#Strafe und #Belohnung in der #Erziehung

Strafe und Schmerz

Strafe und Schmerz

Was bringen Strafen in der Erziehung? Sie wirken auf verschiedene Art und Weise. Vor allem schädigen sie den Selbstwert der Kinder, das Vertrauen zueinander, und sie belasten die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Wir wollen mit den Kindern Konflikte schnell lösen und nutzen dafür oft unbewusst unsere Macht aus. Wir versuchen es auch über Erklärungen und hoffen auf Einsicht unserer Kinder. Nur klappt das häufig nicht. Am Ende läuft es auf ein Verbot hinaus. Frustrationen können wir nicht verhindern. Eltern versuchen häufig, ihre Kinder auf der Vernunftebene zu überzeugen. Dabei wissen wir aus der Hirnforschung, dass die dafür wichtigen Strukturen erst später vollends heranreifen. Die Kinder fühlen sich gar nicht angesprochen, sie sind noch vorwiegend von Emotionen bestimmt. Über die Gefühle können wir Kinder aber gut erreichen: „Mensch du ärgerst dich aber gerade gewaltig.“ Damit ermöglichen wir ihnen die wichtige Erkenntnis: Das, was ich gerade fühle ist also Ärger. Das macht die Sache noch nicht besser, unterstützt die Kinder jedoch dabei, langfristig ihre emotionale Landkarte kennenzulernen. Irgendwann schaffen sie es, sich selbstständig zu regulieren. Strafen unterbrechen diesen Lernprozess, die Kinder erfahren nichts über ihre Gefühle. Im Gegenteil – sie lernen eher, sie zu unterdrücken.

Wir brauchen Kinder gar nicht weder durch Strafen noch durch Belohnungen zu motivieren. Wir wissen heute, wie wichtig die sogenannte Selbstwirksamkeit ist; der Wunsch etwas aus eigener Kraft zu schaffen, ist in uns angelegt. Wenn Kinder eine innere Bestärkung erfahren, weil sie etwas allein gemeistert haben, dann verankert sich das tief in ihrem Selbst. Strafen und Belohnungen stören diesen inneren Antrieb. Eine Belohnung ist immer auch ein kleiner Misstrauensantrag: Man traut dem Kind nicht zu, etwas aus eigenem Antrieb zu vollbringen. Man schafft nur dann sein Kind richtig einzuschätzen, wenn man dessen Grundbedürfnisse kennt: Geborgenheit und Nähe, das Bedürfnis, gesehen und anerkannt zu sein, so wie man ist. Dann ist es wichtig, präsent in den Beziehungen zu seinen Kindern zu sein. Viele Eltern sind oft gar nicht richtig da. Sie sind mit dem Kopf noch bei der Arbeit, wollen schnell eine Mail beantworten, schreiben gerade eine SMS mit jemanden. – Doch zum Beispiel beim Ins-Bett-Gehen sind Kinder auf jemanden angewiesen, der ihnen hilft herunterzukommen, sich zu entspannen. Jemand, der nicht richtig anwesend ist, beruhigt nicht – er verunsichert eher zusätzlich.

Alles, worum es hierbei geht, ist zu versuchen, die Kinder in ihrem Verhalten besser zu verstehen, ihre Signale zu lesen und zu übersetzen. Allein besseres Verstehen hilft schon, Nerven zu schonen: Ein Beispiel hat Katharina Saalfrank in ihrem Buch* beschrieben: Ein fünfjähriger Junge streitet sich mit einem anderen Kind auf der Rutsche und haut zu. Der Vater schnappt ihn sich, schimpft, setzt ihn auf eine Bank, er solle sich gefälligst überlegen, was er getan habe. – Mit solcher Gardinenpredigt ist niemandem geholfen. Wichtig ist zu wissen: Kinder können sich in dem Alter noch nicht so gut mit Worten abgrenzen. Also tun sie es physisch, indem sie hauen. Mit einer Strafe oder einem Verbot ist so ein Konflikt nicht konstruktiv zu lösen. Das Kind weiß meistens schon, dass Treten und Hauen nicht in Ordnung sind. Aber es tut es trotzdem. Weil es noch keine anderen Strategien hat und nicht anders kann. Indem wir jetzt nur schnell versuchen, sein Verhalten zu ändern, sehen wir nicht, was tatsächlich dazu geführt hat, dass das Kind sich – in diesem Fall durch Hauen – abgegrenzt hat. Der Junge auf dem Spielplatz hat lediglich verstanden: „Ich hab etwas gemacht, was nicht in Ordnung ist.“ Es wäre sinnvoll, wenn der Vater seinem Sohn hier Handlungsalternativen vorleben könnte und nicht einfach das Verhalten bestrafte.

Erziehung?

Erziehung?

Man kann etwas Gutes bewirken, indem man die Kinder in ein Gespräch bringt, Gefühle spiegelt: „Was ist passiert, worüber ärgert ihr euch so?“ Allein die Möglichkeit zu haben, das mit einem Gefühl verknüpfen zu können hilft den Kindern, mehr über die eigenen Bedürfnisse zu erfahren. Es geht dann nicht darum, welches Kind recht hat, sondern wie die beiden das unter sich klären können. – Unbewusst greifen viele Eltern auf Muster zurück, die sie aus ihrer Kindheit kennen, und nicht selten sind das eben Abwertung, Strafe, Missachtung. Unser Gehirn bedient sich in Stresssituationen dessen, was sich tief in die emotionalen Netzwerke (Unterbewusstsein) eingebrannt hat. So kann es dazu kommen, dass wir unsere Kinder mit den Vorwürfen überhäufen, die wir aus unserer Kindheit kennen, und plötzlich so klingen wie unsere eigenen Eltern.

Die betroffenen Eltern müssten bewusst eine Verbindung zu sich selbst herstellen und schnell ablaufende Muster verlangsamen. Es gibt immer einen Punkt, an dem man das  Abgleiten in das übliche Verhalten stoppen kann. In Stresssituationen kann man auf seinen Körper achten, sich bewusst entschleunigen, bevor man in Schreien und Wut gerät. Das braucht ein wenig Übung und Geduld. Man kann in Akut-Situationen auch eine Notfallstrategie entwickeln: ein paar ruhige Atemzüge, im Ernstfall auch mal den Raum verlassen. Das ist besser, als das Kind wegzuschicken, es zu bestrafen oder anzuschreien.

Wenn es einem von uns in der Familie nicht gut geht, sollten alle bereit sein miteinander zu sprechen, wir sollten uns gegenseitig zuhören, fragen, wie es uns gerade geht, was jeder fühlt. Danach sollte man fragen, was wir tun können. – Miteinander reden, sich austauschen – das findet vor allem im Alltag statt. Bei den Hausaufgaben, beim Abspülen, beim Zähneputzen. Und es sollten auch nicht nur Konflikte besprochen werden. Sondern die Frage gestellt werden: „Wie geht es dir?“

Kerstin Kullmann, „Es geht um Wut, Trauer, Schmerz“( Auszug ), #SPIEGELGespräch, Die Pädagogin Katharina Saalfrank plädiert für eine Erziehung ohne Strafen – und erklärt, wie es Eltern gelingt, ihren Kindern die Dämonen der eigenen Jugend zu ersparen, #DERSPIEGEL, 41 / 2017

*Katharina Saalfrank: „Kindheit ohne Strafen“, Beltz, 264Seiten, 17,95 €

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Nicht nur #Atome auch Kerne: Vielleicht auch #Atomkerne im #Nanokosmos sichtbar

Blick aus dem All

Blick aus dem All auf Hamburg Schenefeld

Direktor Thomas Kaupe unternimmt im mit neuer Technik ausgestatteten Sternentheater eine Reise ins Innere der uns bekannten Welt: den Nanokosmos, die Welt der Atome und Moleküle. Bisher für unmöglich gehaltene Filme von den Prozessen auf dieser Ebene soll der Anfang September eröffnete Röntgenlaser European XFEL möglich machen. Die 3,4 Kilometer lange Maschine, die Supermikroskop und Superkamera in einem ist, verläuft unterirdisch zwischen dem Forschungszentrum Desy in Hamburg Bahrenfeld und einer Halle im schleswig-holsteinischen Schenefeld.

