#Unrecht, das es in #unserer deutschen #Demokratie niemals geben wird!

So soll es sein!

So soll es sein!

Für „unwertes Leben“ erklärt, deportiert, ermordet – 1940 begann das dunkelste Kapitel in der Hamburger Medizingeschichte: der Mord an psychisch kranken und behinderten Menschen. Die Kranken litten an Schizophrenie, Epilepsie, Mongolismus, Fehlbildung des Gehirns, wie zum Beispiel einen Wasserkopf, oder an körperlichen Fehlbildungen. Behinderte Kinder wurden durch Ärzte oder Hebammen einem Reichsausschuss in Berlin gemeldet, wo Gutachter per Aktenlage über das Schicksal der Kinder befunden. Ein Plus auf der Akte bedeutete das Todesurteil. Die Kinder wurden in eine der etwa 30 Kinderfachabteilungen im Deutschen Reich aufgenommen und ermordet.

Fürsorge

Eines der Opfer der Deportation war Irma Sperling, 1930 als siebtes von zehn Kindern geboren. Irma war in ihrer Entwicklung verzögert, lernte spät laufen, stieß sich häufig mit dem Finger ins rechte Ohr. Eine Nachbarin meldete der Fürsorge, dass sich in der Familie ein auffälliges Kind befände. Eine Fürsorgerin bewegte die Familie Sperling dazu, das Kind in die Alsterdorfer Anstalten zu geben. Mit drei Jahren kam Irma dorthin. Ein Psychiatrieprofessor hatte zuvor in einem Gutachten ein verheerendes Urteil gefällt: „völlig idiotisch und bildungsunfähig“. Bis 1943 lebte Irma in den Anstalten. 1943 wurde sie mit 227 anderen Frauen und Mädchen in eine Tötungsanstalt in Wien deportiert, wo sie 1944 starb. Auf der Sterbeurkunde stand: „Todesursache: angeborene zelebrale Kinderlähmung, Grippe, Lungenentzündung“ .  – Von alldem erfuhr Irmas Familie zunächst nichts. Später begab sich ihre Schwester Antje Kosemund auf Spurensuche. Durch Recherchen, gegen viele Widerstände, fand sie schließlich heraus, was mit ihrer kleinen Schwester passiert war. Sie erfuhr auch, dass am Leichnam ihrer Schwester Forschungen vorgenommen worden waren. An mehr als der Hälfte der Opfer der Krankenhausmorde wurde geforscht. Für viele Wissenschaftler und Ärzte im Dritten Reich waren diese hilflosen, kranken Menschen willkommendes „Forschungsmaterial“.

Diese Sichtweise zeigt sich auch in den Menschenversuchen, an denen Hamburger Mediziner beteiligt waren. Ein Hamburger Frauenarzt entwickelte das Kolposkop, das noch heute zur Früherkennung des Gebärmutterhalskrebses eingesetzt wird. Die Effektivität des Kolposkops ließ man durch einen Doktoranden an Frauen im Konzentrationslager in Auschwitz testen. Bei auffälligen Befunden wurde den Frauen Teile der Gebärmutter oder das ganze Organ entnommen und zur Untersuchung nach Hamburg geschickt.  – Bei all diesen Versuchen wurden die Frauen gegen ihren Willen als Material benutzt.

Es gab kein Mitgefühl, keine ärztliche Ethik des Helfens und Heilens für diese Patienten. Man ließ Menschen hungern, um die körperlichen Auswirkungen zu untersuchen. Oder man untersuchte die  Wirksamkeit des Impfstoffs gegen Tuberkulose an jüdischen Kindern und verabreichte einem Teil den Impfstoff und infizierte alle mit dem Tuberkelbazillus, auch die ungeimpften Kinder. Anschließend wurden alle „Studienteilnehmer“auf Tuberkulose untersucht. –

Ein grauenhaftes Ende fanden diese Kinder, die als „Kinder vom Bullenhuser Damm“ in die Geschichte eingegangen sind, in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945: Um die Menschenversuche im KZ Neuengamme zu vertuschen, ermordeten SS-Männer 20 jüdische Kinder aus Polen, der Slowakei, Italien, Frankreich und den Niederlanden und mindestens 28 Erwachsene im Keller des Gebäudes  am Bullenhuser Damm 92 bis 94, einer Außenstelle des KZ. 6000 Hamburger Opfer und viele Schuldige: Ärzte, Krankenschwestern, Hebammen und Fürsorgerinnen.

Im Museum: Im Medizinhistorischen Museum ist die Geschichte von Irma Sperling dokumentiert. Ausgestellt sind auch Instrumente, die für die Zwangssterilisation verwendet wurden. Im November wird die Dauerausstellung „Medizinverbrechen im Nationalsozialismus“ eröffnet.

Zum Gedenken: An die ermordeten Kinder vom Bullenhuser Damm erinnert eine Gedenkstätte im Keller der ehemaligen Schule am Bullenhuser Damm 92-94. Sonntags von 10-17 Uhr geöffnet. Eintritt ist frei.

Zum Gedenken: Der Irma Sperling-Weg in Alsterdorf wurde nach dem Mädchen benannt, das von den Alsterdorfer Anstalten deportiert und in der Kinderfachabteilung in Wien ermordet wurde.

Der Ort des Unrechts

Der Ort des Unrechts

Morde und Menschenversuche in Kliniken(Auszug), Hamburger Medizingeschichte, letzter Teil: Die Rolle der Nazi-Ärzte – und das Schicksal von Irma Sperling, die ihnen zum Opfer fiel, #Hamburger Abendblatt, HAMBURG, Montag, 13. März 2017

Halbmondfinsternis: Erdogans Deuschland

Halbmondfinsternis: Erdogans Deuschland

Leserbrief: Die Nazis haben die Medien gleichgeschaltet, Minderheiten verfolgt, Kritiker eingekerkert, die Opposition kaltgestellt und verfolgt. Wer nicht der Meinung des „Führers“ war, der war sein Feind. Herr Erdogan , ich hätte da mal eine Frage: Wo findet so etwas gerade statt? In Deutschland? Jürgen L. Mönchengladbach

Leserbrief: Wer mit ausgestrecktem Zeigefinger auf unschuldige Nachkriegs-generationen zeigt und sie als Nazis beschimpft, auf den zeigen vier Finger zurück. Wer hier meint, das kräftig bejubeln zu müssen, sollte besser ins gelobte Land zurückgehen. Hans Gerd, G. Remscheid

Zum obigen Thema noch erwähnenswert ( aus „Wenn das ganz normale Arschloch von nebenan“… Bei tuscade als Eintrag zu finden ) Hier: Wie Sonderlinge doch die Welt auf den Kopf stellen und hinters Licht führen wollen!

Bekenntnis:

Er war nie ein Faschist.

Hat vom KZ nichts gehört.

