Johannes #Grützke: #Nachruf

Johannes Grützke: "Festakt im Freien"

Johannes Grützke: „Festakt im Freien“

Johannes Grützke, 79

Er war, was man aus seinem Werk nicht unbedingt geschlossen hätte, ein angenehmer, ja liebenswürdiger Mensch. Das Groteske seiner Menschendarstellung trat bei ihm persönlich als Schalk in Erscheinung, das historisch Anspielungsreiche als private Gelehrsamkeit, das Abgründige als wortwitziger Hintersinn. Der bedeutendste öffentliche Auftrag des in Berlin geborenen Malers, „Der Zug der Volksvertreter“, ein 33 Meter langes Rundbild für die Rotunde der Frankfurter Paulskirche, enttäuschte bei seine Enthüllung 1991 jede Hoffnung auf Pathos, Würde und optimistische Geschichtsauffassung: Scheeläugige und Schiache, proletarische Weiber, Kerle und Kinder stören den hoffnungsvollen Zug der Volksvertreter zur ersten deutschen Nationalversammlung – ein kreisender Pulk von Männern im schwarzen Anzug , nicht wenige nicht eher überfordert als beseelt wirkend, nicht zuletzt der Träger einer bedrohlich rutschenden Christusfigur. Grützke spielte in Filmen mit („Die flambierte Frau“), gestaltete Bühnenbilder, schrieb für das Theater, komponierte und war Gründungsmitglied der Künstlergruppen „Die Erlebnisgeiger“ und „Die Schule der neuen Prächtigkeit“. Sein polemischer Realismus stand quer zu Abstraktion und Konzeptkunst; „Kunst, sagte er, ist nicht modern, sondern immer!“ Johannes Grützke starb am 17. Mai in Berlin.

Johanns Grützke (ungekürzt), DER #SPIEGEL 21/2017 Nachrufe

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Was und wie #Banken ihren #Kunden verkaufen

Wenn's ums Geld geht...

Wenn’s ums Geld geht…

2014 und 2016 nahm Herr A. zwei Kredite auf – einmal 30 000 und einmal 15 000 Euro. Beide Male schloss er dabei auch sogenannte Restschuldversicherungen ab, die einspringen sollen, wenn ein Kreditnehmer stirbt. Die Policen kosteten knapp 2 900 beziehungsweise  rund 2000  Euro, ohne Versicherung keinen Kredit sagte die Bankberaterin. Erst Jahre später, als er eine Sondertilgung vornehmen wollte, las A. in seinen Vertragsunterlagen, dass der Abschluss angeblich freiwillig war.

Im Ernstfall helfen viele dieser Policen wenig. Nur bei 0,3 Prozent aller Verträge tritt laut Statistik  überhaupt ein Versicherungsfall ein. Dabei sind sie auf dem Papier oft nicht nur für den Todesfall, sondern auch als Hilfe bei plötzlicher Arbeitslosigkeit oder Krankheit gedacht. Oft aber sind die Verträge voller problematischer Klauseln, etwa mit Blick auf die Vorerkrankungen des Versicherungsnehmers.

In Deutschland nimmt das Geschäft mit den Verträgen teils absurde Züge an. Ein Leipziger Ehepaar, das einen Ratenkredit über 30 400 Euro aufnehmen wollte ließ sich 2016 von seiner Bank sogar eine Restschuldversicherung von 18  500 Euro andrehen. Wie willkürlich solche Preise festgelegt werden, zeigt ein Vergleich des Maklerportals Check24. Vertreter der Website fragten bei diversen Anbietern einer Restschuldversicherung mit Komplettschutz an – für ein und denselben Musterkunden mit ein und demselben Musterkredit. Der Preis der Angebote schwankte zwischen 995 und 2838 Euro. Oft gibt es für die Versicherungen nicht einmal einen Vertrag, sondern nur ein Kästchen auf dem eigentlichen Darlehenskontrakt, das angekreuzt werden muss. Im Fall von Staatsanwalt A. wurde der Preis für die Versicherung zudem automatisch zur Kreditsumme addiert, sodass noch Zinsen fällig wurden.

Immer wieder schlagen Verbraucherschützer wegen derartiger Koppelgeschäfte Alarm. Auch wird eine klare Pflicht zur Aufklärung gefordert, so dass der Kunde die freie Wahl hat, ob er eine oder zumindest welche Restschuldversicherung er abschließt. Auch die Kosten des Produkts müssen offengelegt werden. Jurist A. wird das nicht mehr helfen. Er hat Strafanzeige gegen seine Bankberaterin erstattet, wegen gewerbsmäßigen Betrugs.

Die Ostsächsische Sparkasse hält seine Vorwürfe für „völlig unzutreffend“. Es habe eine „umfangreiche und fachgerechte Beratung“ gegeben, die intern „lückenlos dokumentiert“ sei. „In unserem Haus sind die Kreditvergaben nicht zwingend an Restschuldversicherungen gebunden“, heißt es zudem. „Prinzipiell nehmen sich unsere Berater für dieses sehr individuelle Produkt sehr viel Zeit.“

Anne Seith, Teure Restschuld(Auszug), Banken verkaufen ihren Kunden massenhaft Kreditversicherungen, etwa für den Todesfall. Dabei sind diese teuer  – und häufig nutzlos.  #DER SPIEGEL, Wirtschaft, 20/2017

 

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#Krank werden durch #sozialen #Stress in unseren #Ballungszentren

Ländliche Idylle

Ländliche Idylle

Städter reagieren viel empfindlicher auf Stress als Menschen, die auf dem Land wohnen. Manche Stressfolgeerkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und auch Schizophrenie treten bei Städtern deutlich häufiger auf als bei Menschen, die auf dem Land wohnen. Dazu kommt, wer als Kind auf dem Land aufgewachsen ist, trägt möglicherweise ein Leben lang Spuren davon in sich. Das Schizophrenierisiko im Erwachsenenalter ist umso größer, je länger man als Kind in der Stadt gewohnt hat. Laute Autos, stinkende Abgase, hohe Kriminalität, wenig Grün… All das sind wichtige Faktoren. Belastender Stress hat fast immer auch eine soziale Komponente. Der Lärm der Nachbarn nervt uns viel mehr, wenn wir sie nicht kennen oder sie nicht mögen, als wenn wir mit ihnen befreundet sind. Und der Lärm eines aufheulenden Motorrads, der von der Straße in unser Wohnzimmer dringt, treibt unseren Adrenalinspiegel auch deswegen in die Höhe, weil wir ihn als Verletzung unserer Territoriumsgrenze empfinden.

