Tradition für ein Verbrechen an der Menschheit halten.

Ich (Peter Sloterdijk) stehe für den historischen Konservatismus. Dieser beruht auf der Einsicht, dass zivilisatorische Errungenschaften verloren werden können. Es gibt keine Garantie, dass die gleiche Welt in der nächsten Generation weiterbesteht. Das gilt auch für Frieden, Wohlstand und den Schutz des Sozialstaats. Man könnte vielleicht damit leben, dass es in der nächsten Generation keine großen Erzähler oder Künstler mehr gibt oder keine großen Komponisten. Dramatisch wird es, wenn der Rechtsstaat, der Sozialstaat und die Wohnkultur gefährdet werden. Das letzte nenne ich nicht willkürlich: Von der Behausung hängt das Grundgefühl des In-derWelt-Seins von Menschen ganz wesentlich ab. Wenn das Bewusstsein der Verlierbarkeit von Zivilisationen den Menschen durchdrungen hat, erledigt ein Teil des frivolen Universalismus von selbst.

Wie reversibel (umkehrbar) demokratische Errungenschaften sind kann man heute in aller Welt studieren. Hierzu liefert der Populismus ein tägliches soziologisches Seminar. Der Begriff Demokratie enthält ein sehr hohes pseudodynamisches Potenzial, er ist eine Fehl- oder Deckbezeichnung für Strukturen der Machtausübung, die man sofort verwerflich fände, wenn man sie bei ihrem wahren Namen riefe: Oligokratie, Fiskokratie, Mobokratie, Phobokratie. Vor allem das Prinzip der Oligokratie ist das große Betriebsgeheimnis politischer Strukturen, die sich als demokratisch ausgeben. Hoi Oligoi heißen im Griechischen die wenigen. Die Welt ist nach wie vor oligokratisch organisiert, sie gehört den wenigen, nicht den vielen. Im Übrigen kann man in diesem Kontext das Wunder der Bewegung von Emmanuel Macron ermessen: dass sie über Nacht die gesamte alte französische Oligokratenklasse, soweit sie Politiker waren, in den Urlaub geschickt hat. Das hätte ich (Peter Sloterdijk) den Franzosen am allerwenigsten zugetraut.

Nietzschestein bei Sils Maria

Nietzschestein bei Sils Maria: „Eine Form der Unverrückbarkeit“ – In Anspielung auf Helmut Kohls imposante Aura –

Romain Leick, Die hohe Kunst der Asozialität (Auszug), SPIEGEL-Gespräch, #PeterSloterdijk über die linken Elemente, die sich bei ihm von selbst verstehen, über den frivolen Universalismus und das konservative Denken, #DERSPIEGEL, Kultur 26/2017 Seite 118-122

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#JohannesGrützke: #Nachruf

Johannes Grützke: "Festakt im Freien"

Johannes Grützke: „Festakt im Freien“

Johannes Grützke, 79

Er war, was man aus seinem Werk nicht unbedingt geschlossen hätte, ein angenehmer, ja liebenswürdiger Mensch. Das Groteske seiner Menschendarstellung trat bei ihm persönlich als Schalk in Erscheinung, das historisch Anspielungsreiche als private Gelehrsamkeit, das Abgründige als wortwitziger Hintersinn. Der bedeutendste öffentliche Auftrag des in Berlin geborenen Malers, „Der Zug der Volksvertreter“, ein 33 Meter langes Rundbild für die Rotunde der Frankfurter Paulskirche, enttäuschte bei seine Enthüllung 1991 jede Hoffnung auf Pathos, Würde und optimistische Geschichtsauffassung: Scheeläugige und Schiache, proletarische Weiber, Kerle und Kinder stören den hoffnungsvollen Zug der Volksvertreter zur ersten deutschen Nationalversammlung – ein kreisender Pulk von Männern im schwarzen Anzug , nicht wenige nicht eher überfordert als beseelt wirkend, nicht zuletzt der Träger einer bedrohlich rutschenden Christusfigur. Grützke spielte in Filmen mit („Die flambierte Frau“), gestaltete Bühnenbilder, schrieb für das Theater, komponierte und war Gründungsmitglied der Künstlergruppen „Die Erlebnisgeiger“ und „Die Schule der neuen Prächtigkeit“. Sein polemischer Realismus stand quer zu Abstraktion und Konzeptkunst; „Kunst, sagte er, ist nicht modern, sondern immer!“ Johannes Grützke starb am 17. Mai in Berlin.