Vergrößertes Bild

Durch eine Lupe vergrößertes Bild

Originalbild

Originalbild

Vergrößerung durch Lupe

Sammellinse erzeugt vergrößertes Bild

Wo auf der Innenkuppel sonst Galaxien mit ihren Sternen und Planeten auftauchen, zeigen Animationen nun Zellstrukturen, Viruspartikel und einzelne Moleküle mit ihren Atomen-Teilchen, die zehn Millionen Mal kleiner sind als ein Millimeter. Mit sichtbarem Licht lassen sich Prozesse auf dieser Ebene nicht scharf abbilden.

 

Mikroskop

Mehrere gewölbte Linsen: Mikroskop

Menschliches Haar

Durch Mikroskop vergrößertes Haar

 

Der European XFEL soll das mit seinem Röntgenlicht schaffen. Die von der Maschine erzeugten Lichtblitze sind für den Bruchteil einer billionstel Sekunde heller als das gesamte Sonnenlicht, das im gleichen Zeitraum die Erde erreicht. Und sie sind so kurz, dass sie Atome schneller ablichten, als die Teilchen sich bewegen. Viele einzelne Aufnahmen wollen Forscher dann zu Filmen zusammenfügen.

 

Wenn alles läuft wie erwartet, wird der Supraleiter das leistungsfähigste Instrument seiner Art sein. Mit dem bisher stärksten Röntgenlaser der Welt, dem LCLS in Stanford (Kalifornien), erzeugen Forscher 120 Lichtblitze pro Sekunde – bis zu 27.000 Pulse pro Sekunde soll der European XFEL schaffen. Damit sollen sich Messungen in wenigen Tagen bewältigen lassen, die in Stanford heute Wochen dauern.

Kopf der Stubenfliege

Kopf einer Fliege im Elektronnmikroskop

Die Bilder aus dem Inneren der Materie sind eine computergestützte Rekonstruktion der Wirklichkeit. Um etwa die Struktur von Biomolekülen zu entschlüsseln, spritzen  Forscher Teilchen in einer Flüssigkeit in die Probenkammer. Jedes Mal, wenn ein Lichtblitz einen Proteinkristall trifft, entsteht ein Streubild, das ein Detektor aufnimmt. Aus Millionen von Streubildern lässt sich ein dreidimensionales Abbild der Probe errechnen – im Idealfall bis zum einzelnen Atom.

Elektronenmikroskop

Atome im Elektronenmikroskop

Atommodell

Atommodell: Kern und Elektronen

Infektionsforscher wollen mit dem Röntgenlaser erkunden, wie genau krankheitserregende Viren unsere Zellen manipulieren und wie Medikamente dagegen wirken können. Biochemiker möchten etwa den Beginn der Proteinentfaltung ins Visier nehmen. Läuft dies schief, lagern sich falsch gefaltete Proteine zu Klumpen zusammen, was wahrscheinlich zur Entstehung von Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson beiträgt. Außerdem auf der Experimentier-Agenda: Wie lassen sich miniaturisierte Datenspeicher, stärkere Akkus und effizientere Katalysatoren konstruieren.

Selbst Astrophysiker werden die Blitzmaschine nutzen. Dazu werden Laserstrahlen extreme Materialzustände erzeugen, wie sie wohl im Inneren von Gasplaneten und Sternen herrschen. Um zu verstehen, was in gewaltigen Objekten im Universum vorgeht, muss eben die gesamte Skala berücksichtigt werden.

Wer Winzlinge wie Atome sehen und ihre Anordnung erkennen will, braucht extrem energiereiches Licht. Denn je höher die Energie der Lichtteilchen (Photonen) ist, desto kürzer ist die Wellenlänge des Lichts. Ist die Wellenlänge so kurz wie der Abstand zwischen Atomen oder kürzer, lassen sich die Teilchen unterscheiden. Der Durchmesser eines Atoms beträgt etwa ein Zehntel Nanometer – die Wellenlängen der Röntgenblitze des European XFEL sollen bis zu 0,05 Nanometer klein sein.

Marc Hasse, Reise in den Kosmos der Atome (Auszug), Themenabend im Planetarium zeigt, wie Hamburgs neuer Röntgenlaser European XFEL funktioniert, #HamburgerAbendblatt, Donnerstag, 14. September 2017

Feidenhans'l

Robert Feidenhans’l Chef der XFEL

Der Physiker Robert Feidenhans’l referierte auf einer Barkasse vor Bloggern aus aller Welt und beantwortete geduldig alle Fragen zu dem 3,4 Kilometer langen Instrument in Schenefeld: dem Röntgenlaser, XFEL. Mit ihm wollen Forscher die Bewegung von Atomen „filmen“.

 

 

 

 

 

 

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Experimenteller #Nachweis von #Gravitationswellen gelungen

Gravitationswellen

Visualisierung von Gravitationswellen durch Danzmann und Team

Im Februar 2016 konnten zum ersten Mal Gravitationswellen experimentell nachgewiesen werden. Jene winzigen, sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreitenden Krümmungen der Raumzeit, die Albert Einstein 1916 als Konsequenz aus seiner Allgemeinen Relativitätstheorie vorhersagte. Professor Karsten Danzmann freut sich über eine renommierte Auszeichnung: am Donnerstag, den 7.  September 2017 hat der 62-Jährige im Hamburger Rathaus vor 600 geladenen Gästen den mit 750.000 Euro dotierten Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft erhalten. „Dank ihrer, Herr Professor Danzmann, kann nun ein neues Fenster zum Kosmos aufgestoßen werden“ , sagte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) bei dem Festakt. Er würdigte die Ausdauer des Physikers, der sich in Hamburg als Mitglied der Akademie der Wissenschaften in der Arbeitsgruppe „Neue Herausforderungen der Kosmologie“ engagiert. „Wir in Hamburg sind gespannt, auf das, was im Zuge ihrer Forschung noch zutage treten wird“, sagte Olaf Scholz.

Spektrum: Sichtbares Licht

Bis zum Nachweis von Gravitationswellen konnten Forscher Signale aus dem Universum nur im Spektrum elektromagnetischer Strahlung empfangen, also in Form von sichtbarem Licht: Infrarotlicht, Mikrowellen, und Radiowellen, sowie durch Wasserstoffkerne und Neutrinos, den beinahe massenlosen Teilchen. Allerdings bestehen etwa nur vier Prozent des Universums aus Materie, wie wir sie kennen, und von dieser Materie strahlt nur ein kleiner Teil. Aber alles in unserem Universum unterliegt der Schwerkraft, und alles, was der Schwerkraft, der Gravitation unterliegt und sich bewegt, muss Gravitationswellen aussenden. Das heißt, wir können auf diese Weise die dunkle Seite des Universums hören.