Der soziale Stress in der Stadt birgt die größte Gefahr. Dabei spielen vor allem zwei Faktoren eine Rolle: Isolation und die Angst vor dem sozialen Ausschluss oder Abstieg. Einsam ist man vor allem unter Menschen, von denen man ausgeschlossen wird – und nicht bei einem Waldspaziergang, den man bewusst alleine unternimmt. Hohe Bevölkerungsdichte in der Stadt in Kombination mit sozialer Isolierung kann großen sozialen Stress erzeugen. Wer einsam in seiner Mietwohnung sitzt, und durch die dünnen Wände ständig die nervigen Nachbarn hört, zu denen er keinen Kontakt hat, ist psychisch stark belastet. Das ist eine Stresssituation, die man schwer aushalten kann.

Dass Abstiegsangst Stress verursacht, ist gut belegt – egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Aber in der Stadt ist das soziale Gefälle meist größer und verläuft steiler als auf dem Land.  Auch große Unterschiede auf begrenztem Raum können Stress verursachen. Psychische Belastung hängt weniger von der eigenen Armut als von der Armut der Nachbarn ab. Wer neben Menschen wohnt, die arm sind, hat offenbar Angst selbst in finanzielle Not zu geraten. Und diese Angst vor der Armut verursacht wahrscheinlich mehr Stress als das Armsein selbst.

Berlin ist vielleicht eine Ausnahme. Berlin ist eigentlich eine mediterrane Stadt. Der Grund sind seine breiten Bürgersteige, die keine reinen Transitzonen sind, sondern zum Verweilen einladen, weil sich auf ihnen Cafes ausbreiten können oder einfach Leute Tische und Stühle rausstellen. Und wegen seiner immer noch vielen Brachflächen, die vielfältig genutzt werden.

Trotz des höheren Depressions- und Schizophrenierisikos bieten Städte viele Vorteile: bessere Krankenversorgung, mehr Bildungs- und Kulturangebote. Wichtig ist, dafür zu sorgen, dass auch wirklich jeder Stadtbewohner Zugang zu diesen Möglichkeiten hat. Opernhäuser und Theater haben einen Public-Health-Auftrag. Das muss der Politik klar sein, wenn über Kulturförderung und Subventionen gestritten wird.

  • Mazda Adli, 47, berichtet in seinem Buch „Stress and the City“ über die mentalen Folgen des Stadtlebens. Sein Buch hat er vor allem auf dem Land geschrieben. Er hält es für sehr wichtig, diese Möglichkeit des Rückzugs zu haben.

Interview: Veronika Hackenbroch, „Einsam unter Menschen“(Auszug), Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie – der Berliner Psychiater Mazda Adli beschreibt, wie in Städten durch sozialen Stress psychische Krankheiten entstehen, #DER SPIEGEL, 19/2017

Mazda Adli, Stress and the City. Warum uns Städte krank machen, C. Bertelsmann, 2017, 384 Seiten, € 19,99

 

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#Kassandra von #Christa #Wolf. Eine #Rezension

Das Trojanische Pferd

Griechen im Inneren eines hölzernen Pferdes. Das Trojanische Pferd.

Die Troerin Kassandra und ihr Bruder der Troer Paris sind tragende Figuren in der Erzählung von Christa Wolf. Paris, unehelich gezeugt, wird von seinem Vater, dem Troerkönig Priamos, ausgesetzt, aber von Hirten gerettet. Zum Highlight seines Lebens gehört es, einen Schönheitswettbewerb zwischen den Göttinnen Athene, Hera und Aphrodite zu entscheiden. Die siegreiche Aphrodite verspricht ihm als Belohnung für seine Wahl die schönste menschliche Frau auf Erden, die Griechin Helena. Diese ist aber gerade mit dem König von Sparta, Menelaos, verheiratet. Paris kann sie nur durch Raub gewinnen.

Helena ist nur kurz in Paris Besitz. Ägypter entreißen ihm ihrerseits Helena aus seinen Fängen. So trifft Paris mit einer verschleierten Gestalt in Troja ein. Diese weibliche Gestalt kann nur ihre Landsmännin Helena sein, das glauben zumindest die Griechen. Auch der einfache Troer unterliegt dieser Täuschung. Die mit seherischen Fähigkeiten vom griechischen Gott Apoll ausgestattete Kassandra durchschaut diesen Schwindel schnell. Priamos untersagt ihr aber, das Geheimnis zu verraten. Auf Grund solcher Täuschung an Griechen und Troern wird Troja zehn Jahre lang belagert. Erst dem griechischen Held Odysseus gelingt mit seiner List den Krieg zu beenden und Troja endgültig niederzuringen: Die nur zum Schein abziehenden Griechen hinterlassen ein hölzernes Ungestüm, genannt Trojanisches Pferd, vor der trojanischen Stadtmauer. Die Troer schaffen das vermeintliche „Abschiedsgeschenk“ in ihre Stadt und feiern ausgelassen und übermütig. – Kassandra wird fast wahnsinnig vor Verzweiflung und Wut. –