Johanns Grützke (ungekürzt), #DERSPIEGEL 21/2017 Nachrufe

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Was und wie #Banken ihren #Kunden verkaufen

Wenn's um Geld und Münzen geht

Wenn’s um Geld und Münzen geht

2014 und 2016 nahm Herr A. zwei Kredite auf – einmal 30 000 und einmal 15 000 Euro. Beide Male schloss er dabei auch sogenannte Restschuldversicherungen ab, die einspringen sollen, wenn ein Kreditnehmer stirbt. Die Policen kosteten knapp 2 900 beziehungsweise  rund 2000  Euro, ohne Versicherung keinen Kredit sagte die Bankberaterin. Erst Jahre später, als er eine Sondertilgung vornehmen wollte, las A. in seinen Vertragsunterlagen, dass der Abschluss angeblich freiwillig war.

Im Ernstfall helfen viele dieser Policen wenig. Nur bei 0,3 Prozent aller Verträge tritt laut Statistik  überhaupt ein Versicherungsfall ein. Dabei sind sie auf dem Papier oft nicht nur für den Todesfall, sondern auch als Hilfe bei plötzlicher Arbeitslosigkeit oder Krankheit gedacht. Oft aber sind die Verträge voller problematischer Klauseln, etwa mit Blick auf die Vorerkrankungen des Versicherungsnehmers.

In Deutschland nimmt das Geschäft mit den Verträgen teils absurde Züge an. Ein Leipziger Ehepaar, das einen Ratenkredit über 30 400 Euro aufnehmen wollte ließ sich 2016 von seiner Bank sogar eine Restschuldversicherung von 18  500 Euro andrehen. Wie willkürlich solche Preise festgelegt werden, zeigt ein Vergleich des Maklerportals Check24. Vertreter der Website fragten bei diversen Anbietern einer Restschuldversicherung mit Komplettschutz an – für ein und denselben Musterkunden mit ein und demselben Musterkredit. Der Preis der Angebote schwankte zwischen 995 und 2838 Euro. Oft gibt es für die Versicherungen nicht einmal einen Vertrag, sondern nur ein Kästchen auf dem eigentlichen Darlehenskontrakt, das angekreuzt werden muss. Im Fall von Staatsanwalt A. wurde der Preis für die Versicherung zudem automatisch zur Kreditsumme addiert, sodass noch Zinsen fällig wurden.

Immer wieder schlagen Verbraucherschützer wegen derartiger Koppelgeschäfte Alarm. Auch wird eine klare Pflicht zur Aufklärung gefordert, so dass der Kunde die freie Wahl hat, ob er eine oder zumindest welche Restschuldversicherung er abschließt. Auch die Kosten des Produkts müssen offengelegt werden. Jurist A. wird das nicht mehr helfen. Er hat Strafanzeige gegen seine Bankberaterin erstattet, wegen gewerbsmäßigen Betrugs.

Die Ostsächsische Sparkasse hält seine Vorwürfe für „völlig unzutreffend“. Es habe eine „umfangreiche und fachgerechte Beratung“ gegeben, die intern „lückenlos dokumentiert“ sei. „In unserem Haus sind die Kreditvergaben nicht zwingend an Restschuldversicherungen gebunden“, heißt es zudem. „Prinzipiell nehmen sich unsere Berater für dieses sehr individuelle Produkt sehr viel Zeit.“

Anne Seith, Teure Restschuld(Auszug), Banken verkaufen ihren Kunden massenhaft Kreditversicherungen, etwa für den Todesfall. Dabei sind diese teuer  – und häufig nutzlos.  #DERSPIEGEL, Wirtschaft, 20/2017

 

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#Krank werden durch #sozialenStress in unseren #Ballungszentren