Urknall

Urknall: Beginn von Raum und Zeit

Das 2015 verzeichnete kosmische Signal stammt den LIGO-Forschern (Observatorium LIGO in den USA) zufolge von zwei außergewöhnlich schweren Schwarzen Löchern, die miteinander verschmolzen sind – in einer Galaxie, die 1,3 Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Es war das gewaltigste Ereignis, das je beobachtet wurde. Zwei weitere Ereignisse dieser Art haben die Forscher inzwischen nachgewiesen. Von den Gravitationswellen erhoffen sich die Forscher auch Erkenntnisse über die Entstehung von Galaxien sowie über die geheimnisvolle Dunkle Materie, die Galaxien wie Kitt zusammenhält und sich nur durch ihre gravitative Wirkung zu erkennen gibt. Auch über die Dunkle Materie soll aufgeklärt werden, diese sorgt dafür, dass sich das Universum immer schneller ausdehnt.

Mit Gravitationswellen-Detektoren läßt sich vielleicht mehr über die Zeit direkt nach dem Urknall erfahren. Denn erst 380.000 Jahre nach dem Urknall war das Universum durchlässig für elektromagnetische Strahlung – von Anfang an hingegen konnten wohl Gravitationswellen den Kosmos durchqueren.

Urnebel

Urnebel

 

Einsteins Theorie sieht vor, dass jeder beschleunigte Körper Gravitationswellen aussendet, die umso stärker sind, je mehr Masse der Körper hat, und je schneller er sich bewegt. Diese Signale sind allerdings äußerst schwer zu messen. Die von Danzmann und seinem Team mitentwickelten Anlagen des LIGO-Observatoriums in den USA bestehen jeweils aus zwei vier Kilometer langen, geraden Röhren, die im rechten Winkel zueinander angeordnet sind. Im Inneren vermessen Laser  kontinuierlich die Längen der Röhren. Treffen Gravitationswellen die Anlage, quetschen und dehnen sich die „Arme“ – um unfassbar winzige Längen: Die Änderungen sind tausend Mal kleiner als der Durchmesser eines Atomkerns. Detektoren zeichnen das auf. Weiterhin wird an einem Projekt gearbeitet, das zum Ziel hat, gegen 2030 das Gravitationswellen-Observatorium LISA ins All zu schicken. Es soll Signale empfangen, die Systeme auf der Erde nicht erfassen können.

 

Kohlenstoffatom

Kohlenstoffatom: Hauptmasse im Kern

 

Wasserstoffatom: Kern und Elektron

Wasserstoffatom: Kern und Elektron

 

 

Professor Danzmann

Professor Danzmann

„Hamburger Nobelpreis“ für Schwerkraft-Forscher, (Auszug), Physiker Karsten Danzmann erhält den Körber-Preis für eine Arbeit zum Nachweis von Einsteins Gravitationswellen, #Hamburger Abendblatt, WISSEN, Freitag, 8. September 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erstmals Gravitationswellen in Europa nachgewiesen

Das Universum wird ermesslich gemacht:

Kollision zweier Schwarzer Löcher

Simulation: Kollision zweier Schwarzer Löcher

Potsdam: Erstmals hat ein europäischer Detektor Gravitationswellen aufgefangen. Das Observatorium Virgo in Italien registrierte das Erzittern der Raumzeit am 14. August 2017 zeitgleich mit den beiden Antennen des US-amerikanischen Ligo-Observatoriums, wie das beteiligte Albert-Einstein-Institut der Max-Planck-Gesellschaft mitteilte. Diese Dreifachmessung erlaube eine präzisere Eingrenzung der Herkunftsrichtung des aus einer fernen Galaxie stammenden Signals als bisher möglich. Physik, #HamburgerAbendblatt, Freitag, 29. September 2017

Gravitationswellen

Gravitationswellen vom Schwarzen Loch

Die von Albert Einstein vorausgesagten Gravitationswellen gibt es wirklich. Für deren Nachweis erhalten drei US-Forscher den Nobelpreis für Physik

 

 

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Erst #Insektensterben dann #Vogelsterben

Noch ist's möglich: Ökoacker auf Gut Temmen

Noch ist’s möglich: Ökoacker auf Gut Temmen

In Deutschland ist das Vogelkonzert fast verstummt, bleibt der Sommer weiterhin ohne Grillenzirpen und Schmetterlings-Torkelflug. Während der Naturschutz einzelne Erfolge bei charismatischen Arten wie Wolf, Wildkatze oder Schwarzstorch feiert, gleicht die Agrarlandschaft, die etwa 50 Prozent von Deutschlands Landfläche ausmacht, einer Ökowüste. Längst hat sich der Deutsche an blütenleere Feldraine gewöhnt, an Landschaften ohne Moore, Auen, Hecken und unberührte Wälder. Praktisch alle Tier- und Pflanzengruppen in der Agrarlandschaft sind von einem eklatanten Schwund betroffen. Eine Kehrtwende in der Landwirtschaft ist notwendig, um der Krise zu begegnen. Denn über die Ursachen des Naturverlusts gibt es keinen Zweifel. Eine über Jahrzehnte fehlgeleitete EU-Agrarpolitik hat Deutschlands Bauern von ehrbaren Pflegern der Vielfalt zu Landwirtschaftsräubern gemacht.

Damit vergibt die Bundesregierung eine Chance: Deutschland könnte ein Vorbild für die Versöhnung von Landwirtschaft und Ökologie sein. Wie bei der Energiewende könnte das Land mutig voranschreiten in eine Agrarwende, die beiden gerecht wird, der Produktion von Lebensmitteln und dem Erhalt der Artenvielfalt. Mit den Insekten geht es steil bergab. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich das mittelfristig ändert. Und wer wollte daran zweifeln? Nur die Älteren erinnern sich noch an Autoscheiben, verklebt von Insekten, an Gärten voller Bienen, an Straßenlaternen, die nachts von zahllosen Motten umkreist werden. Die Folgen sind dramatisch. Insekten machen 70 Prozent aller Tierarten in Deutschland aus. Sie sind Nahrungsgrundlage vieler Vögel, Fledermäuse und Amphibien. Sie tragen dazu bei, die Böden fruchtbar  zu halten. Sie helfen als Nützlinge in der Landwirtschaft.

Sterben ausgewählter Vogelarten

Das Sterben ausgewählter Vogelarten

Ohnehin sind Vögel die auffälligsten Opfer der Landschafts- und Artenkrise. In der EU ist die Zahl der Brutpaare in der Agrarlandschaft zwischen 1980 und 2010 um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Besonders hart trifft es Bodenbrüter wie Feldlerchen, Braunkehlchen, Kiebitze oder Rebhühner, die keine Brut- und Rastplätze mehr in der Landschaft finden oder deren Gelege bei Ernte oder Mahd zerstört werden.