Reste späterer Mauern von Troja

Reste späterer Mauern von Troja

Das Geschehen nimmt seinen schicksalhaften Lauf. Nachts verläßt Odysseus als erster das selbst gewählte Gefängnis, Stadtmauern werden geöffnet, griechisches Militär strömt herein und das Morden an den Troern beginnt. Außer unzähligen Troern werden auch Troerkönig Priamos, und seine Tochter, die Priesterin Kassandra, vom Griechenkönig Agamemnon festgenommen und versklavt. Kassandra, die die Tragödie vorausahnte, erleidet den Tod. Sie wird von Agamemnons Frau und deren Geliebten umgebracht. – Weil ihre Warnungen nicht gehört wurden, durchlebte Kassandra Martyrien voller Schmerz und Angst. –

Troja - heute

Schauplatz des homerischen Troja – heute

Die Ich-Erzählerin Kassandra ist die tragische Figur der Handlung. Schon frühzeitig straft der  Gott Apoll Kassandra mit dem Fluch: Kein Mensch soll an ihre düsteren Prophezeiungen (Kassandrarufe) glauben, sie ernst nehmen. Das ist Apolls Strafe für die von ihr verschmähte Liebe zu ihm. Als troerische Königstochter gehört sie einem hohen Stand an, auch wird sie von ihrem Vater besonders geliebt, – ansonsten hat sie viele Widrigkeiten und viel Unheil zeit ihres Lebens erfahren müssen: Ihr erster „richtiger Mann“ war nicht der von ihr geliebte Aineias (der durch seine Flucht überlebt), sondern der griechische Priester Panthoos, oberster Apollo-Priester. An der Athene-Statue wird sie zudem von dem Griechen Klein Aias vergewaltigt. – Zu ihrer Zeit hat sich der Staat von einem Matriarchat zu einem Patriarchat gewandelt. In der „Vatergesellschaft“ ist kein Platz für sie. Kassandra wird eine Ungehorsame, eine Außenseiterin. Auch ihren eigenen Tod sieht sie voraus. Sie findet keinen Ausweg.

„Kassandra“ wurde zur Zeit des „kalten Krieges“ in Ost und West geschrieben. Im Jahre 1983 wurde die Erzählung in beiden deutschen Staaten bekannt. Christa Wolf nennt das Werk eine Schlüsselerzählung. Sie sieht sich in Kassandra verwirklicht. Kassandra ist die Prophetin eines Untergangs – eines Untergangs, der heutzutage hoffentlich niemals eintreffen wird.

Christa Wolf, Kassandra, Erzählung, Hermann Luchterhand Verlag, Darmstadt und Neuwied, 1983, 157 Seiten.

 

 

 

 

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#Frieden durch #Aufrüstung?

Panzer auf dem Weg zum Einsatz

Panzer auf dem Weg zum Einsatz

Die „Abschreckung“ funktioniere, sagen Politiker in Ost und West. Aber ich glaube ihnen nicht. Der Krieg wurde nur ausgelagert nach Südostasien oder Afrika. Die „Abschreckung“ verhinderte den Einmarsch der Sowjetarmee in Budapest 1956 und in Prag 1968 nicht. Und nicht die Schüsse auf Menschen an der Mauer.

Mein Vater gab mir ein Buch zu lesen, den Briefwechsel Stalins mit Churchill, Attlee, Roosevelt und Truman. Sie schickten einander Fotos von zerstörten deutschen Städten – wie Trophäen. Ich lernte, dass im Krieg auch diejenigen Verbrechen begehen, die gegen das Verbrechen in den Krieg ziehen. Denn Krieg selbst ist ein Verbrechen. Als ich Vater wurde und ein kleines, zerbrechliches Leben in meiner Hand hielt, verstand ich, warum ich nicht töten soll. Ich habe das Leben nicht geschaffen. Ich habe nicht das Recht, es zu vernichten. Das ist die einfache Logik der Liebe.

Wir dürfen den Anspruch an uns nicht aufgeben, ein Leben ohne Hass und Gewalt zu führen. Wir schaffen auch nicht alle Ampeln ab, nur weil immer wieder jemand bei Rot weiterfährt. Wir dürfen keinen Frieden mit dem Krieg schließen.

Ich werde widersprechen, wenn mich einer an den Krieg und die Logik des Krieges gewöhnen will: wenn Bombenangriffe „Luftschläge“ genannt werden, wenn Generäle von „chirurgischen Schnitten“ schwärmen, wenn Rüstungsindustrie sich als „Sicherheitsindustrie“ bezeichnet, wenn die schrecklichste Bedrohung, die der Mensch geschaffen hat, „Schutzschild“ genannt wird, wenn Milliarden für Mordinstrumente gefordert werden, während Millionen Menschen verhungern. Rüstung tötet auch ohne Krieg, durch Ressourcenvernichtung.

Wenn heute Politiker oder Militärexperten oder Journalisten für eine Aufrüstung Deutschlands oder Europas werben, dann erschrecke ich darüber, dass von den Schrecken des Krieges nicht mehr die Rede ist. Sie nennen es Rückkehr zur Normalität, wenn Deutschland sich an Kriegen beteiligt.

Wenn ich an die Länder denke, denen Waffen Frieden und Freiheit bringen sollten – Afghanistan, der Irak, Libyen, Syrien -, dann fällt es mir schwer von den Mitteln des Krieges, die Verhinderung des Krieges zu erwarten. Ich mag diesen Strategen, die Krieg „Militäroperationen“ nennen und zerstückelte Menschen „Kollateralschäden“, weder mein Geld anvertrauen noch die Entscheidung über Krieg und Frieden.