Ländliche Idylle

Ländliche Idylle

Städter reagieren viel empfindlicher auf Stress als Menschen, die auf dem Land wohnen. Manche Stressfolgeerkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und auch Schizophrenie treten bei Städtern deutlich häufiger auf als bei Menschen, die auf dem Land wohnen. Dazu kommt, wer als Kind auf dem Land aufgewachsen ist, trägt möglicherweise ein Leben lang Spuren davon in sich. Das Schizophrenierisiko im Erwachsenenalter ist umso größer, je länger man als Kind in der Stadt gewohnt hat. Laute Autos, stinkende Abgase, hohe Kriminalität, wenig Grün… All das sind wichtige Faktoren. Belastender Stress hat fast immer auch eine soziale Komponente. Der Lärm der Nachbarn nervt uns viel mehr, wenn wir sie nicht kennen oder sie nicht mögen, als wenn wir mit ihnen befreundet sind. Und der Lärm eines aufheulenden Motorrads, der von der Straße in unser Wohnzimmer dringt, treibt unseren Adrenalinspiegel auch deswegen in die Höhe, weil wir ihn als Verletzung unserer Territoriumsgrenze empfinden.

Der soziale Stress in der Stadt birgt die größte Gefahr. Dabei spielen vor allem zwei Faktoren eine Rolle: Isolation und die Angst vor dem sozialen Ausschluss oder Abstieg. Einsam ist man vor allem unter Menschen, von denen man ausgeschlossen wird – und nicht bei einem Waldspaziergang, den man bewusst alleine unternimmt. Hohe Bevölkerungsdichte in der Stadt in Kombination mit sozialer Isolierung kann großen sozialen Stress erzeugen. Wer einsam in seiner Mietwohnung sitzt, und durch die dünnen Wände ständig die nervigen Nachbarn hört, zu denen er keinen Kontakt hat, ist psychisch stark belastet. Das ist eine Stresssituation, die man schwer aushalten kann.

Dass Abstiegsangst Stress verursacht, ist gut belegt – egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Aber in der Stadt ist das soziale Gefälle meist größer und verläuft steiler als auf dem Land.  Auch große Unterschiede auf begrenztem Raum können Stress verursachen. Psychische Belastung hängt weniger von der eigenen Armut als von der Armut der Nachbarn ab. Wer neben Menschen wohnt, die arm sind, hat offenbar Angst selbst in finanzielle Not zu geraten. Und diese Angst vor der Armut verursacht wahrscheinlich mehr Stress als das Armsein selbst.

Berlin ist vielleicht eine Ausnahme. Berlin ist eigentlich eine mediterrane Stadt. Der Grund sind seine breiten Bürgersteige, die keine reinen Transitzonen sind, sondern zum Verweilen einladen, weil sich auf ihnen Cafes ausbreiten können oder einfach Leute Tische und Stühle rausstellen. Und wegen seiner immer noch vielen Brachflächen, die vielfältig genutzt werden.

Trotz des höheren Depressions- und Schizophrenierisikos bieten Städte viele Vorteile: bessere Krankenversorgung, mehr Bildungs- und Kulturangebote. Wichtig ist, dafür zu sorgen, dass auch wirklich jeder Stadtbewohner Zugang zu diesen Möglichkeiten hat. Opernhäuser und Theater haben einen Public-Health-Auftrag. Das muss der Politik klar sein, wenn über Kulturförderung und Subventionen gestritten wird.

  • Mazda Adli, 47, berichtet in seinem Buch „Stress and the City“ über die mentalen Folgen des Stadtlebens. Sein Buch hat er vor allem auf dem Land geschrieben. Er hält es für sehr wichtig, diese Möglichkeit des Rückzugs zu haben.

Interview: Veronika Hackenbroch, „Einsam unter Menschen“(Auszug), Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie – der Berliner Psychiater Mazda Adli beschreibt, wie in Städten durch sozialen Stress psychische Krankheiten entstehen, #DERSPIEGEL, 19/2017

Mazda Adli, Stress and the City. Warum uns Städte krank machen, C. Bertelsmann, 2017, 384 Seiten, € 19,99

 

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#Kassandra von #ChristaWolf. Eine #Rezension

Das Trojanische Pferd

Griechen im Inneren eines hölzernen Pferdes. Das Trojanische Pferd.

Die Troerin Kassandra und ihr Bruder der Troer Paris sind tragende Figuren in der Erzählung von Christa Wolf. Paris, unehelich gezeugt, wird von seinem Vater, dem Troerkönig Priamos, ausgesetzt, aber von Hirten gerettet. Zum Highlight seines Lebens gehört es, einen Schönheitswettbewerb zwischen den Göttinnen Athene, Hera und Aphrodite zu entscheiden. Die siegreiche Aphrodite verspricht ihm als Belohnung für seine Wahl die schönste menschliche Frau auf Erden, die Griechin Helena. Diese ist aber gerade mit dem König von Sparta, Menelaos, verheiratet. Paris kann sie nur durch Raub gewinnen.