 

Das Gut Temmen, ein Großbetrieb, ist ein Biosphärenreservat in der Möränen-Landschaft. In den Ländereien werden 3460 Hektar bewirtschaftet, davon stehen 2780 Hektar unter dem Pflug. 1500 Rinder weiden auf den Wiesen. 300 Schweine wachsen heran. Es gibt einen Hofladen mit Wurst und Fleisch, Pferdeställe und Gästezimmer. Subunternehmer veranstalten Planwagenfahrten und vermehren Wildsamen. Künstliche Mineraldünger und synthetische Pestizide sind in der Biowirtschaft verboten. Dadurch ändert sich alles: Auf Gut Temmen stammt der Dünger aus dem eigenen Mist aus einer „Mistkooperation“  mit einem nahen Hühnerbetrieb. Zudem werden Rotklee und Luzerne als „Vorfrüchte“ angebaut, beides sogenannte Leguminosen, die über Knöllchen-Bakterien in ihren Wurzeln Stickstoff aus der Luft binden und so den Boden düngen. „Eine gewisse Toleranz gegenüber Unkräutern“ ist angebracht. Tatsächlich ragen die Köpfe vieler Disteln aus der Wintergerste. Die Ausfallkosten sind überschaubar.

Vom Aussterben bedroht

Der Kiebitz nistet in einer flachen grasgepolsterten Grube

Was auf diese Weise entsteht, ist ein Kulturland, das komplexer, vielfältiger ist als das auf konventionellen Höfen. Ein Mosaik von Lebensräumen hat sich auf Gut Temmen erhalten und herausgebildet, das zahllosen Arten Unterschlupf bietet. Schon ökologischer Landbau an sich garantiert eine hohe Artenvielfalt. Auf Gut Temmen wird versucht, Pflanzen und Tieren noch mehr Raum zu geben. 20 Meter breite Blühstreifen rund um einige der Tümpel des Betriebs erlauben Moorfrosch, Rotbauchunke, Kammmolch und Knoblauchkröte das Wandern. Die Amphibien locken wiederum Weißstorch und Schreiadler an.

Einige Politiker fordern ein sofortiges Verbot von chemischen Pflanzenschutzmitteln wie Neonicotinoiden und Glyphosat sowie eine Pestizidabgabe, damit die Folgekosten nicht mehr auf die Gesellschaft abgewälzt werden. Auch bei der Überdüngung müssten die Verursacher, zum Beispiel über eine Stickstoffabgabe, „zur Rechenschaft“ gezogen werden. Insgesamt, so steht es im „European Nitrogen Assessment“ verursacht die Überdüngung in der EU Schäden für Gesundheit, Ökologie und Klima von 70 bis 320 Milliarden Euro jährlich. Auch bei der Energiewende wird ein Umsteuern empfohlen. Bioenergie dürfte nur noch aus Rest- und Abfallstoffen gewonnen werden, nicht mehr aus eigens dafür angebauten Mais oder Raps.

„In welchem Deutschland wirst Du einmal leben?“, fragte Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal mit sanfter Mutti-Stimme in einem aktuellen CDU-Wahlspot zu einem Bild eines Ungeborenen. (Hohle Worte). Die Regierung unternimmt zu wenig, um die natürlichen Ressourcen für die Zukunft zu sichern. Ein starker Staat müsste viel entschiedener eingreifen, wenn die Bauern die biologische Vielfalt ruinieren.

Philip Bethge, Sommer der Stille (Auszug), unberührte Landschaften voller zirpender Grillen und singender Vögel – das war einmal. Deutschland leidet unter einem dramatischen Artenschwund, Nur eine radikale Wende zur Biolandschaft könnte die Vielfalt noch retten, #DERSPIEGEL, 26/2017, Seite 98 bis 102

Leserbrief, DER SPIEGEL, Nr 36/2017 Deutschland leidet unter einem dramatischen Artenschwund – schuld daran sind die Bauern.                                                                        Ein Rückgang der Insekten-Biomasse von bis zu 80 Prozent in den letzten 20 bis 25 Jahren! Der schleichende Verlauf lässt dabei fast vergessen, dass der Artenschwund schon vor 1990 beträchtlich war. So wurden in der näheren Umgebung meines Wohnorts vor knapp hundert Jahren noch Vogelarten dokumentiert, deren Vorkommen hier nicht einmal mehr vorstellbar ist: Auerhuhn, Birkhuhn, Steinkauz, Wiedehopf und etliche andere. – Norbert S. Bamberg

 

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#Rezensionen: Unsere Gefühle, #Wut und #Zorn in #positive #Gefühle verwandeln

Wut und Zorn

Wut und Zorn

Als US-Präsident Donald Trump bei seinem Besuch in Paris zu Brigitte Macron, 64, sagte, sie habe sich „gut gehalten“, hätte sie ihm dafür durchaus eine Ohrfeige verpassen können. Brigitte Macron hat es nicht getan, sie hatte sich vorbildlich im Griff. Doch mit der Energie, die in diese Kunst des alltäglichen Zorn-Einhegens fließt, könnten Frauen wahrscheinlich Kleinstädte zum Leuchten bringen. Natürlich gibt es auch den großen Zorn. Was, wenn es um schwere Straftaten geht? Vergewaltigung? Mord? Wie umgehen mit der Ohnmacht und der Wut? Den Täter ebenso demütigen? Wäre es eine Wiedergutmachung für das getane Unrecht? Und was ist mit Krieg? Verfolgung? Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Wie können wir den ganz großen Ungerechtigkeiten begegnen? – Was können wir tun, um die Schwächsten der Gesellschaft zu stützen? Wie bleiben wir mitfühlend, wenn wir als Menschen doch auch berechnend sein müssen? Wie kann ein Land für seine Bewohner lebenswert sein, das zwar reich an Bodenstoffen ist, aber Minderheiten unterdrückt oder Mädchen und Frauen den Zugang zu Bildung verwehrt?

Es gibt eine Liste von zehn sogenannten Befähigungen, die gewährleistet sein müssten: Sicher vor gewalttätigen Übergriffen zu sein gehört ebenso dazu wie die sexuelle Selbstbestimmung und die Möglichkeit, Bindungen mit Menschen einzugehen, die einem wichtig sind. Oder auch die Möglichkeit zu lachen, zu spielen und die Freizeit zu genießen. All diese Befähigungen gehören zu einem erfüllten Leben.

Wie kommen Mitgefühl, Liebe und Gemeinsinn in den öffentlichen Raum? Auch Wut und Zorn gehören dazu – und der daraus resultierende Wunsch nach Vergeltung. Nur dadurch, so denken wir, könne erlittenes Unrecht wieder geheilt werden. Aber genau diese Gedanken kann man infrage stellen. Das Leiden des Täters kann Geschehenes nicht ungeschehen machen. Daraus kann nicht Gutes erwachsen. Rache und Vergeltung ist „magisches Denken“. Zorn ist von der Rache zu trennen und vom ersteren ist das mobilisierende Moment zu nutzen. Den Zorn, den es braucht, um Veränderungen zu bewirken. Einen Protest – ohne den Wunsch nach Vergeltung. Das ist der „Zorn des Übergangs“. Das Gefühl, das Menschen ergreift, die gegen Ungerechtigkeit kämpfen. – Als Vorbilder gelten politische Führer wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela. Deren Geschick bestand darin, den Zorn ihrer Anhänger vom Wunsch nach der Rache zu trennen. Um dadurch beständige Änderungen zu bewirken – und nicht Bürgerkriege herbeizuführen.