Und an Röhm hat ihn immer das Schwule gestört.

Doch wie das so ist:

Als PG numeriert, aber nicht tätowiert,

ist er hin und wieder im Braunhemd marschiert.

Doch dies hatte nichts mit Gesinnung zu tun.

Wirklich, rein gar nichts! Da war er immun.

Auch der Himmler war ihm als Spieler zuwider,

und er haßte die Baldur-von Schirach-Lieder.

Und den „Stürmer“ hat er nicht einmal gelesen;

da ist er nur Zwangs-Abonent gewesen.

Schließlich will man sich keinen Ärger bereiten

und heult mit den Wölfen in solchen Zeiten.

Auch „Mein Kampf“, der stand nur im Bücherbord

so quasi zur Tarnung. Gelesen? Kein Wort!

Tja, und dann wegen der Juden und all dem Kram

ist er aus zutiefst empfundener Scham

inmitten des Krieges und im Abschwung des Siegs

sehr still nach tief innen emigriert.

Wo sich noch heut seine Spur verliert.

Glaubt mir, Leut, er war kein Faschist.

Er war als Mensch nur ein Opportunist.

–Seit neuestem vermutet man allerdings, dass der obige (Mensch aus dem Gedicht) sich in dem wieder erstarkten Deutschland, dem demokratischen Deutschland, rechtzeitig einen Namen als „Nazijäger“ gemacht haben soll…–

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#Schmerzen als #Nebenwirkung durch die Einnahme von #Antibiotika

Fluorchinolone in Deutschland

Fluorchinolone in Deutschland

Sogar die amerikanische Zulassungsbehörde (FDA) warnt nicht nur vor Sehnenentzündungen und -rissen, sondern auch vor Gelenk- und Muskelschmerzen, Missempfindungen und Schmerzen auf der Haut, Herzrasen und Herzrhythmusstörungen, schlimmen Durchfall, Schlafstörungen, Verwirrung, Halluzinationen, Depressionen und Selbstmordgedanken – unter anderem. Die Mittel, so die FDA, sollten bei Erkrankungen wie Nasennebenhöhlenentzündungen , Bronchitis oder einer unkomplizierten Harnwegsinfektion deshalb dann nur noch zum Einsatz kommen, wenn wirklich kein anderes Antibiotikum mehr hilft.

Trotzdem wurden 2015 in Deutschland immer noch 33,7 Millionen Tagesdosen Fluorchinolone verordnet. Offenbar unterschätzen die Ärzte die Gefahr. Fluorchinolone werden immer noch viel zu häufig bei banalen Infektionen verschrieben. Warnhinweise müssten dringend so formuliert und verbreitet werden, dass auch beim letzten Arzt „der Groschen“ fällt. Wie viele Betroffene es in Deutschland tatsächlich gibt ist schwer abzuschätzen. Aber es ist davon auszugehen, dass Fluorchinolon-Schadwirkungen ein unterschätztes Problem sind, auch deshalb, weil einige der Nebenwirkungen schon nach einer einzigen Tablette auftreten können oder erst Monate nach der Einnahme. Eine Kohortenstudie hat ergeben, dass das Risiko, an einer Achillessehnenentzündung zu erkranken, nach Einnahme von Fluorchinolonen im Vergleich zu anderen Antibiotika 3,7-fach erhöht ist; Levofloxacin ist dabei wahrscheinlich besonders riskant. Insbesondere ältere Patienten und solche, die zusätzlich Kortikosteroide einnehmen, sind gefährdet. Manche Wissenschaftler halten es sogar für möglich, dass ein Patient von etwa 230, die ein Fluorchinolon verschrieben bekommen, eine Sehnenentzündung erleidet. Demnach müsste es in Deutschland Tausende Betroffene geben.

Warum die Medikamentengruppe der Fluorchinolone so viele verschiedene unerwünschte Wirkungen auslösen kann, weiß niemand genau. Möglicherweise schädigen die Mittel direkt die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zelle, oder sie stören den Kontakt zwischen Zelle und ihrer Umgebung. – Alleingelassen mit ihrem Leid fangen die Betroffenen jetzt an, sich selbst zu helfen. Ganz vorn dabei ist Sven Forstmann. Auch ihn schmerzen die Sehnen und etliche weitere Beschwerden machen ihm zu schaffen, seit er vor acht Monaten zwei Tabletten Levofloxacin und eine Tablette Ciprofloxacin nahm. Etwa 1400 Leute, berichtet er, seien in Facebook-Gruppen organisiert oder beim Betroffenenforum registriert.

Veronika Hackenbroch, Zwei Tabletten Schmerz (Auszug), Sehnenriss, Muskelqual, Depression – Eine Gruppe von Antibiotika, die Fluorchinolone, können schreckliches Leid auslösen. Doch viele Ärzte ignorieren die Gefahr, #DER SPIEGEL, 7/2017, Medizin.

Leserbriefe, DER SPIEGEL, Vorher kerngesund, 9/2017

Ich, 38 Jahre, vorher kerngesund, bin nach einmaliger Einnahme von Ciprofloxacin wegen eines unspektakulären Infekts betroffen von Sehnen-, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Unbelastbarkeit des ganzen Bewegungsapparats. Deshalb ist es für mich eine Wohltat einen solchen Artikel zu lesen und ihn allen Ärzten, die sagen, „nein gibt es nicht kommt nicht vom Cipro“, unter die Nase halten zu können. Die Unwissenheit und die meist nur einfache arrogante Ignoranz oder Unbelehrbarkeit der Götter in Weiß sind fast noch schlimmer zu ertragen als die Schmerzen des vorher einwandfrei funktionierenden Körpers! – Stefan Z. Schwabach (Bayern)

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Das #schwarze #Loch. Ein ungelöstes #Rätsel der Astrophysik

Entstehende Galaxie

Entstehende Galaxie

Eine ungewöhnliche Entdeckung könnte dazu beitragen, ein wichtiges Rätsel der schwarzen Löcher zu lösen – welches wiederum eng mit der Entstehungsgeschichte der Galaxien zusammenhängt. An dieser Entdeckung ist die deutsche Astronomin Stefanie Komossa beteiligt: „Das große Fressen dort draußen im All nimmt einfach kein Ende.“ Es klingt paradox, aber viele Indizien sprechen mittlerweile dafür, dass ausgerechnet die Sternenfresser Geburtshelfer der Sterne waren. Wie Messungen zeigen, beherbergt offenbar jede größere Galaxie in ihrem Zentrum ein supermassives schwarzes Loch, das so viel wiegt wie Millionen Sonnen – auch in unserer Milchstraße kommt ein solches Monster vor. Und je schwerer eine Galaxie desto schwerer ist auch ihr Sternenschlucker. Dieser Zusammenhang kann kein Zufall sein.