Helena ist nur kurz in Paris Besitz. Ägypter entreißen ihm ihrerseits Helena aus seinen Fängen. So trifft Paris mit einer verschleierten Gestalt in Troja ein. Diese weibliche Gestalt kann nur ihre Landsmännin Helena sein, das glauben zumindest die Griechen. Auch der einfache Troer unterliegt dieser Täuschung. Die mit seherischen Fähigkeiten vom griechischen Gott Apoll ausgestattete Kassandra durchschaut diesen Schwindel schnell. Priamos untersagt ihr aber, das Geheimnis zu verraten. Auf Grund solcher Täuschung an Griechen und Troern wird Troja zehn Jahre lang belagert. Erst dem griechischen Held Odysseus gelingt mit seiner List den Krieg zu beenden und Troja endgültig niederzuringen: Die nur zum Schein abziehenden Griechen hinterlassen ein hölzernes Ungestüm, genannt Trojanisches Pferd, vor der trojanischen Stadtmauer. Die Troer schaffen das vermeintliche „Abschiedsgeschenk“ in ihre Stadt und feiern ausgelassen und übermütig. – Kassandra wird fast wahnsinnig vor Verzweiflung und Wut. –

Reste späterer Mauern von Troja

Reste späterer Mauern von Troja

Das Geschehen nimmt seinen schicksalhaften Lauf. Nachts verläßt Odysseus als erster das selbst gewählte Gefängnis, Stadtmauern werden geöffnet, griechisches Militär strömt herein und das Morden an den Troern beginnt. Außer unzähligen Troern werden auch Troerkönig Priamos, und seine Tochter, die Priesterin Kassandra, vom Griechenkönig Agamemnon festgenommen und versklavt. Kassandra, die die Tragödie vorausahnte, erleidet den Tod. Sie wird von Agamemnons Frau und deren Geliebten umgebracht. – Weil ihre Warnungen nicht gehört wurden, durchlebte Kassandra Martyrien voller Schmerz und Angst. –

Troja - heute

Schauplatz des homerischen Troja – heute

Die Ich-Erzählerin Kassandra ist die tragische Figur der Handlung. Schon frühzeitig straft der  Gott Apoll Kassandra mit dem Fluch: Kein Mensch soll an ihre düsteren Prophezeiungen (Kassandrarufe) glauben, sie ernst nehmen. Das ist Apolls Strafe für die von ihr verschmähte Liebe zu ihm. Als troerische Königstochter gehört sie einem hohen Stand an, auch wird sie von ihrem Vater besonders geliebt, – ansonsten hat sie viele Widrigkeiten und viel Unheil zeit ihres Lebens erfahren müssen: Ihr erster „richtiger Mann“ war nicht der von ihr geliebte Aineias (der durch seine Flucht überlebt), sondern der griechische Priester Panthoos, oberster Apollo-Priester. An der Athene-Statue wird sie zudem von dem Griechen Klein Aias vergewaltigt. – Zu ihrer Zeit hat sich der Staat von einem Matriarchat zu einem Patriarchat gewandelt. In der „Vatergesellschaft“ ist kein Platz für sie. Kassandra wird eine Ungehorsame, eine Außenseiterin. Auch ihren eigenen Tod sieht sie voraus. Sie findet keinen Ausweg.

„Kassandra“ wurde zur Zeit des „kalten Krieges“ in Ost und West geschrieben. Im Jahre 1983 wurde die Erzählung in beiden deutschen Staaten bekannt. Christa Wolf nennt das Werk eine Schlüsselerzählung. Sie sieht sich in Kassandra verwirklicht. Kassandra ist die Prophetin eines Untergangs – eines Untergangs, der heutzutage hoffentlich niemals eintreffen wird.

Christa Wolf, Kassandra, Erzählung, Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied, 1983, 157 Seiten.

 

 

 

 

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#Frieden durch #Aufrüstung?

Panzer auf dem Weg zum Einsatz

Panzer auf dem Weg zum Einsatz

Die „Abschreckung“ funktioniere, sagen Politiker in Ost und West. Aber ich glaube ihnen nicht. Der Krieg wurde nur ausgelagert nach Südostasien oder Afrika. Die „Abschreckung“ verhinderte den Einmarsch der Sowjetarmee in Budapest 1956 und in Prag 1968 nicht. Und nicht die Schüsse auf Menschen an der Mauer.