Einige Menschen fallen immer wieder durch rechtskonservatives Geschimpfe auf, auch in den sozialen Netzen. Sie schreiben falsche Informationen hinein und regen sich über alles auf. – Ein Beitrag von Geisteswissenschaftlern dazu ist das „Argumentieren“: Die Stimme der Vernunft. Ein leises, respektvolles, nicht beleidigendes Überzeugen. Auf der Suche nach der Wahrheit.

Das ist es, was vor allem auch junge Menschen lernen sollten. Um sich auf ihre Rolle im Leben, ihre Rolle als Bürger vorzubereiten. – Lernen, wie man Abstand zwischen sich und den Zorn bekommt.

Kerstin Kullmann, im Interview mit #MarthaNussbaum (in Anlehnung an ihr am 13. März 2017 erschienenes Buch*) , (Auszug), „Rache ist magisches Denken“, Die Philosophin Martha Nussbaum untersucht die Rolle der Gefühle in der Gesellschaft, Wie lassen sich Wut und Zorn in positive Veränderungen verwandeln?, #DERSPIEGEL Wissenschaft,  34/2017

Philosophin Martha Nussbaum

Philosophin Martha Nussbaum

*Martha #Nussbaum: „Zorn und Vergebung. Plädoyer für eine Kultur der #Gelassenheit“. Aus dem Englischen von Axel Walter, WBG: Wissen, Bildung, Kultur, 2017, 408 Seiten, € 39,95

 

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#Rezensionen: #Altwerden, aber wie?

Mit dem Alter kommt die Weisheit

Mit dem Alter kommt die Weisheit

Alterspubertät ist eine Übergangszeit, sie hat aber nichts mit dem jugendlichen Überschwang der ersten Pubertät zu tun. Bei der Alterspubertät ist das Berufliche, täglich Durchgetaktete Vergangenheit. Das Alter ist noch Zukunft. Diese Zwischenpassage von 65 bis ungefähr 80 nennt sich Alterspubertät. In ihr ist viel mehr möglich, als wir glauben.

Die Verabschiedung in den sogenannten wohlverdienten Ruhestand wird von den meisten eben nicht als Türöffner ins Altersparadies empfunden. Das liegt daran, dass sich eine Grenze verschiebt. Bis dahin gehört man gesellschaftlich zu den Produktiven, danach nicht mehr. Aber die Grenze ist porös geworden, das wahre Alter beginnt keineswegs mit 65, sondern erst, wenn Veränderungen eintreten, die nicht mehr umkehrbar sind. Allerdings kann Alterspubertät zweischneidig sein. Einerseits genießt man neue Freiheiten, andererseits kämpft man gegen die Etikettierung „Alter“. Es dauert eben, bis man „ich bin alt und das ist okay so “ sagen kann, es ist ein kleiner Kampf.

Manche lieben betreutes Busfahren in die Lüneburger Heide, andere trekken auch in ihren Siebzigern noch mit dem Rucksack durch die Alpen. Ja, in der Pubertät sind die Menschen unterschiedlich. Aber eines ist bei allen gleich – sie wollen in keine Schublade gesteckt werden, sie haben Angst vor dem Verlust ihrer Selbstbestimmung. Egal wie alt, niemand will pädagogisiert werden. Statt zu frühzeitig ein sogenanntes Verkehrstraining vorzuschlagen, sollten Themen angeboten werden, mit denen sich Menschen bisher aus Zeitgründen nicht beschäftigt haben: Fremdsprachen, fremde Kulturen, Golf spielen, sich engagieren.

Früher, zur Zeit unserer Eltern, waren die Zeiten geordnet und vorhersehbar. Da hatte jedes Alter seine Verhaltensweisen, es wurde nur selten aus der Reihe getanzt. Das gab zwar Sicherheit, ließ aber kaum Individualität zu. Heute haben wir die Wahl. Wir können still sitzen oder ausprobieren. Wir wissen inzwischen, dass Bewegung, positive Erlebnisse und neue Erfahrungen lebensverlängernd wirken, aber wie aktiv wir als Alterpubertierende sein wollen, müssen wir selbst entscheiden. Genau wie in der Jugendpubertät erlebt sie jeder Mensch ganz unterschiedlich.

Was am Altwerden melancholisch macht, sind ja nicht unbedingt die körperlichen Verfallserscheinungen, sondern die vielen anderen Abschiede. Von Menschen, geliebten Ritualen und Gewohnheiten. Früher passierte ständig etwas, Partner, Kinder, Beruf. Plötzlich ist Stillstand. Dies muss aber nicht passieren, wenn wir rechtzeitig aufpassen. Freundschaften und Hobbys weiter pflegen, es muss ja kein Bungee-Jumping sein. Aber selbst wenn die Kreise kleiner werden, kann man weiterhin am Leben teilnehmen

Am Älterwerden und am Alter ist einiges schön: Man hat eine andere Taktung des Alltags, ist nicht mehr gehetzt, muss sich nicht mehr beweisen, all das kann man genießen. Eine andere Geschwindigkeit, eine andere Zufriedenheit. – Alterspubertät sollte möglichst lange dauern!

Evelyn Holst, Interview mit #BernhardMeyer (Auszug), Alter, was geht ab? Wie in der Teenie-Zeit befinden sich auch Menschen wieder im Übergang. Professor Bernhard Meyer spricht von #Alterspubertät. Weil diese Phase so viele Veränderungen mit sich bringt – und voller Chancen steckt. #Brigitte, Psychologie, Generationen, Nr. 16, Mi, 19.7.2017

Zum Weiterlesen: Bernhard Meyer „Ich? Alt? Alterspubertät und inklusives Altern“, Shaker Verlag, 116 S. € 14,95

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#KimJong-un lenkt im Konflikt ein. #Entspannung mit #Nordkorea?

Kim Jong-un

Kim Jong-un

 

 

 

 

 

 

#Nordkoreas Kim Jong-un lenkt im Konflikt ein und legt Angriffsplan auf US-Pazifikstützpunkt #Guam auf Eis.

#HamburgerAbendblatt, 16. August 2017

 

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Der Versuch das #Bewusstsein durch #Drogen zu erweitern. Wie #krank ist das denn?

Kokainlabor in Flammen

Ein Kokainlabor geht in Flammen auf

29 Teilnehmer eines Heilpraktikerseminars gerieten an einem Freitagnachmittag im September 2015 in größte Gefahr. Ärzte, Psychologen, Yogalehrer und Homöopathen torkelten orientierungslos umher, getrieben von quälenden Wahnvorstellungen. Oder wälzten sich auf dem Boden, rangen um Luft, wandten sich in Krämpfen, verletzten sich selbst. Zahlreiche Krankenwagen, Feuerwehrfahrzeuge und ein Rettungshubschrauber verwandelten die sonst so stille Gemeinde Handeloh in ein riesiges Feldlazarett. Notärzte und Sanitäter spritzten Beruhigungsmittel, verabreichten Sauerstoff, starteten Herzmassage, legten Verbände an.