Gaswolke

Gaswolke

Die schwarzen Löcher bildeten in der Frühzeit jene  Schwerkraftzentren, um die herum sich  Gaswolken nach und nach zu funkelnden Sonnen zusammenballten. Doch wenn die schwarzen Löcher tatsächlich die kosmischen Keime für die Galaxienbildung waren, wie sind sie dann selbst entstanden?

Urknall

Urknall

Computersimulationen liefern Hinweise, wie alles angefangen haben könnte: Schon kurze Zeit nach dem Urknall bildeten sich aus der Urmaterie demnach riesige „Hypersterne“, jeder von ihnen hundertmal so schwer wie unsere Erdensonne. Wegen ihrer ungeheuren Masse waren diese ersten Sterne nicht allzu lange stabil. Während heutige Sonnen viele Milliarden Jahre alt werden können, fielen die Hypersterne unter dem Druck ihrer eigenen Schwerkraft schon nach wenigen Millionen Jahren in sich zusammen. Bei diesem Kollaps verbogen sie Raum und Zeit – sie verwandelten sich in schwarze Löcher, die alles zermalmen, was in sie hineinfällt. Unfassbar verdichtet ist in ihnen die Materie. Würde die Erde zu einem schwarzen Loch werden, passte ihre gesamte Masse in ein Schnapsglas. Wie es im Inneren der schwarzen Löcher aussieht, weiß niemand, vielleicht wird sich das auch nie aufdecken lassen. Bilden sie Abkürzungen durch den Raum? Oder gar Brücken zu unbekannten Universen? So fremdartig muten diese Himmelsobjekte an, dass viele Kosmologen lange bezweifelten, dass es sie überhaupt geben kann. Ihre Existenz ergibt sich jedoch aus Albert Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie und wurde durch viele Messungen bestätigt. So plausibel das Szenario ist, welches beschreibt, wie vermutlich ihre Geburt ablief – rätselhaft bleibt, wie die aus den Ursternen hervorgegangenen schwarzen Löcher so schnell zu ihrer heutigen Größe anwachsen konnten. Schon bald nach ihrer Geburt müssen sie Abermillionen Sonnen verschlungen haben. Seltsam daran ist nur: Die meiste Zeit sind die Ungeheuer auf Diät gesetzt.

Hyperstern

Hyperstern

So hungert das schwarze Loch, das im Zentrum unserer Milchstraße lauert, schon seit Äonen vor sich hin. Gegenwärtig stopft es nur noch geringe Mengen Gas und Staub in sich hinein, die in seiner Nachbarschaft herumvagabundieren, pro Woche höchstens die Masse der Erde. Könnte die Fressorgie in der fernen Zwerggalaxie nun dazu beitragen, eine Wissenslücke zu schließen? Das dort seit einem Jahrzehnt schlemmende Loch wiegt offenbar schon mehr als hunderttausend Sonnen – es ist also weitaus schwerer als ein neugeborenes schwarzes Loch, aber immer noch leichter als die supermassiven Exemplare. Vielleicht wurde mit diesem mittelschweren schwarzen Loch endlich das langersehnte Bindeglied gefunden. Sein außergewöhnlicher Fressmechnismus könnte erklären, wie einige schwarze Löcher so schnell so schwer werden konnten.

 

Schwarzes Loch

Schwarzes Loch

Olaf Stampf, Stefanie Komossa, Die Sternenfrau und das Biest (Auszug), Eine deutsche Astronomin schaut schwarzen Löchern beim Fressen zu. Ihre Beobachtungen können helfen, die Geburt der Galaxien zu rekonstruieren. Das gefräßigste Schwerkraftmonster kaut schon seit zehn Jahren auf einer Sonnenleiche herum. #DER SPIEGEL, 9/2017, Kosmologie.

 

 

 

Supermassives schwarzes Loch

Supermassives schwarzes Loch

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Zwischen #Bürokratie, #Schule und #Familie. Das #Elend auffälliger #Schüler

Das mag die Schulleitung nicht

Das mag die Schulleitug nicht

Etliche Kinder gelten an deutschen Schulen als „Problemfälle“. Sie sind renitent, stören, stellen Lehrer bloß. In Extremfällen werden sie gewalttätig, verletzen sich und ihre Mitschüler. Andere ziehen sich zurück, versinken in Schweigen und Depressionen. Diese Kinder wechseln oft mehrmals die Schule, scheinen nirgends richtig hineinzupassen – weil Lehrer, Mitschüler oder deren Eltern das Verhalten für unzumutbar halten. Was dabei in der Regel unbeachtet bleibt: wie sehr diese Kinder leiden. Sie verhalten sich meist deshalb auffällig, weil sie mit den Bedingungen nicht klarkommen, den großen Klassen, dem Stillsitzen und den Lehrern, die ihre Schüler „zurechtbiegen“ wollen.

Es gibt Extremfälle wie den von Sebastian, 17, der über Monate gar nicht mehr zur Schule ging. Sebastian ist Asperger-Autist. Es irritiert ihn, wenn die Welt nicht nach klar ersichtlichen Regeln funktioniert. Liegt das Besteck nicht fein säuberlich aufgereiht neben  Sebastians Teller, ist das für ihn schwer zu ertragen. Und er reagiert sehr empfindlich auf Lärm. – Er hört sein Blut durch die Adern rauschen. Schon in der Grundschule fiel er auf. War es ihm zu laut, rannte er aus der Schule und blieb erst vor dem Elternhaus stehen. Ab der fünften Klasse besuchte er eine Stadtteilschule. Immer wieder musste seine Mutter ihn vorzeitig abholen, weil er einen „schwierigen Tag“ hatte. Auch wurde er einmal für einige Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Als er kurze Zeit später beim Rauchen einer E-Zigarette erwischt wurde, kam es zum Streit mit der Schulleitung. Daraufhin litt er an Bauchschmerzen, übergab sich nächtelang. Ein Arzt diagnostizierte psychosomatische Beschwerden.

Es gab Übergangslösungen für Sebastian. Viele Angebote erschienen seinen Eltern unpassend: Sebastian wechselte probehalber in die Autistenklasse eines Gymnasiums, wo er aber nicht bleiben konnte, weil er keine Empfehlung für das Gymnasium hatte. Er besuchte eine weitere Stadtteilschule, wo er in einer Art Wahlkabine sitzen sollte, um ihn von Reizen aus der Umgebung und von anderen Kindern abzuschirmen. Nach dem ersten Schultag kam Sebastian aufgewühlt nach Hause. Ähnliches Leid hatte er schon einmal erfahren. Seine Eltern wollten ihm das nicht wieder antun. Für Sebastian folgten lange Phasen der Leere, in denen er zu Hause saß.