Mein Vater gab mir ein Buch zu lesen, den Briefwechsel Stalins mit Churchill, Attlee, Roosevelt und Truman. Sie schickten einander Fotos von zerstörten deutschen Städten – wie Trophäen. Ich lernte, dass im Krieg auch diejenigen Verbrechen begehen, die gegen das Verbrechen in den Krieg ziehen. Denn Krieg selbst ist ein Verbrechen. Als ich Vater wurde und ein kleines, zerbrechliches Leben in meiner Hand hielt, verstand ich, warum ich nicht töten soll. Ich habe das Leben nicht geschaffen. Ich habe nicht das Recht, es zu vernichten. Das ist die einfache Logik der Liebe.

Wir dürfen den Anspruch an uns nicht aufgeben, ein Leben ohne Hass und Gewalt zu führen. Wir schaffen auch nicht alle Ampeln ab, nur weil immer wieder jemand bei Rot weiterfährt. Wir dürfen keinen Frieden mit dem Krieg schließen.

Ich werde widersprechen, wenn mich einer an den Krieg und die Logik des Krieges gewöhnen will: wenn Bombenangriffe „Luftschläge“ genannt werden, wenn Generäle von „chirurgischen Schnitten“ schwärmen, wenn Rüstungsindustrie sich als „Sicherheitsindustrie“ bezeichnet, wenn die schrecklichste Bedrohung, die der Mensch geschaffen hat, „Schutzschild“ genannt wird, wenn Milliarden für Mordinstrumente gefordert werden, während Millionen Menschen verhungern. Rüstung tötet auch ohne Krieg, durch Ressourcenvernichtung.

Wenn heute Politiker oder Militärexperten oder Journalisten für eine Aufrüstung Deutschlands oder Europas werben, dann erschrecke ich darüber, dass von den Schrecken des Krieges nicht mehr die Rede ist. Sie nennen es Rückkehr zur Normalität, wenn Deutschland sich an Kriegen beteiligt.

Wenn ich an die Länder denke, denen Waffen Frieden und Freiheit bringen sollten – Afghanistan, der Irak, Libyen, Syrien -, dann fällt es mir schwer von den Mitteln des Krieges, die Verhinderung des Krieges zu erwarten. Ich mag diesen Strategen, die Krieg „Militäroperationen“ nennen und zerstückelte Menschen „Kollateralschäden“, weder mein Geld anvertrauen noch die Entscheidung über Krieg und Frieden.

Ich vermisse Selbstzweifel bei denjenigen, die von der Erhöhung des Wehretats reden, als würde ein einstöckiges Haus eine zweite Etage bekommen. Die Mobilisierung für den Krieg beginnt immer mit der Demobilisierung der Herzen. Es ist etwas falsch in einer Gesellschaft, wenn es modisch ist, Veganer zu sein, aber als altmodisch gilt, Pazifist zu sein. Ich bin ein altmodischer Mensch. Etwas besseres als die Mahnung: „Du sollst nicht töten“, habe ich zum Thema Krieg nicht gehört. – ( tuscade, alternativ dazu: Du sollst das Leben und alles Lebendige achten und schützen! )

Wofür?

Wofür?

Stefan Berg, Kein Frieden mit dem Krieg (Auszug), Debatte, Wer für eine Aufrüstung Deutschlands wirbt, hat die Schrecken des Krieges vergessen, #DERSPIEGEL, 15/2017.

Leserbrief  Nr. 15/2017, Debattenbeitrag – Kein Frieden mit dem Krieg

  • Bergs persönliche Gedanken machen vollkommen klar, welche Werte und Einstellungen wichtig sind. Krieg und dessen Anerkennung als Normalität sind unmoralisch, ja unmenschlich. Und wenn Moral altmodisch wird, sollten wir es ruhig auch sein. –  Josef P. Olching (Bayern)
  • Ehrenwert! Aber die beste Selbstverteidigung besteht darin, dass das Risiko für den potentiellen Angreifer zu hoch ist. Wir brauchen im Inneren Polizei und im Äußeren Militär, um Gegner vor Übergriffen glaubwürdig warnen zu können.  – Dr. Dietrich W. S. Stuttgart

 

 

 

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