Um ihr Bewusstsein zu erweitern, hatten Seminarteilnehmer mit viel Flüssigkeit die illegale Substanz 2C-E geschluckt. Das Halluzinogen, in der Drogenszene auch als Aquarust bekannt, kann wie Speed oder Kokain Wahnbilder auslösen und verändert die Wahrnehmung von Farben und Geräuschen. Nebenwirkungen sind oft Atemnot, Schmerzen, Krämpfe und Herzrhytmusstörungen. Ausgerechnet Naturheilkundler mit dem Anspruch, Kranke ohne die vermeintlich giftigen Arzneien der Pharmaindustrie zu heilen, wurden ihren eigenen Prinzipien untreu und konsumierten synthetisch hergestellte Drogen aus dem Chemielabor. Selbst Homöopathen, die ihren Patienten millionenfach verdünnte Mittel verordnen, schluckten eine weitgehend unverdünnte Substanz, von der sie hätten wissen müssen, dass sie verboten ist. Ebenfalls dabei war eine Yogalehrerin, die Kurse auf Mallorca anbietet. Eine Ärztin, die im Internet mit „tiefenpsychologischer fundierter Psychologie“ wirbt. Ein Heilpraktiker, der ganzheitliche Krebsberatung offeriert. Personen, von denen sich Kranke die alternative Linderung ihrer Schmerzen erhoffen.

Das Tagungszentrum „Tanzheimat Inzmühlen“, der Schauplatz des Dramas, liegt versteckt zwischen uralten Bäumen, Wiesen und einem Moorbach. Stefka Weiland und Gabriele Fischer, die beiden Geschäftsführerinnen, ahnten nichts Böses, als die Heilpraktikerin Anja W. die Räume für ein Wochenendseminar buchte. Zusammen mit ihrem Ehemann Stefan S., hatte sie schon öfter Kurse in Handeloh geleitet. Nie gab es Ärger, im Gegenteil. Das Paar begrüßte die Gastgeber und die Kursteilnehmer stets mit herzlichen Umarmungen, Küsschen rechts, Küsschen links, alle hatten sich lieb.

Auch am fraglichen Freitagnachmittag schien alles wie immer. Zunächst wurde es ganz still. Plötzlich hörte Stefka Weiland, eine der beiden Geschäftsführerinnen, verstörende Geräusche. Furchtbare Laute, so ein Grunzen, Stöhnen, Kreischen. Auf der Wiese lagen Leute und schrien. Der Seminarleiter Stefan S. kratzte sich mit bloßen Händen das Gesicht blutig, stolperte ständig, fiel mehrfach hin. – Der Heilpraktiker S. R. wälzte sich wie wild auf einem Steinhaufen. – Die Heilpraktikerin W. lag in einem Graben und zitterte am ganzen Leib, wusste nicht, wo sie war. – Einige Personen bäumten sich trotz Tropf und Kanüle auf und wollten weglaufen; sie mussten von mehreren Helfern mit Gewalt festgehalten werden. – Ein Mann versuchte sich selbst zu verstümmeln.

Die Forschungschemikalie Libelle, die ähnlich wirkt wie LSD, kann bei Überdosierung zu schweren Komplikationen bis hin zum Tod führen. Wie diese gefährliche Substanz in den 2C-E-Vorrat geriet blieb ein großes Rätsel. Der Seminarleiter Stefan S. habe das Zeug gutgläubig erworben und von der brisanten Zumischung keinen Schimmer gehabt. Die Ärzte rätselten zuerst über die Ursache der Ausfälle. Lebensmittelvergiftung? Massenhysterie? Erst als „Tanzheimat“ Geschäftsführerin Gabriele Fischer mehrere Verpackungen mit der Aufschrift 2C-E auf einer Fensterbank entdeckte und Polizisten übergab, war der Fall klar. Deutlich wurde auch, welche Art Seminar geplant war: „Das dritte Auge öffnen“. Die Therapiemethode, mit der dieses Ziel erreicht werden sollte, heißt Psycholyse. Ihr Ansatz, dass nur mithilfe bestimmter Drogen besonders tiefe Schichten des Unterbewusstseins erreicht werden, ist noch umstritten.

Der Schweizer Psychiater Samuel Widmer gilt als einer der Erfinder der Psycholyse. In der Schweiz behandelte Widmer jahrzehntelang seine Patienten mit Substanzen wie Ketamin, Ephedrin und Mescalin sowie anderen psychedelischen Drogen. Sein Motto: Wer heilt, hat recht. Seine Anhänger verehren ihn als Heilsbringer, für seine Gegner war er ein gefährlicher Scharlatan. Als Widmer im Januar 2017 überraschend starb, hinterließ er zwei Frauen, elf Kinder und eine von ihm gegründete Kommune, die „Kirschblütengemeinschaft“. In der Gruppe, bestehend aus 200 Erwachsenen und Kindern, wird mit offenen Beziehungen experimentiert, Sexualität, Esoterik und Spiritualität spielen eine große Rolle, laut Darstellung geht es den Kirschblüten vor allem um „Selbsterkenntnis“.

Auch die Eheleute Stefan S. und Anja W., die das Drogenseminar in Handeloh leiteten sind nach Überzeugung der Staatsanwalt glühende Anhänger des Schweizer Gurus Widmer. Seminarleiter Stefan S. soll sehr häufig in der Schweiz gewesen sein, Widmer sogar assistiert und den Arzt als „ganz großen dieser Weltenzeit“ gelobt haben.

Die beiden Seminarleiter müssen nun mit einer Strafe rechnen und außerdem mit dem Verbot, Patienten zu behandeln. Beiden wurde in der Anklageschrift zunächst nicht nur das „unerlaubte Überlassen von Betäubungsmitteln zum unmittelbaren Verbrauch“ vorgeworfen, also die Abgabe des 2C-E-Cocktails. Sondern weitaus schlimmer, auch der unerlaubte Besitz von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge – ein Tatbestand, der mit Freiheitsentzug bis zu 15 Jahren bestraft werden kann. In einem Raum der „Tanzheimat“ fand die Polizei nämlich Vorräte von LSD, jener Modedroge, der seit Langem bewusstseinserweiternde Eigenschaften zugesprochen werden. Ob das Halluzinogen, das Psychosen und Depressionen auslösen kann, in Handeloh ebenso verteilt werden sollte wie das 2C-E, lässt sich nicht mehr aufklären. Einiges spricht dafür.

Bruno Schrep, Das dritte Auge (Auszug), ein Massenrausch von Heilpraktikern und Homöopathen endete mit einem Großaufgebot von Rettungskräften. Nun kommt der Seminarleiter vor Gericht, #DERSPIEGEL, Deutschland, 26/2017

 

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#Protest beim #G20Gipfel in Hamburg

Protest beim G-20-Gipfel

Protestwelle beim G-20-Gipfel in Hamburg

Wer sind die Organisatoren hinter dem Protest? Was wollen sie? Nur dagegen sein? Oder haben sie Ideen für eine bessere Welt?

Fast eine Woche wird es Alternativgipfel, Diskussionsforen und Demonstrationen geben. Nicht nur vermummte Militante werden in der Stadt sein. Es hat sich ein breites Bündnis aus linken Gruppen gebildet: Umweltschützer, Feministen, Antifaschisten und Friedensbewegte wollen gemeinsam auf die Straße gehen. – Vielleicht gibt es nach dem Gipfel eine Generation Hamburg, die sich vernetzt und langfristig für eine bessere Welt kämpft. Es ist mitunter schwierig mit Linksradikalen ins Gespräch zu kommen. Die Angst in der Szene ist groß. Manchmal zu Recht. Der gerade angelaufene Dokumentarfilm „Im inneren Kreis“ zeigt, dass verdeckte Ermittlerinnen der Polizei  ausspionierten und dafür sogar Liebesaffären in der Szene begannen. Seitdem sind viele noch konspirativer geworden.