Die Schulbehörde  verweist auf die zahlreichen Unterstützungsangebote für Kinder mit Verhaltensstörung. Ein Problem sei, dass Eltern heute stärker als früher auch öffentlich verlangten, die Schule solle die Probleme ihrer Kinder lösen. Manchmal sind die Probleme der Kinder mit denen der Familie eng verzahnt. – Aus psychologischer Sicht sind die Gründe für Schulprobleme und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern völlig verschieden. Einige Eltern vermitteln ihren Kindern zum Beispiel nicht mehr, dass sie Regeln respektieren und auch mal Frust aushalten müssen. Auch Lehrern fällt es manchmal schwer, angemessen auf Kinder einzugehen, die unter Depression, Ängsten, Verhaltensstörungen oder anderen psychischen Problemen leiden. Einander die Schuld an der Misere zuzuschieben bringt jedoch keine Lösung.

Die Mutter einer deutsch-finnischen Familie hat einen zehnjährigen Sohn Antti. Dieser gilt als hochsensibel. Er reagiert besonders stark auf das, was um ihn herum passiert. Ist es ihm zu chaotisch oder zu laut, ist er schnell überfordert. Antti hat zunächst eine Grundschule mit einem besonderen Lernkonzept besucht. Ihr Sohn hat dort wahrscheinlich nichts gelernt. Wenige Monate nach der Einschulung haben die Lehrer den Eltern einen Schulwechsel nahegelegt. In der neuen Schule, einer Waldorfschule, ist Antti von Anfang an ins Abseits geraten. Nach zwei Monaten haben ihn Mitschüler von der Schaukel geschubst. Nach vier Monaten packten sie ihn zu dritt. Ein vierter Junge hat Antti einen Zahn aus dem Mund geschlagen. Die Familie suchte zum dritten Mal innerhalb eines Jahres nach einer passenden Schule. Doch wirklich fündig wurden die Eltern in ihrer Umgebung nicht. Der Junge könne ja Kopfhörer aufsetzen hat ein Schulleiter, den sie zum Erstgespräch trafen, vorgeschlagen.

Die Familie hat die doppelte Staatsangehörigkeit und außerdem ein Ferienhaus in Finnland, was dem Sohn einen Schulbesuch in Finnland ermöglichte. Vom ersten Tag war für Antti alles anders. Die Lehrerin hat den neuen Schüler in den Arm genommen, sie hat ihm gesagt, er sei ein toller Junge. So ergab sich für die Familie ein Kompromiss: Antti geht nun neun Monate in Finnland zur Schule. Dann nämlich, wenn seine Mutter Ferien hat und mit ihm in den Norden reisen kann. In der restlichen Zeit lernt Antti zu Hause in Deutschland. Sonntags schicken ihm seine finnischen Lehrer einen Plan mit den Aufgaben für die nächste Woche. Und dann rufen sie zwei-, dreimal pro Woche an.

Silke Fokken, Kristin Haug, Miriam Olbrisch, Wohin mit Sebastian? (Auszug), manche verhaltensauffällige Schüler gehen über Monate nicht zur Schule. Eltern, Lehrer und Behörden schieben sich gegenseitig die Schuld zu, #DER SPIEGEL, 6/2017, Bildung

Leserbrief, DER SPIEGEL, 9/2017:

Wann werden endlich Bildungskonzepte entwickelt oder übernommen, die nicht mehr den Schüler zwingen, sich einem System anzupassen, sondern vielmehr die individuellen Bedürfnisse, Interessen, Begabungen und Fähigkeiten der Kinder berücksichtigen, und hierzu entsprechende Ressourcen zur Verfügung gestellt? ————————————– Kido H.K. Hamburg

 

 

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#Svea #Kerling. #schwarz oder #weiß. #Rezension

Sie hat Angst vor dem Leben. Wie sie auch kämpft, sie leidet. Nicht für sich allein. Wenn sie redet hören ihre beiden Töchter ihr zu. Sie ist alleinerziehend, hat drei Katzen und ohne regelmäßige Beschäftigung wie Arbeit. Schon ihre äußere Erscheinung fällt da auf, wo sie lebt. Sie ist einfach anders mit ihrem pechschwarzen Haar, ihren dunklen Augen. Auch spricht sie eine fremde Sprache. Sie ist eine Migrantin der ersten Generation aus einer Gastfamilie. Kann das eine Heimat sein, dieses neue Land, dieser Ort, diese Stadt?

Blick in den Abgrund/Unterbewusstsein

Blick in den Abgrund/Unterbewusstsein

Ihr Blick geht nach innen. Was weiß ihre Mutter, was wissen ihre Kinder von ihrem geistigen Kampf mit den dunklen Gestalten, den Dämonen. Ihr Kopf zerspringt. Sie wühlt in Gedanken und Visionen. Sie ist auf der Flucht, sucht Schutz in Wäldern und Häusern. Ihre Nerven sind zu schwach. Selten kommt ein Lächeln über ihre Lippen. Ihr Nervenkostüm ist ungeeignet für das „Normale“. Sie ist zu sensibel, zu zart. Schon als Kind war sie immer etwas anders. Ihr Misstrauen richtet sich gegen die „heile Welt“ : beim Bäcker, beim Schlachter, bei der Begegnung auf der Straße, –  also im ganz alltäglichen Leben. –  Misstrauen auch gegen jene, die ihr helfen wollen, die Ärzte, die Schwestern in der Klinik. – Was ist das für ein Leben?

Kennen Sie jemanden, der an einer psychischen Krankheit leidet? An einer Depression, an einer bipolaren Störung, an Psychosen, Neurosen? Vielleicht gar Sie selbst? Wie sind wir doch anders, wie wünschen wir uns doch, normal zu sein. Nur um dann zu merken, dass wir doch nicht normal sein wollen. Mir (Autorin) geht es so. Nicht, wenn das als normal gilt, was um mich herum geschieht.“

Ist es das Leben, was sie so fürchtet, oder ist es schon der Tod, was in ihr triumphiert? Sie liebt das Dunkel mehr als das Licht. Wird sie selbst zur Dunkelheit? Bei Nacht werden die bösen Geister unsichtbar. Der Schmerz wird erträglicher, die Narben werden blasser. – In der Dunkelheit offenbart sich ihre Wirklichkeit, eine Wirklichkeit hinter dem Schein, eine irreale Welt hinter der realen Welt. Sie sieht und empfindet ganz deutlich, dass da noch etwas anderes verborgen liegt außerhalb der stupiden so genannten Normalität: Mami, Papi, zwei Wonneproppen in der heilen Welt… Sie will nicht Teil dieser Gesellschaft werden.

Zufriedenes Miteinander

Zufriedenes Miteinander

Heute will und kann Svea Kerling bewusst leben. Die Drei haben zu einem liebevollen, respektvollen Miteinander gefunden. Ein Leben ohne Vorurteile, Schuldzuweisungen, Selbstmitleid. Svea kämpft und bestimmt selbst über ihr Leben. – Und es gibt Menschen, die sie so annehmen, wie sie ist.

schwarz oder weiß

schwarz oder weiß

Svea Kerling, schwarz oder weiß, #Borderliner kennen kein Grau, Autobiografische Erzählung, Orange Cursor, erste Auflage, Dezember 2014, 123 Seiten

 

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Wo bleibt die #Fairness?