Ich vermisse Selbstzweifel bei denjenigen, die von der Erhöhung des Wehretats reden, als würde ein einstöckiges Haus eine zweite Etage bekommen. Die Mobilisierung für den Krieg beginnt immer mit der Demobilisierung der Herzen. Es ist etwas falsch in einer Gesellschaft, wenn es modisch ist, Veganer zu sein, aber als altmodisch gilt, Pazifist zu sein. Ich bin ein altmodischer Mensch. Etwas besseres als die Mahnung: „Du sollst nicht töten“, habe ich zum Thema Krieg nicht gehört. – ( tuscade, alternativ dazu: Du sollst das Leben und alles Lebendige achten und schützen! )

Wofür?

Wofür?

Stefan Berg, Kein Frieden mit dem Krieg (Auszug), Debatte, Wer für eine Aufrüstung Deutschlands wirbt, hat die Schrecken des Krieges vergessen, #DER SPIEGEL, 15/2017.

Leserbrief  Nr. 15/2017, Debattenbeitrag – Kein Frieden mit dem Krieg

  • Bergs persönliche Gedanken machen vollkommen klar, welche Werte und Einstellungen wichtig sind. Krieg und dessen Anerkennung als Normalität sind unmoralisch, ja unmenschlich. Und wenn Moral altmodisch wird, sollten wir es ruhig auch sein. –  Josef P. Olching (Bayern)
  • Ehrenwert! Aber die beste Selbstverteidigung besteht darin, dass das Risiko für den potentiellen Angreifer zu hoch ist. Wir brauchen im Inneren Polizei und im Äußeren Militär, um Gegner vor Übergriffen glaubwürdig warnen zu können.  – Dr. Dietrich W. S. Stuttgart

 

 

 

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#Unrecht, das es in #unserer deutschen #Demokratie niemals geben wird!

So soll es sein!

So soll es sein!

Für „unwertes Leben“ erklärt, deportiert, ermordet – 1940 begann das dunkelste Kapitel in der Hamburger Medizingeschichte: der Mord an psychisch kranken und behinderten Menschen. Die Kranken litten an Schizophrenie, Epilepsie, Mongolismus, Fehlbildung des Gehirns, wie zum Beispiel einen Wasserkopf, oder an körperlichen Fehlbildungen. Behinderte Kinder wurden durch Ärzte oder Hebammen einem Reichsausschuss in Berlin gemeldet, wo Gutachter per Aktenlage über das Schicksal der Kinder befunden. Ein Plus auf der Akte bedeutete das Todesurteil. Die Kinder wurden in eine der etwa 30 Kinderfachabteilungen im Deutschen Reich aufgenommen und ermordet.

Fürsorge

Eines der Opfer der Deportation war Irma Sperling, 1930 als siebtes von zehn Kindern geboren. Irma war in ihrer Entwicklung verzögert, lernte spät laufen, stieß sich häufig mit dem Finger ins rechte Ohr. Eine Nachbarin meldete der Fürsorge, dass sich in der Familie ein auffälliges Kind befände. Eine Fürsorgerin bewegte die Familie Sperling dazu, das Kind in die Alsterdorfer Anstalten zu geben. Mit drei Jahren kam Irma dorthin. Ein Psychiatrieprofessor hatte zuvor in einem Gutachten ein verheerendes Urteil gefällt: „völlig idiotisch und bildungsunfähig“. Bis 1943 lebte Irma in den Anstalten. 1943 wurde sie mit 227 anderen Frauen und Mädchen in eine Tötungsanstalt in Wien deportiert, wo sie 1944 starb. Auf der Sterbeurkunde stand: „Todesursache: angeborene zelebrale Kinderlähmung, Grippe, Lungenentzündung“ .  – Von alldem erfuhr Irmas Familie zunächst nichts. Später begab sich ihre Schwester Antje Kosemund auf Spurensuche. Durch Recherchen, gegen viele Widerstände, fand sie schließlich heraus, was mit ihrer kleinen Schwester passiert war. Sie erfuhr auch, dass am Leichnam ihrer Schwester Forschungen vorgenommen worden waren. An mehr als der Hälfte der Opfer der Krankenhausmorde wurde geforscht. Für viele Wissenschaftler und Ärzte im Dritten Reich waren diese hilflosen, kranken Menschen willkommendes „Forschungsmaterial“.

Diese Sichtweise zeigt sich auch in den Menschenversuchen, an denen Hamburger Mediziner beteiligt waren. Ein Hamburger Frauenarzt entwickelte das Kolposkop, das noch heute zur Früherkennung des Gebärmutterhalskrebses eingesetzt wird. Die Effektivität des Kolposkops ließ man durch einen Doktoranden an Frauen im Konzentrationslager in Auschwitz testen. Bei auffälligen Befunden wurde den Frauen Teile der Gebärmutter oder das ganze Organ entnommen und zur Untersuchung nach Hamburg geschickt.  – Bei all diesen Versuchen wurden die Frauen gegen ihren Willen als Material benutzt.

Es gab kein Mitgefühl, keine ärztliche Ethik des Helfens und Heilens für diese Patienten. Man ließ Menschen hungern, um die körperlichen Auswirkungen zu untersuchen. Oder man untersuchte die  Wirksamkeit des Impfstoffs gegen Tuberkulose an jüdischen Kindern und verabreichte einem Teil den Impfstoff und infizierte alle mit dem Tuberkelbazillus, auch die ungeimpften Kinder. Anschließend wurden alle „Studienteilnehmer“auf Tuberkulose untersucht. –

Ein grauenhaftes Ende fanden diese Kinder, die als „Kinder vom Bullenhuser Damm“ in die Geschichte eingegangen sind, in der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945: Um die Menschenversuche im KZ Neuengamme zu vertuschen, ermordeten SS-Männer 20 jüdische Kinder aus Polen, der Slowakei, Italien, Frankreich und den Niederlanden und mindestens 28 Erwachsene im Keller des Gebäudes  am Bullenhuser Damm 92 bis 94, einer Außenstelle des KZ. 6000 Hamburger Opfer und viele Schuldige: Ärzte, Krankenschwestern, Hebammen und Fürsorgerinnen.