Seit Monaten wird die „Kommunikationsinfrastruktur“ des internationalen Medienzentrums FC/MC aufgebaut. Dafür wird ein Saal am Millerntor-Stadion des FC St. Pauli aufwendig umgerüstet. Von dort aus sollen Journalisten und Aktivisten über den G-20-Protest berichten. Sogar ein Livestream ist geplant, um Bilder von den Protesten in die ganze Welt zu übertragen. Es wird in Hamburg Ärger mit der Staatsmacht geben: Ob Hackerangriffe durch Geheimdienste oder direkte Repression durch die Polizei vor Ort, man muss mit allem rechnen. Den anderen Aktivisten wird eine sichere Kommunikation ermöglicht.

Viele, die jetzt die Proteste organisieren, waren schon 2007 in Heiligendamm dabei. Damals protestierten Tausende Menschen gegen den Gipfel in einem Luxushotel am Ostseestrand. Hunderte Demonstranten gelang es, in die Nähe des Absperrzauns zu kommen und die Zufahrtsstraße zu blockieren. Heiligendamm war für viele Aktivisten ein Neustart. Nach langen Jahren der Agonie konnte die Linke im Anschluss an die G-8-Proteste mehrfach Akzente setzen: 2011 besetzten Tausende die Bahngleise im Wendland, um Atomtransporte zu stoppen. Während der Finanzkrise gab es monatelang ein Protestkamp im Frankfurter Bankenviertel, in dem Linke über Alternativen zum Kapitalismus diskutierten. 2015 kam es bei der Eröffnung des neuen Gebäudes der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Ausschreitungen. Und im vorigen Jahr stürmten Umweltaktivisten unter dem Motto „Ende Gelände“ das Braunkohlerevier in der Lausitz, um auf Klimaschäden hinzuweisen.

Laura Kröger, 21, studiert Soziologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg. Sie ist Sprecherin von „Jugend gegen G20“. Dem Bündnis gehören auch die Nachwuchsorganisationen verschiedener Gewerkschaften und die „Falken“ an. Laura Kröger wohnt auf St. Pauli, wo alle ein Problem mit dem G-20-Gipfel haben. Es wird als Provokation angesehen, wenn die Polizei jetzt wieder die unterschiedlichen Zonen bestimmt, in denen die demokratischen Rechte eingeschränkt werden. Weil sie neugierig war, nahm Laura Kröger im Dezember 2016 auf der G-20-Aktionskonferenz an einem Workshop teil. Dort lernte sie andere junge Menschen kennen, die so denken wie sie. Laura Kröger will das Studiensystem verändern. Sie fordert mehr Geld für Bildung und Mitbestimmung. Für sie sind die Demos auch ein Happening. Sie hat jetzt „richtig Bock auf die Proteste“. Die Organisatoren planen Protestcamps, wo Menschen aus aller Welt zusammenkommen.

Emily Laquer von der Interventionistischen Linken glaubt, dass derzeit vor allem Rechtspopulisten den Status quo infrage stellen. Dadurch erscheine Angela Merkel als „last women standing as leader of a free world“. Aber das sei „natürlich Quatsch. 5000 Mittelmeertote und Abschiebungen nach Afghanistan haben nix mit Freiheit zu tun“. – Sie hält am „Klassenkampf“ fest. Die Interventionistische Linke will weiterhin eine „radikale Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse“ erreichen. Dafür hat sich Emily Laquer in Hamburg einiges vorgenommen. Am ersten Gipfeltag will sie mit der Gruppe „Block G 20″die Messehallen umzingeln. „Ungehorsam sein“, wie sie sagt: „Wir wollen den Gipfel einkesseln und festsetzen, sodass zum Beispiel kein Catering mehr durchkommt“. Gestürmt werden soll der Veranstaltungsort allerdings nicht.

Welches Signal von Hamburg ausgeht, wird am Ende davon abhängen, ob es friedlich bleibt. Jan von Aken ist einer von denen, die dafür Verantwortung tragen. Für den 8. Juli hat van Aken, der für die Linken im Bundestag sitzt und früher Greenpeace-Aktivist war, eine Großdemonstration angemeldet. Drei Wochen vor Gipfelbeginn hat der Linken-Ortsverband von Norderstedt zur Diskussion eingeladen. Etwa 50 Leute sind gekommen. Nach dem Vortrag dürfen die Besucher Fragen stellen. Ein Rentner meldet sich zu Wort: „Sie planen eine Demonstration mit 50.000 Leuten. Was  ist mit den 4.000 Leuten, die sich angekündigt haben, um Terror zu machen. Die mischen sich unter sie. Wie wollen sie da friedlich bleiben?“

Laura Backes et al. „Bock auf Proteste“ (Auszug), G20, Linke Aktivisten planen Demonstrationen und Blockaden, um den Gipfel in Hamburg zu stören. Wer sind sie, was wollen sie erreichen? #DERSPIEGEL, Deutschland, 26/2017

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#PeterSloterdijk in Tradition von Hegel, Nietzsche und Heidegger

Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk

Ich (Peter Sloterdijk) hatte ein Unbehagen an der Wiedervereinigung. Ich hatte das Gefühl, wir bekommen es mit einem unkontrollierten Import von Problemen zu tun, ökonomisch und psychosozial. Für diese Entwicklung zahlen wir noch immer, nicht nur mit dem Sozialzuschlag. Dass die ostdeutsche Bevölkerung zur Großfamilie gehörte, ließ sich mit plausiblen Gründen nicht bezweifeln. Die Osterweiterung der Nationalfamilie war aus der deutschen Geschichte heraus gerechtfertigt. Große Männer und Frauen machen die Geschichte nicht wirklich, sie nutzen lediglich Chancen und Gelegenheiten. Geschichte ist damit ein Prozess, der sich eher dem Menschen entzieht. Der Wille und die Tat sind das eine, das Ergebnis aus dem Lauf der Dinge etwas anderes. Dann definiert man Geschichte als die Sphäre, in der es immer anders kommt als gedacht. Geschichtsphilosophen haben gern an der Unterstellung festgehalten, dass sich am Ende der Fortschritt durchsetzt. Man muss den Begriff des Fortschritts in die Komponenten auflösen, aus denen er zusammengesetzt war. Seit 300 Jahren leben wir in einem Kontinuum (Stetigem) der Forschung und Wissenschaft, das kumulativ (anhäufend)  wirkt. Aus diesem Lernzusammenhang können und wollen wir nicht austreten. In der wissenschaftlichen Modernität (Neuheit) und ihrer Ergänzung durch die Technik spielt sich ein riesiges Experiment ab, das der Entlastung des Lebens gilt. Der technische Fortschritt setzt sich immer dann durch, wenn die Menschen mehr Machtmittel in die Hände bekommen, die ihren Aktionsradius erweitern und ihr Dasein erleichtern. Fortschritt in einem nicht naiven Sinn bedeutet Ermächtigung und Entlastung.