Obdachlos

Die Aufklärung und die industrielle Revolution setzten ein Wirtschaftswachstum in Gang, das Hunderte Millionen Menschen aus materieller Not herausführte. Die Lebenserwartung überall auf der Welt ist spektakulär gestiegen. Die andere Seite dieser Revolution aber nennen Historiker und Ökonomen die „Große Divergenz“. Denn die Umwälzungen verbesserten nicht nur die Existenzbedingungen, sondern begründeten auch eine Welt der Unterschiede. Die Geschichte des materiellen Fortschritts, die ich ( Sir Angus Deaton ) erzähle dreht sich sowohl um Wachstum als auch um Ungleichheit.

Die industrielle Revolution riss eine Kluft zwischen dem Westen und der übrigen Welt auf, die sich bis jetzt trotz aller Anstrengungen nicht geschlossen hat. Die weltweite Ungleichheit ist weitgehend das Produkt des modernen Wirtschaftswachstums. Die Ungleichheit ist wie die Schwerkraft: Die gibt sicheren Halt unter den Füßen, löst aber auch beklagenswerte Stürze aus.

Großmutter 12 Stunden an der Stopfgeige

Großmutter 12 Stunden an der Stopfgeige

Ungleichheit kann auf der einen Seite jene, die zurückgefallen sind, zu einer Aufholjagd anspornen, sodass sich ihre Lage verbessert. Sie kann sich andererseits in einer Gesellschaft auch derart verschärfen, dass einige als Profiteure die Leitern hinter sich hochziehen, mit der Folge, dass das Wirtschaftswachstum insgesamt gedrosselt wird und die wirtschaftlichen Abläufe gehemmt werden. Das passiert typischerweise in einer ökonomisch-politischen Oligarchie, wie wir sie auch heute beobachten können. Deshalb denken viele, dass Ungleichheit an sich zwar nicht ungerecht ist, dass jedoch eine Begrenzung zwischen Arm und Reich oder zwischen nicht ganz Arm und Superreich geben sollte.

Es fällt nicht schwer, einen gültigen philosophischen Grund dafür zu finden, Ungleichheit als solche für verwerflich zu halten. Wenn ich reicher bin als ein Anderer, warum sollte der dann das Recht haben, eine ungerechte Behandlung geltend zu machen? Und wenn ich noch immer reicher werde, ohne jemanden dadurch zu beeinträchtigen, dann ist überhaupt nicht klar, warum es dem Anderen dadurch schlechter gehen sollte. – Was ist der faire, gerechte Anteil am Volksvermögen? Menschen, die zurückbleiben oder abgehängt werden haben immer das Gefühl, dass das Leben sie nicht fair behandelt. –

Über welche Art von Ungleichheit sprechen wir? Profitiert die Gesellschaft von den Regeln und Institutionen, die es einigen erlauben, viel reicher zu werden als die übrigen? Oder schaden die Reichen allen anderen, indem sie die Einflussmöglichkeiten der Nichtreichen auf die Gestaltung des Gemeinwesens beschneiden?

Geld kauft politischen Einfluss. Es werden Regeln festgelegt die nicht im Interesse der Allgemeinheit, sondern in dem der Reichen sind, damit sie noch reicher und einflussreicher werden. Die politische Gleichberechtigung wird durch wirtschaftliche Ungleichheit ständig bedroht. Wenn sich die Demokratie in eine Plutokratie verwandelt, werden alle, die nicht reich sind, allmählich von der Teilnahme an der demokratischen Entscheidungsfindung ausgeschlossen. – Der Markt schert sich nicht um Gleichheit oder Ungleichheit. Viele Menschen fragen sich, ob es ihre Kinder oder Enkel besser oder wenigstens genauso  gut haben werden wie sie selber. –

Es gibt viele Arten von Ungleichheit gute und schlechte, kreative und destruktive. Jede Innovation schafft Ungleichheit. Wer aber erheblichen Schaden anrichtet, sind Gruppen und Körperschaften, die eine Hebelwirkung auf die Regierung ausüben und sich zulasten aller anderen bereichern. Diese Art von Ungleichheit beruht auf Raub und Diebstahl. –

Mädchen einer Glasbläserfamilie

Mädchen einer Glasbläserfamiie

Als Beispiel nenne ich die Finanzindustrie und Teile der Gesundheitsindustrie. Sie bringen die Regierung dazu, ihnen die Risiken abzunehmen, sodass sie auf Kosten der Allgemeinheit reicher werden. Das ist als würden sie die Mafia füttern. Diese Ungleichheit muss beseitigt werden, indem wir die Macht derjenigen brechen, die eine Regierung und ein ganzes Land als Geisel nehmen können. Der Populismus entspringt dem berechtigten Gefühl, dass mächtige und wohlhabende Eliten dem Volk die Regierung entfremden und entziehen können.

Der Titel des Buches von Sir Angus Deaton „Der große Ausbruch“ , bezieht sich auf den Film“The great Escape“ („Gesprengte Ketten“). Sein Buch schildert den Ausbruch der Menschheit aus dem Gefängnis von Entbehrung und frühen Tod. Im Film scheitert die Flucht, die Ausbrecher werden gefasst, ihr Anführer wird erschossen. Ausbrüche lassen Menschen zurück, das Glück ist manchen gewogen, anderen nicht. Aber ich (Sir Angus Deaton) finde, dass die Menschheit vor rund 250 Jahren begann, die Ketten zu sprengen, und diese Befreiung dauert bis heute an. Auch wenn dies keineswegs immer so weitergehen muss, sollte jeder die Chance ergreifen, den Ausbruch wenigstens zu wagen.

In seinem Buch „Der große Ausbruch“ geht der Ökonom Deaton den Gründen für den atemberaubenden materiellen Fortschritt nach, der das Leben der Menschen in den vergangenen 250 Jahren so nachhaltig verbesserte wie nie zuvor in der Geschichte. Aber nicht für alle: Armut und Not sind nicht besiegt, die Ungleichheit zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern nimmt ebenso zu wie die Kluft zwischen armen und wohlhabenden Schichten innerhalb der hochentwickelten Länder des Westens.

Angus Deaton, Der große Ausbruch, Klett-Cotta, 1. Auflage, 2017, 460 Seiten, € 26.

Romain Leick & Angus Deaton in Princeton, „Die Ungleichheit beruht auf Raub“ (gekürzt), SPIEGEL-Gespräch, Der Kapitalismus ist eine Erfolgsgeschichte, sagt der Nobelpreisträger Sir Angus Deaton. Was nicht heißt, dass es immer so weitergehen muss. #DER SPIEGEL, 3/2017, Kultur, Seite 122 bis 126.