Im Museum: Im Medizinhistorischen Museum ist die Geschichte von Irma Sperling dokumentiert. Ausgestellt sind auch Instrumente, die für die Zwangssterilisation verwendet wurden. Im November wird die Dauerausstellung „Medizinverbrechen im Nationalsozialismus“ eröffnet.

Zum Gedenken: An die ermordeten Kinder vom Bullenhuser Damm erinnert eine Gedenkstätte im Keller der ehemaligen Schule am Bullenhuser Damm 92-94. Sonntags von 10-17 Uhr geöffnet. Eintritt ist frei.

Zum Gedenken: Der Irma Sperling-Weg in Alsterdorf wurde nach dem Mädchen benannt, das von den Alsterdorfer Anstalten deportiert und in der Kinderfachabteilung in Wien ermordet wurde.

Der Ort des Unrechts

Der Ort des Unrechts

Morde und Menschenversuche in Kliniken(Auszug), Hamburger Medizingeschichte, letzter Teil: Die Rolle der Nazi-Ärzte – und das Schicksal von Irma Sperling, die ihnen zum Opfer fiel, #Hamburger Abendblatt, HAMBURG, Montag, 13. März 2017

Halbmondfinsternis: Erdogans Deuschland

Halbmondfinsternis: Erdogans Deuschland

Leserbrief: Die Nazis haben die Medien gleichgeschaltet, Minderheiten verfolgt, Kritiker eingekerkert, die Opposition kaltgestellt und verfolgt. Wer nicht der Meinung des „Führers“ war, der war sein Feind. Herr Erdogan , ich hätte da mal eine Frage: Wo findet so etwas gerade statt? In Deutschland? Jürgen L. Mönchengladbach

Leserbrief: Wer mit ausgestrecktem Zeigefinger auf unschuldige Nachkriegs-generationen zeigt und sie als Nazis beschimpft, auf den zeigen vier Finger zurück. Wer hier meint, das kräftig bejubeln zu müssen, sollte besser ins gelobte Land zurückgehen. Hans Gerd, G. Remscheid

Zum obigen Thema noch erwähnenswert ( aus „Wenn das ganz normale Arschloch von nebenan“… Bei tuscade als Eintrag zu finden ) Hier: Wie Sonderlinge doch die Welt auf den Kopf stellen und hinters Licht führen wollen!

Bekenntnis:

Er war nie ein Faschist.

Hat vom KZ nichts gehört.

Und an Röhm hat ihn immer das Schwule gestört.

Doch wie das so ist:

Als PG numeriert, aber nicht tätowiert,

ist er hin und wieder im Braunhemd marschiert.

Doch dies hatte nichts mit Gesinnung zu tun.

Wirklich, rein gar nichts! Da war er immun.

Auch der Himmler war ihm als Spieler zuwider,

und er haßte die Baldur-von Schirach-Lieder.

Und den „Stürmer“ hat er nicht einmal gelesen;

da ist er nur Zwangs-Abonent gewesen.

Schließlich will man sich keinen Ärger bereiten

und heult mit den Wölfen in solchen Zeiten.

Auch „Mein Kampf“, der stand nur im Bücherbord

so quasi zur Tarnung. Gelesen? Kein Wort!

Tja, und dann wegen der Juden und all dem Kram

ist er aus zutiefst empfundener Scham

inmitten des Krieges und im Abschwung des Siegs

sehr still nach tief innen emigriert.

Wo sich noch heut seine Spur verliert.

Glaubt mir, Leut, er war kein Faschist.

Er war als Mensch nur ein Opportunist.

–Seit neuestem vermutet man allerdings, dass der obige (Mensch aus dem Gedicht) sich in dem wieder erstarkten Deutschland, dem demokratischen Deutschland, rechtzeitig einen Namen als „Nazijäger“ gemacht haben soll…–

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#Schmerzen als #Nebenwirkung durch die Einnahme von #Antibiotika

Fluorchinolone in Deutschland

Fluorchinolone in Deutschland

Sogar die amerikanische Zulassungsbehörde (FDA) warnt nicht nur vor Sehnenentzündungen und -rissen, sondern auch vor Gelenk- und Muskelschmerzen, Missempfindungen und Schmerzen auf der Haut, Herzrasen und Herzrhythmusstörungen, schlimmen Durchfall, Schlafstörungen, Verwirrung, Halluzinationen, Depressionen und Selbstmordgedanken – unter anderem. Die Mittel, so die FDA, sollten bei Erkrankungen wie Nasennebenhöhlenentzündungen , Bronchitis oder einer unkomplizierten Harnwegsinfektion deshalb dann nur noch zum Einsatz kommen, wenn wirklich kein anderes Antibiotikum mehr hilft.

Trotzdem wurden 2015 in Deutschland immer noch 33,7 Millionen Tagesdosen Fluorchinolone verordnet. Offenbar unterschätzen die Ärzte die Gefahr. Fluorchinolone werden immer noch viel zu häufig bei banalen Infektionen verschrieben. Warnhinweise müssten dringend so formuliert und verbreitet werden, dass auch beim letzten Arzt „der Groschen“ fällt. Wie viele Betroffene es in Deutschland tatsächlich gibt ist schwer abzuschätzen. Aber es ist davon auszugehen, dass Fluorchinolon-Schadwirkungen ein unterschätztes Problem sind, auch deshalb, weil einige der Nebenwirkungen schon nach einer einzigen Tablette auftreten können oder erst Monate nach der Einnahme. Eine Kohortenstudie hat ergeben, dass das Risiko, an einer Achillessehnenentzündung zu erkranken, nach Einnahme von Fluorchinolonen im Vergleich zu anderen Antibiotika 3,7-fach erhöht ist; Levofloxacin ist dabei wahrscheinlich besonders riskant. Insbesondere ältere Patienten und solche, die zusätzlich Kortikosteroide einnehmen, sind gefährdet. Manche Wissenschaftler halten es sogar für möglich, dass ein Patient von etwa 230, die ein Fluorchinolon verschrieben bekommen, eine Sehnenentzündung erleidet. Demnach müsste es in Deutschland Tausende Betroffene geben.