Es war eine trügerische Hoffnung der Politik, Europa aus dem Katastrophenschatten der Geschichte herausgeführt zu haben. Wir leben wohl wieder in einem Zeitalter der Angst. Die aktuelle Angst kennzeichnet die heiße Phase der Globalisierung. In einer Synchronwelt  (synchron=gleichlaufend) zu leben ist ein enormer Angriff auf die mentalen (gedanklichen) Strukturen der Menschen. Die Rückentwicklung, die wir heut erleben, sind Wirbel, die innerhalb der Globalisierung fast unvermeidlich auftreten. Die Menschen sind nicht darauf vorbereitet, mit Milliarden Zeitgenossen in voller Kenntnis ihrer Gegenwart zu koexistieren. Globalisierung bringt den Triumph der Indiskretion mit sich. Jetzt schaut jeder jedem ins Wohnzimmer. Globalisierung heißt die Weltform, in der die Chinesen uns näher sind als die Belgier. Oder um anthropologisch (Anthropologie=Wissenschaft vom Menschen) zu reden: Wie wollen wir aus einem Hordenwesen, das von Natur aus ein Kleingruppengeschöpf war, einen Weltbürger machen? Es war schon schwer genug einen Nationalmenschen aus ihm zu formen – und die Umformatierung der Nationalmenschen zu Europäern wird uns noch den Rest des 21.  Jahrhunderts beschäftigen. Die Globalisierung als chronische Mobilisierung, als Einladung zum Dasein in ständiger Bewegung, erfasst ja nur einen kleinen Teil der Menschheit, obwohl man den Tourismus als eine Schule des Weltbürgertums im weitesten Sinne auffassen darf. Darin sind die Deutschen weit fortgeschritten. Für viele Menschen bedeutet das Reisen die Einlösung eines Guthabens an Globalisierungskapital. Für die vielen, deren Radius nur wenige Meilen um ihren Wohnort reicht, wie bei zahlreichen Trump-Wählern, ist die kosmopolitische (weltbürgerliche) Tendenz furchterregend. Sie nehmen an der res publica, am öffentlichen Raum und am Weltverkehr fast gar nicht teil. Deshalb hilft es nicht weiter, Wähler populistischer Parteien oder beharrliche Nichtwähler als Idioten – das Gegenteil von Kosmopoliten – zu bezeichnen.

Die Metapher (Wort mit übertragener Bedeutung) der Familie ist außerordentlich dehnbar. Dass sie am Ende die ganze Menschheit einschließen soll, dass alle Brüder und Schwestern sind, das leuchtet dann doch nicht jedem unmittelbar ein. Diejenigen, welche die Grenzen der Familie enger ziehen wollen, fallen heute als Populisten und Neonationalisten auf.

Wir besitzen heute keine hinreichend starke Vision der Welt mehr, um das Ganze unter einem Dach zu erfassen. Philosophie entstand ursprünglich als therapeutische Kosmologie – das heißt, den Menschen in der erweiterten Welt heimisch zu machen. Der Philosoph ist heute zum öffentlichen Intellektuellen mutiert. Er kann nicht mehr als Designer des Ganzen auftreten. Wenn’s gut geht, fungiert er als Berater oder Beiträger.

Philosophie, Religion und Politik haben die Gemeinsamkeit, sich um die Welt als Ganzes zu sorgen, und das Bedürfnis nach Sicherung der Zukunft zu stillen. Das wichtigste Prädikat (Aussage) des Glaubens wie auch der Philosophie wurde in der Geschichte mit dem Begriff der „securitas“ umschrieben. Auch Luther hat in seinen 95 Thesen das Paradies oder den vollkommenen Glauben mit dem Wort securitas wiedergegeben. Darin steckt eine sehr tiefe anthropologische Verankerung nach Gewissheit. Die Moderne produziert dagegen Desorientierung. Mit Gewissheit lässt sich nicht mehr paktieren (gemeinsame Sache machen). Die amerikanische Hoffnung, die Welt sicher für die Demokratie zu machen, ist verflogen. Überhaupt müssen wir uns heute vor einer Überstrapazierung des Universalismus (Lehre von dem Vorrang des Ganzen vor dem Besonderen) der Aufklärung hüten. Die Rechtspflege und die sozialen Solidarsysteme lassen sich bisher nur im nationalen Rahmen erhalten und ausbauen. Nichtmitgliedern unbeschränkten Zutritt zu beschaffen, mutet da wie eine Geste zur Selbstzerstörung an. Wie viel Fremdheit verträgt eine Kultur, die an einer gewissen Selbstähnlichkeit festzuhalten interessiert ist? Es gibt immer noch eine Fraktion von Linken oder Linksanarchisten beziehungsweise von politischen Masochisten, die jeden Hinweis auf so etwas wie Nation oder nationales Interesse, Identität und Tradition für ein Verbrechen an der Menschheit halten.

Ich (Peter Sloterdijk) stehe für den historischen Konservatismus. Dieser beruht auf der Einsicht, dass zivilisatorische Errungenschaften verloren werden können. Es gibt keine Garantie, dass die gleiche Welt in der nächsten Generation weiterbesteht. Das gilt auch für Frieden, Wohlstand und den Schutz des Sozialstaats. Man könnte vielleicht damit leben, dass es in der nächsten Generation keine großen Erzähler oder Künstler mehr gibt oder keine großen Komponisten. Dramatisch wird es, wenn der Rechtsstaat, der Sozialstaat und die Wohnkultur gefährdet werden. Das letzte nenne ich nicht willkürlich: Von der Behausung hängt das Grundgefühl des In-derWelt-Seins von Menschen ganz wesentlich ab. Wenn das Bewusstsein der Verlierbarkeit von Zivilisationen den Menschen durchdrungen hat, erledigt ein Teil des frivolen Universalismus von selbst.

Wie reversibel (umkehrbar) demokratische Errungenschaften sind kann man heute in aller Welt studieren. Hierzu liefert der Populismus ein tägliches soziologisches Seminar. Der Begriff Demokratie enthält ein sehr hohes pseudodynamisches Potenzial, er ist eine Fehl- oder Deckbezeichnung für Strukturen der Machtausübung, die man sofort verwerflich fände, wenn man sie bei ihrem wahren Namen riefe: Oligokratie, Fiskokratie, Mobokratie, Phobokratie. Vor allem das Prinzip der Oligokratie ist das große Betriebsgeheimnis politischer Strukturen, die sich als demokratisch ausgeben. Hoi Oligoi heißen im Griechischen die wenigen. Die Welt ist nach wie vor oligokratisch organisiert, sie gehört den wenigen, nicht den vielen. Im Übrigen kann man in diesem Kontext das Wunder der Bewegung von Emmanuel Macron ermessen: dass sie über Nacht die gesamte alte französische Oligokratenklasse, soweit sie Politiker waren, in den Urlaub geschickt hat. Das hätte ich (Peter Sloterdijk) den Franzosen am allerwenigsten zugetraut.

Nietzschestein bei Sils Maria

Nietzschestein bei Sils Maria: „Eine Form der Unverrückbarkeit“ – In Anspielung auf Helmut Kohls imposante Aura –

Romain Leick, Die hohe Kunst der Asozialität (Auszug), SPIEGEL-Gespräch, #PeterSloterdijk über die linken Elemente, die sich bei ihm von selbst verstehen, über den frivolen Universalismus und das konservative Denken, #DERSPIEGEL, Kultur 26/2017 Seite 118-122

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