Also sprach Zarathustra über den Staat:

Irgendwo gibt es noch Völker und Herden,

doch nicht bei uns,

da gibt es Staaten!

Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt-und was er auch hat, gestohlen hat er’s. (Gilt im Hier und Jetzt u. a. für Finanzindustrie und Teile der Gesundheitsindustrie – s.o.)

Innere Stimme als Wegweiser in der Dunkelheit

Von Prinz Charles

Immer noch müssen Millionen von Menschen in Düsternis von gigantischem Ausmaß leben – im Schatten von autoritären Regimen des einen oder des anderen politischen Extrems. Jene, die diese Systeme aus der Praxis und nicht nur theoretisch kennen, weisen immer wieder darauf hin, dass die Herrschenden zum Beispiel Religion nicht aus ideologischen Gründen bekämpfen, sondern aus machtpolitischen. Denn ein religiöser Mensch ist unabhängig von politischen Parteien oder anderen weltlichen Mächten.

Das Leben ist voll von mysteriösen Paradoxen. Eines der erstaunlichsten wird von einigen Menschen bezeugt, die äußerste geistige und körperliche Leiden während ihrer Haft auf sich nehmen mussten und dabei trotzdem seelisch erfüllt lebten – unvorstellbar für jene, die nie eingekerkert waren.

An diesem Paradox können wir erkennen, das Bewusstsein für die innere Stimme  – und die daraus resultierende Glaubensgewissheit – setzt totalitäre Herrschaft in ihrem Kern außer Kraft. Denn jeder Totalitarismus gründet auf der Annahme, die äußeren Umstände hätten unbegrenzte Macht über das Innere des Menschen.

Wir haben daher eine wachsende Verpflichtung: Unsere Kräfte auf die Entwicklung unseres moralischen Mutes und des Bewusstseins auf jene inneren Kräfte zu richten, die wir alle besitzen. Denn ohne diese sind wir unfähig, dem Anspruch autoritärer Systeme zu widerstehen. Gleichzeitig senden wir wie ein Leuchtturm auf sturmumbrauster Klippe jenen einen Hoffnungsstrahl, die noch im Dunkeln leiden müssen.

Rede von Prinz Charles,

1983, an der Alberta Universität in Edmonton, Kanada.


Leserbrief, DER SPIEGEL, 5/2017:

Das Empfinden der Ungerechtigkeit bei der Verteilung der Einkommen ist nicht allein numerisch zu erfassen. Es geht dabei auch um die Wahrnehmung von Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit. Wir haben in unserer Gesellschaft eine zum Teil völlig falsche Skala für den Wert der Arbeit, nicht nur im Status, auch in der Bezahlung. Dr. phil. I. L.-G. ,Basel

 

 

 

 

 

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„Und #Nietzsche Weinte“ von Irvin D. #Jalom. Eine #Rezension

Der Wiener Arzt Dr. Josef Breuer, der Psychiater Dr. Sigmund Freud und der Philosoph Friedrich Nietzsche begegnen uns nicht nur als Arzt, Forscher und Denker. Sie werden uns in dem Roman als Menschen wie du und ich dargestellt: in extremen Situationen misstrauisch, überempfindlich, verzweifelt oder voller Angst. Also wie in ganz „normalen“ Lebenskrisen. Breuer und Nietzsche geraten sogar wegen des gleichen Kummers in Gefahr, Selbstmord zu begehen. Der Grund für Nietzsches „Verzweiflung“ ist die hoffnungslose Liebe zu der jungen Russin namens Lou Andreas Salome.

Salome bewundert Nietzsches intellektuelle Fähigkeiten und sein Werk. Sie empfindet in ihrer Beziehung zu Nietzsche aber nichs weiter als Freundschaft. Zudem fühlt sie sich zu dem attraktiven Paul Ree hingezogen. Dieser ist zu allem Unglück ein enger Freund Nietzsches. Salome hat somit Grund genug, den angesehenen Wiener Arzt Dr. Breuer aufzusuchen. Sie bittet diesen, sich Nietzsches Problem anzunehmen. Nach anfänglichem Zögern willigt Breuer endlich ein.

Was nun geschieht war von beiden Männern nicht vorherzusehen. Der Arzt und der Denker, vom gleichen Schicksal heimgesucht, kommen sich Zug um Zug näher. Breuer verschweigt allerdings, dass Salome in das ganze Vorhaben verstrickt ist. Auch dass Breuer in Nietzsches Büchern „Fröhliche Wissenschaft“ und „Menschliches Allzumenschliches“ blättert und liest, erfährt Nietzsche erst später. – Ein Vorteil für Breuer in den Wortgefechten. – Das tiefgründige Rededuell der beiden erinnert an ein Schachspiel zweier Meister. Zug um Zug bleiben immer weniger Figuren auf dem Spielfeld. In „Verzweiflung“ vereint geben beide im Verlauf des Romans nach und nach immer mehr aus ihrem Inneren preis.

Breuer erzählt wie er  in das Liebesverhältnis zu seiner Patientin Bertha Pappenheim (Alias Anna O.) verstrickt ist. Soll er für Bertha sein Ansehen, Beruf, Familie aufgeben? In diesem Zusammenhang berichtet er von seinen wüsten Alpträumen. Um den Konflikt zu vergessen, besucht er noch mehr Patienten als sonst, was ihm nicht gut tut. – Auch Nietzsche leidet weiterhin. Inzwischen erhält Salome böse Briefe von ihm. Ist das der Auslöser von Nietzsches kritischer Haltung Frauen gegenüber? „Wenn Du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht“.

Wie bei einem Schachspiel sieht sich mal Schwarz und mal Weiß im vermeintlichen Vorteil. – Ein schier endloses Sprach-Duell. Statt scharfer Klinge, hier spitzfindige, tiefgründige Worte. Gesteuert vom Verstand, ebenso wie vom Gefühl. Ein faires Spiel! Ein fairer Kampf! Die Rollen zwischen Therapeut und Patient verschwimmen, werden ständig getauscht. Ein Psychologe und ein Philosoph lassen einander schlussendlich in ihr Seelenleben blicken. Ein Gefühl gegenseitiger Freundschaft wächst zwischen beiden. Diese führt zu Nietzsches Tränen.

Friedrich Nietzsche und Josef Breuer sind sich im realen Leben nie begegnet. Irvin Yalom hat mit seinen hypothetischen Annahmen ins Schwarze getroffen. Ich konnte durch Lesen des Buches dem „Phänomen Nietzsche“ einen neuen Blickwinkel abgewinnen. – Auch der Übersetzerin vom Amerikanischen ins Deutsche Uda Strähling gilt hinsichtlich Stil und Sprache großes Lob.