Warum die Medikamentengruppe der Fluorchinolone so viele verschiedene unerwünschte Wirkungen auslösen kann, weiß niemand genau. Möglicherweise schädigen die Mittel direkt die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zelle, oder sie stören den Kontakt zwischen Zelle und ihrer Umgebung. – Alleingelassen mit ihrem Leid fangen die Betroffenen jetzt an, sich selbst zu helfen. Ganz vorn dabei ist Sven Forstmann. Auch ihn schmerzen die Sehnen und etliche weitere Beschwerden machen ihm zu schaffen, seit er vor acht Monaten zwei Tabletten Levofloxacin und eine Tablette Ciprofloxacin nahm. Etwa 1400 Leute, berichtet er, seien in Facebook-Gruppen organisiert oder beim Betroffenenforum registriert.

Veronika Hackenbroch, Zwei Tabletten Schmerz (Auszug), Sehnenriss, Muskelqual, Depression – Eine Gruppe von Antibiotika, die Fluorchinolone, können schreckliches Leid auslösen. Doch viele Ärzte ignorieren die Gefahr, #DER SPIEGEL, 7/2017, Medizin.

Leserbriefe, DER SPIEGEL, Vorher kerngesund, 9/2017

Ich, 38 Jahre, vorher kerngesund, bin nach einmaliger Einnahme von Ciprofloxacin wegen eines unspektakulären Infekts betroffen von Sehnen-, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Unbelastbarkeit des ganzen Bewegungsapparats. Deshalb ist es für mich eine Wohltat einen solchen Artikel zu lesen und ihn allen Ärzten, die sagen, „nein gibt es nicht kommt nicht vom Cipro“, unter die Nase halten zu können. Die Unwissenheit und die meist nur einfache arrogante Ignoranz oder Unbelehrbarkeit der Götter in Weiß sind fast noch schlimmer zu ertragen als die Schmerzen des vorher einwandfrei funktionierenden Körpers! – Stefan Z. Schwabach (Bayern)

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Das #schwarze #Loch. Ein ungelöstes #Rätsel der Astrophysik

Entstehende Galaxie

Entstehende Galaxie

Eine ungewöhnliche Entdeckung könnte dazu beitragen, ein wichtiges Rätsel der schwarzen Löcher zu lösen – welches wiederum eng mit der Entstehungsgeschichte der Galaxien zusammenhängt. An dieser Entdeckung ist die deutsche Astronomin Stefanie Komossa beteiligt: „Das große Fressen dort draußen im All nimmt einfach kein Ende.“ Es klingt paradox, aber viele Indizien sprechen mittlerweile dafür, dass ausgerechnet die Sternenfresser Geburtshelfer der Sterne waren. Wie Messungen zeigen, beherbergt offenbar jede größere Galaxie in ihrem Zentrum ein supermassives schwarzes Loch, das so viel wiegt wie Millionen Sonnen – auch in unserer Milchstraße kommt ein solches Monster vor. Und je schwerer eine Galaxie desto schwerer ist auch ihr Sternenschlucker. Dieser Zusammenhang kann kein Zufall sein.

Gaswolke

Gaswolke

Die schwarzen Löcher bildeten in der Frühzeit jene  Schwerkraftzentren, um die herum sich  Gaswolken nach und nach zu funkelnden Sonnen zusammenballten. Doch wenn die schwarzen Löcher tatsächlich die kosmischen Keime für die Galaxienbildung waren, wie sind sie dann selbst entstanden?

Urknall

Urknall

Computersimulationen liefern Hinweise, wie alles angefangen haben könnte: Schon kurze Zeit nach dem Urknall bildeten sich aus der Urmaterie demnach riesige „Hypersterne“, jeder von ihnen hundertmal so schwer wie unsere Erdensonne. Wegen ihrer ungeheuren Masse waren diese ersten Sterne nicht allzu lange stabil. Während heutige Sonnen viele Milliarden Jahre alt werden können, fielen die Hypersterne unter dem Druck ihrer eigenen Schwerkraft schon nach wenigen Millionen Jahren in sich zusammen. Bei diesem Kollaps verbogen sie Raum und Zeit – sie verwandelten sich in schwarze Löcher, die alles zermalmen, was in sie hineinfällt. Unfassbar verdichtet ist in ihnen die Materie. Würde die Erde zu einem schwarzen Loch werden, passte ihre gesamte Masse in ein Schnapsglas. Wie es im Inneren der schwarzen Löcher aussieht, weiß niemand, vielleicht wird sich das auch nie aufdecken lassen. Bilden sie Abkürzungen durch den Raum? Oder gar Brücken zu unbekannten Universen? So fremdartig muten diese Himmelsobjekte an, dass viele Kosmologen lange bezweifelten, dass es sie überhaupt geben kann. Ihre Existenz ergibt sich jedoch aus Albert Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie und wurde durch viele Messungen bestätigt. So plausibel das Szenario ist, welches beschreibt, wie vermutlich ihre Geburt ablief – rätselhaft bleibt, wie die aus den Ursternen hervorgegangenen schwarzen Löcher so schnell zu ihrer heutigen Größe anwachsen konnten. Schon bald nach ihrer Geburt müssen sie Abermillionen Sonnen verschlungen haben. Seltsam daran ist nur: Die meiste Zeit sind die Ungeheuer auf Diät gesetzt.