Irvin D. Yalom, When Nietzsche Wept, New York, Basic Books, 1992, 306 Seiten. ———– Irvin D. Yalom, Und Nietzsche Weinte, Ernst Kabel Verlag, Hamburg, 1994, 379 Seiten. — Irvin D. Yalom, Und Nietzsche Weinte, btb-Verlag, München, 2008, 448 Seiten.

Verfilmung: Und Nietzsche Weinte, 2007, ca. 100 Min. Eine Geschichte über Besessenheit, Begierde und Schicksal, 3L Film GmbH & Co. KG.

 

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#Yaloms „Und #Nietzsche Weinte“ als #Film – #Rezensionen

Dr. Breuer und Anna O. 1882 in Venedig

Dr. Breuer und Anna O. 1882 in Venedig

Nach außen hin kaum sichtbar erleben der Arzt Dr. Josef Breuer und der Philosoph Friedrich Nietzsche in ihrem Inneren tiefste „Verzweiflung“. Das äußert sich durch deren Selbstmordgedanken. In beiden Fällen sind die Auslöser zu diesem Dilemma Frauen. Beim Arzt Dr. Breuer handelt es sich um Patientin Bertha Pappenheim (Alias Anna O.), in welche er sich hoffnungslos verliebt hat. Äußerlich führt der angesehene Arzt ein glückliches Familienleben, nur dass seine Kinder bei ihrem Vater etwas zu kurz kommen. – Friedrich Nietzsche andererseits liebt eine moderne junge Russin, die Psychoanalytikerin Lou Salome. Sie sind miteinander befreundet und führen eine enge, erfreuliche Beziehung auf intellektueller Basis. Recht bald erhält die intelligente Salome von ihrem Verehrer zwei Heiratsanträge, deren Ablehnung den enttäuschten Nietzsche in größte Depression fallen läßt. Salome erfährt von Nietzsches Suizidgedanken.

Salome, Nietzsches Freundin

Salome, Nietzsches Freundin

Salome hat sich Nietzsches Freund, dem Philosophen Paul Ree, zugewandt. Mitgefühl und schlechtes Gewissen treibt Salome nach Venedig in die Arztpraxis von Dr. Breuer. Sie bittet den Arzt, Friedrich Nietzsche von seiner „Krankheit“ zu kurieren. „Verzweiflung“ als Krankheit war den Medizinern von 1882 noch relativ unbekannt. Die Seele des Menschen spielte im Gegensatz zu heute keine Rolle. So lehnt Josef Breuer eine Behandlung von Nietzsche anfangs entschieden ab. Die überaus hübsche (im Film) 21-jährige Salome arbeitet mit ihren weiblichen Vorzügen. Letztendlich kann Breuer dem kaum widerstehen. – Nietzsche weiß von alledem nichts. Er wäre auch niemals dazu bereit, sich aus Liebeskummer einem Arzt anzuvertrauen.

In Breuers Sanatorium werden Nietzsches körperliche Leiden untersucht und behandelt. Die beiden erörtern äußerst redegewandt teils philosophische, teils psychologische Fragen. Im Verlaufe der Gespräche kommt Breuer auf die Idee, die Rollen beider zu tauschen. Nach anfänglichem Zögern willigt Nietzsche ein.

Durch eine Therapie, an der Sigmund Freud, ein Schüler Breuers, mitwirkt festigt Breuer sein Selbstbild. Er bleibt ein guter Arzt und führt eine Vorzeigeehe. – Nietzsche läßt nur zögerlich jemanden an sich herankommen. Er gibt nach und nach etwas aus seinem Inneren preis. Allerdings zitiert er oft und gern Gedanken und Erkenntnisse aus seinen Werken wie z. B. aus der „Fröhlichen Wissenschaft“. Die Trennung von seiner geliebten Salome belastet ihn sehr, verfolgt ihn weiterhin. Nietzsche bleibt einsam, düster und bindungslos.

Bei ihren wissenschaftlichen Dialogen sind sich Nietzsche und Breuer nähergekommen. Sie haben gegenseitiges Vertrauen gewonnen. Als Breuer Nietzsche seinen Freund nennt, wird dieser sentimental. Er weint. – Nietzsche reist ab und arbeitet an „Also sprach Zarathustra“.

 

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#S.Kerling meets #E.A.Poe #Rezension

Meeting 1 – „Auf der Flucht. Flucht vor einem Monster. Plötzlich ein Haus. Sicherheit? Einsamkeit zu Zweit. Immer wieder Angst. Gejagt. Wir selbst sind auf der Jagd. Auf der Jagd nach unserem Selbst. Was ist real, Schein, Wirklichkeit, Einbildung?“

Nur ein Spiel – „Böse Erinnerungen werden wach. Die Seele ist mit Narben übersät. Du warst anders. Schon damals. Kinder wollten nicht mit Dir spielen. Kreaturen sind ehrlich in ihrer absoluten Scheußlichkeit. Sie akzeptieren mich, so wie ich bin. Suche nach der eigenen Wirklichkeit. Wieder alles nur Einbildung? Wo bin ich? Ich sitze an meinem Grab. Will tot sein. Werde lebendig begraben“.

Meeting 2 – „Regentropfen wollen mich fressen. Raus aus meinem Kopf! Mein Kopf explodiert. Ich habe die Wirklichkeit der Anderen zu meiner Wirklichkeit gemacht. Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt. Der Mensch will nicht sterben. Wie kann uns etwas genommen werden, was uns nie gehört hat? Es ist das Leben, das geht. Angst lähmt unser Denken“.

Neckischer Rabe

Neckischer Rabe

 

Claire – „Neckisch spähte ein Rabe durch das Glas des Blumenladens. Claire handelt mit Blumen. Blumen spenden Liebe und Trost. Charles kauft Rosen bei Claire für Elizabeth (seine Frau). Elizabeth vergib mir. Martha (Haushaltshilfe) was würde ich nur für Dich tun? Charles hatte nie Zeit für Elizabeth. Nur für seine Patienten. Elizabeth nimmt das Gift. Sie stirbt aus Einsamkeit und Schwermut wie einst ihre Mutter“.

Meeting 3 – „Schäbige Lampe, schäbiges Licht, schäbiges Dunkel. Kann die Lampe mit ihrem zaghaften Licht das Böse von mir fernhalten? Trügerische Hoffnung. Die grauenvolle Kreatur, die mich aus dem Spiegel anschaut. Das kann nicht ich sein. Einsamkeit lässt uns Abgründe erkennen“.

Warum?

Warum?

Seelenfrieden – „Wadar hatte seine Verfolger abgehängt. Der Wald bot Schutz. Die Horde hatte ihre Treibjagd für heute beendet. Ihre Triebe verlangten nun nach Wein und Frauen. Der Teufel versprach ihnen Seelenfrieden… Wadar erkannte den leblosen Körper seines Freundes. Mit einer Schlinge um den Hals baumelte seine Leiche an einem Ast. Der Mann da oben war tot. Die ersten Aasfresser baten zu Tisch. Keine Schreckenstat käme annähernd dieser Folter gleich, die sein Freund durchleben musste, bevor ihn Gevatter Tod holen durfte. Wadar hätte zurücklaufen müssen und ihn aus der Grube befreien müssen… Diese Berserker hängten ihn so, dass der Tod stets Umwege wählen musste. Wadar war auch damals geflohen. Wie sein Vater hatte er seine Mutter zurückgelassen… Jemand rammte Wadar von der Seite. Auch Wadar war ein Mitglied dieser Horde“. –

Da kämpft und leidet Jemand scheinbar allein? Wir aber sind Deine Leser bzw. Zuhörer, liebe Svea. Der Schmerz und die Traurigkeit steigern sich bis fast ins Groteske. Ist so Schein oder Wirklichkeit? Von ihrem Dämon hinweggetrieben über Raum und Zeit bis ins Innerste das Unbewusste, den Abgrund, die Seele. Eine schäbige Lampe mit grauem, kalten Gespensterlicht einzige Begleiterin? Selbstaufgabe? Depression? Wie stark muss Jemand dafür sein? Redlichkeit und Wahrhaftigkeit sprechen aus Deinen Zeilen, liebe Svea. Willst Du niemals zufrieden, immer nur redlich und wahrhaftig sein? Trittst Du bewusst in feindliche Opposition zur Gesellschaft? Willst Du diese Auseinandersetzung?  – Ich danke Dir für Deine wundervollen Kurzgeschichten und die stille Aufforderung zum Weiterdenken.

S.Kerling meets E.A.Poe

S.Kerling meets E.A.Poe

Svea Kerling, S. Kerling meets E. A. Poe, Verlag: tredition, Hamburg, 146 Seiten, 2016

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#Fortschritte oder #Irrwege der #Medizin?

Computertomografie

Computertomografie

Die medizinische Wissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten

so ungeheure Fortschritte gemacht,

dass es praktisch keinen gesunden Menschen mehr gibt.

Aldous Huxley (1894 bis 1963)

Es ist, wie es der Science-Fiction-Autor Huxley vorhergesehen hat: Im Magnetresonanztomografen (MRT) bleibt so gut wie keiner ohne Makel. Eine erste Zwischenbilanz von Medizinern in Greifswald ergab: In 2.500 Probanden zeigte der Tomograf 13.455 Befunde: vorgewölbte Bandscheiben, Blutungen, Schlaganfälle, Knoten, Schatten, Zysten. Was die Auffälligkeiten genau bedeuten, können die „Ship“-Forscher („Study of Health in Pomerania“) oftmals nicht sagen. Aber 1.052 dieser Befunde in 787 Probanden hielten sie für klinisch bedeutsam und empfahlen weitere klinische Maßnahmen. Natürlich hat die Bilderflut schon etlichen Patienten geholfen. Die Teilnahme an der „Ship“-Studie hat dem einen oder anderen Teilnehmer wohl das Leben gerettet. Doch in dem Maße, in dem die Technik sich in den vergangenen Jahren verbesserte, stieg die Abhängigkeit der Ärzte von dieser Art der Untersuchung. Viele lassen lieber schnell ein Bild machen und vergessen darüber die Kunst, die Diagnose zu stellen. – Doch wenn das Knie mal schmerzt und der Arzt ein MRT-Bild machen läßt, dann kann das Unheil seinen Lauf nehmen. Der Arzt findet das eingerissene Hinterhorn und hat dann Grund genug, eine Kniespiegelung durchzuführen. Häufig war das eingerissene Hinterhorn gar nicht die Ursache der Schmerzen – und der Eingriff am Knie überflüssig.

Mehr als 90 Prozent aller Menschen, die älter als 40 Jahre sind, haben kleine oder mittlere Bandscheibenvorfälle. – Auch das belegen die MRT-Daten. Die Ergebnisse aus der „Ship“-Studie belegen klarer als jede Studie zuvor, wie riesig der Schatz der Anomalien ist, die der menschliche Körper hervorzubringen vermag. Besonders viele Auffälligkeiten fanden sich im Kopf, in den Harnwegen, im Bewegungsapparat sowie in den Bauchorganen.

Die Forscher teilten die Befunde in Kategorien ein. Diagnosen wie Blutungen im Schädel oder Gehirntumor erforderten eine schnelle Abklärung. 12.403 der insgesamt 13.455 Befunde wurden als Normvarianten ohne klaren „Krankheitswert“ eingestuft. Diese wurden den Probanden erst gar nicht mitgeteilt, um sie nicht zu verunsichern. 1.052 Befunde von 787 Probanden wurden als medizinisch bedeutsam eingestuft. Darunter größere Gewebsveränderungen an der Leber oder Brust, Geschwülste in der Niere oder Lunge, bestimmte Zysten im Eierstock, ballonförmige Wandausbuchtungen von Blutgefäßen (Aneurysmen) in Kopf oder Bauch, Engstellen der Halsschlagader. Die Medizinforscher schickten den betroffenen Patienten nach einigen Wochen jeweils einen Brief, in dem sie die betreffenden Anomalien knapp beschrieben und Ratschläge zur weiteren Abklärung gaben. Bei etlichen Probanden löste der Brief einen Schock aus. Kaum hatten sie den Befund erhalten, sind die Probanden verstärkt zum Arzt gegangen. In den folgenden Untersuchungen haben sich viele Sorgen glücklicherweise als unbegründet erwiesen. Denn im Vergleich zu Testpersonen, die keine MRT bekommen hatten, war die Krebsrate der untersuchten Probanden so gut wie nicht erhöht.

Nun wird überlegt, wie man die Probanden schonender über Zufallsfunde aufklären könnte. Für Leute, die zum Arzt müssen, haben die MRT-Daten zwei Botschaften. Es ist normal, Anomalien zu haben. Und zweitens: Jeder sollte sich gut überlegen, ob er wirklich über jede kleine Delle in seinem Körper Bescheid wissen will.

Jörg Blech, Die eingebildeten Kranken (Auszug), Medizin, Bizarre Knoten, seltsame Schatten, – Ärzte durchleuchten gesunde Menschen und finden in deren Körper überraschend viele Anomalien. Alles pathologisch, alle Patienten? Über eine Heilkunde, die zu viel sieht und zu wenig versteht, Wissenschaft, #DER SPIEGEL, Seite 116 – 118, 50/2016

DER SPIEGEL, 52/2016, Leserbrief, Als Patient entmündigt. – Solange die Bereitschaft zu Schadensersatzklagen aufgrund unerwünschten Krankheitsverlaufs bei Patienten und Rechtsanwälten so groß ist, wäre ich ja blöd, Befunde zu verschweigen oder zu bagatellisieren. Dr. M.B. FA Orthopädie, Wetzlar (Hessen)

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