Hyperstern

Hyperstern

So hungert das schwarze Loch, das im Zentrum unserer Milchstraße lauert, schon seit Äonen vor sich hin. Gegenwärtig stopft es nur noch geringe Mengen Gas und Staub in sich hinein, die in seiner Nachbarschaft herumvagabundieren, pro Woche höchstens die Masse der Erde. Könnte die Fressorgie in der fernen Zwerggalaxie nun dazu beitragen, eine Wissenslücke zu schließen? Das dort seit einem Jahrzehnt schlemmende Loch wiegt offenbar schon mehr als hunderttausend Sonnen – es ist also weitaus schwerer als ein neugeborenes schwarzes Loch, aber immer noch leichter als die supermassiven Exemplare. Vielleicht wurde mit diesem mittelschweren schwarzen Loch endlich das langersehnte Bindeglied gefunden. Sein außergewöhnlicher Fressmechnismus könnte erklären, wie einige schwarze Löcher so schnell so schwer werden konnten.

 

Schwarzes Loch

Schwarzes Loch

Olaf Stampf, Stefanie Komossa, Die Sternenfrau und das Biest (Auszug), Eine deutsche Astronomin schaut schwarzen Löchern beim Fressen zu. Ihre Beobachtungen können helfen, die Geburt der Galaxien zu rekonstruieren. Das gefräßigste Schwerkraftmonster kaut schon seit zehn Jahren auf einer Sonnenleiche herum. #DER SPIEGEL, 9/2017, Kosmologie.

 

 

 

Supermassives schwarzes Loch

Supermassives schwarzes Loch

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Zwischen #Bürokratie, #Schule und #Familie. Das #Elend auffälliger #Schüler

Das mag die Schulleitung nicht

Das mag die Schulleitug nicht

Etliche Kinder gelten an deutschen Schulen als „Problemfälle“. Sie sind renitent, stören, stellen Lehrer bloß. In Extremfällen werden sie gewalttätig, verletzen sich und ihre Mitschüler. Andere ziehen sich zurück, versinken in Schweigen und Depressionen. Diese Kinder wechseln oft mehrmals die Schule, scheinen nirgends richtig hineinzupassen – weil Lehrer, Mitschüler oder deren Eltern das Verhalten für unzumutbar halten. Was dabei in der Regel unbeachtet bleibt: wie sehr diese Kinder leiden. Sie verhalten sich meist deshalb auffällig, weil sie mit den Bedingungen nicht klarkommen, den großen Klassen, dem Stillsitzen und den Lehrern, die ihre Schüler „zurechtbiegen“ wollen.

Es gibt Extremfälle wie den von Sebastian, 17, der über Monate gar nicht mehr zur Schule ging. Sebastian ist Asperger-Autist. Es irritiert ihn, wenn die Welt nicht nach klar ersichtlichen Regeln funktioniert. Liegt das Besteck nicht fein säuberlich aufgereiht neben  Sebastians Teller, ist das für ihn schwer zu ertragen. Und er reagiert sehr empfindlich auf Lärm. – Er hört sein Blut durch die Adern rauschen. Schon in der Grundschule fiel er auf. War es ihm zu laut, rannte er aus der Schule und blieb erst vor dem Elternhaus stehen. Ab der fünften Klasse besuchte er eine Stadtteilschule. Immer wieder musste seine Mutter ihn vorzeitig abholen, weil er einen „schwierigen Tag“ hatte. Auch wurde er einmal für einige Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Als er kurze Zeit später beim Rauchen einer E-Zigarette erwischt wurde, kam es zum Streit mit der Schulleitung. Daraufhin litt er an Bauchschmerzen, übergab sich nächtelang. Ein Arzt diagnostizierte psychosomatische Beschwerden.

Es gab Übergangslösungen für Sebastian. Viele Angebote erschienen seinen Eltern unpassend: Sebastian wechselte probehalber in die Autistenklasse eines Gymnasiums, wo er aber nicht bleiben konnte, weil er keine Empfehlung für das Gymnasium hatte. Er besuchte eine weitere Stadtteilschule, wo er in einer Art Wahlkabine sitzen sollte, um ihn von Reizen aus der Umgebung und von anderen Kindern abzuschirmen. Nach dem ersten Schultag kam Sebastian aufgewühlt nach Hause. Ähnliches Leid hatte er schon einmal erfahren. Seine Eltern wollten ihm das nicht wieder antun. Für Sebastian folgten lange Phasen der Leere, in denen er zu Hause saß.

Die Schulbehörde  verweist auf die zahlreichen Unterstützungsangebote für Kinder mit Verhaltensstörung. Ein Problem sei, dass Eltern heute stärker als früher auch öffentlich verlangten, die Schule solle die Probleme ihrer Kinder lösen. Manchmal sind die Probleme der Kinder mit denen der Familie eng verzahnt. – Aus psychologischer Sicht sind die Gründe für Schulprobleme und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern völlig verschieden. Einige Eltern vermitteln ihren Kindern zum Beispiel nicht mehr, dass sie Regeln respektieren und auch mal Frust aushalten müssen. Auch Lehrern fällt es manchmal schwer, angemessen auf Kinder einzugehen, die unter Depression, Ängsten, Verhaltensstörungen oder anderen psychischen Problemen leiden. Einander die Schuld an der Misere zuzuschieben bringt jedoch keine Lösung.

Die Mutter einer deutsch-finnischen Familie hat einen zehnjährigen Sohn Antti. Dieser gilt als hochsensibel. Er reagiert besonders stark auf das, was um ihn herum passiert. Ist es ihm zu chaotisch oder zu laut, ist er schnell überfordert. Antti hat zunächst eine Grundschule mit einem besonderen Lernkonzept besucht. Ihr Sohn hat dort wahrscheinlich nichts gelernt. Wenige Monate nach der Einschulung haben die Lehrer den Eltern einen Schulwechsel nahegelegt. In der neuen Schule, einer Waldorfschule, ist Antti von Anfang an ins Abseits geraten. Nach zwei Monaten haben ihn Mitschüler von der Schaukel geschubst. Nach vier Monaten packten sie ihn zu dritt. Ein vierter Junge hat Antti einen Zahn aus dem Mund geschlagen. Die Familie suchte zum dritten Mal innerhalb eines Jahres nach einer passenden Schule. Doch wirklich fündig wurden die Eltern in ihrer Umgebung nicht. Der Junge könne ja Kopfhörer aufsetzen hat ein Schulleiter, den sie zum Erstgespräch trafen, vorgeschlagen.

Die Familie hat die doppelte Staatsangehörigkeit und außerdem ein Ferienhaus in Finnland, was dem Sohn einen Schulbesuch in Finnland ermöglichte. Vom ersten Tag war für Antti alles anders. Die Lehrerin hat den neuen Schüler in den Arm genommen, sie hat ihm gesagt, er sei ein toller Junge. So ergab sich für die Familie ein Kompromiss: Antti geht nun neun Monate in Finnland zur Schule. Dann nämlich, wenn seine Mutter Ferien hat und mit ihm in den Norden reisen kann. In der restlichen Zeit lernt Antti zu Hause in Deutschland. Sonntags schicken ihm seine finnischen Lehrer einen Plan mit den Aufgaben für die nächste Woche. Und dann rufen sie zwei-, dreimal pro Woche an.

Silke Fokken, Kristin Haug, Miriam Olbrisch, Wohin mit Sebastian? (Auszug), manche verhaltensauffällige Schüler gehen über Monate nicht zur Schule. Eltern, Lehrer und Behörden schieben sich gegenseitig die Schuld zu, #DER SPIEGEL, 6/2017, Bildung

Leserbrief, DER SPIEGEL, 9/2017:

Wann werden endlich Bildungskonzepte entwickelt oder übernommen, die nicht mehr den Schüler zwingen, sich einem System anzupassen, sondern vielmehr die individuellen Bedürfnisse, Interessen, Begabungen und Fähigkeiten der Kinder berücksichtigen, und hierzu entsprechende Ressourcen zur Verfügung gestellt? ————————————– Kido H.K. Hamburg

 

 

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#Svea #Kerling. #schwarz oder #weiß. #Rezension

Sie hat Angst vor dem Leben. Wie sie auch kämpft, sie leidet. Nicht für sich allein. Wenn sie redet hören ihre beiden Töchter ihr zu. Sie ist alleinerziehend, hat drei Katzen und ohne regelmäßige Beschäftigung wie Arbeit. Schon ihre äußere Erscheinung fällt da auf, wo sie lebt. Sie ist einfach anders mit ihrem pechschwarzen Haar, ihren dunklen Augen. Auch spricht sie eine fremde Sprache. Sie ist eine Migrantin der ersten Generation aus einer Gastfamilie. Kann das eine Heimat sein, dieses neue Land, dieser Ort, diese Stadt?

Blick in den Abgrund/Unterbewusstsein

Blick in den Abgrund/Unterbewusstsein

Ihr Blick geht nach innen. Was weiß ihre Mutter, was wissen ihre Kinder von ihrem geistigen Kampf mit den dunklen Gestalten, den Dämonen. Ihr Kopf zerspringt. Sie wühlt in Gedanken und Visionen. Sie ist auf der Flucht, sucht Schutz in Wäldern und Häusern. Ihre Nerven sind zu schwach. Selten kommt ein Lächeln über ihre Lippen. Ihr Nervenkostüm ist ungeeignet für das „Normale“. Sie ist zu sensibel, zu zart. Schon als Kind war sie immer etwas anders. Ihr Misstrauen richtet sich gegen die „heile Welt“ : beim Bäcker, beim Schlachter, bei der Begegnung auf der Straße, –  also im ganz alltäglichen Leben. –  Misstrauen auch gegen jene, die ihr helfen wollen, die Ärzte, die Schwestern in der Klinik. – Was ist das für ein Leben?

Kennen Sie jemanden, der an einer psychischen Krankheit leidet? An einer Depression, an einer bipolaren Störung, an Psychosen, Neurosen? Vielleicht gar Sie selbst? Wie sind wir doch anders, wie wünschen wir uns doch, normal zu sein. Nur um dann zu merken, dass wir doch nicht normal sein wollen. Mir (Autorin) geht es so. Nicht, wenn das als normal gilt, was um mich herum geschieht.“

Ist es das Leben, was sie so fürchtet, oder ist es schon der Tod, was in ihr triumphiert? Sie liebt das Dunkel mehr als das Licht. Wird sie selbst zur Dunkelheit? Bei Nacht werden die bösen Geister unsichtbar. Der Schmerz wird erträglicher, die Narben werden blasser. – In der Dunkelheit offenbart sich ihre Wirklichkeit, eine Wirklichkeit hinter dem Schein, eine irreale Welt hinter der realen Welt. Sie sieht und empfindet ganz deutlich, dass da noch etwas anderes verborgen liegt außerhalb der stupiden so genannten Normalität: Mami, Papi, zwei Wonneproppen in der heilen Welt… Sie will nicht Teil dieser Gesellschaft werden.

Zufriedenes Miteinander

Zufriedenes Miteinander

Heute will und kann Svea Kerling bewusst leben. Die Drei haben zu einem liebevollen, respektvollen Miteinander gefunden. Ein Leben ohne Vorurteile, Schuldzuweisungen, Selbstmitleid. Svea kämpft und bestimmt selbst über ihr Leben. – Und es gibt Menschen, die sie so annehmen, wie sie ist.

schwarz oder weiß

schwarz oder weiß

Svea Kerling, schwarz oder weiß, #Borderliner kennen kein Grau, Autobiografische Erzählung, Orange Cursor, erste Auflage, Dezember 2014, 123 Seiten

 

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