#Hoffnungsträger

Der junge Herr Außenminister kommt etwas zu spät, aber er entschuldigt sich wortreich dafür, nachdem er händeschüttelnd durch den Raum gegangen ist. Sebastan Kurz (30), der sich zum OSZE-Treffen in Hamburg aufhält, hat mit Honorarkonsul Hans Fabian Kruse eine Runde von Auslands-Österreichern zu einem Abendempfang eingeladen. Wohl nicht von ungefähr im Westin, denn nicht nur die Hotelchefin ist Östereicherin, auch der „Hausherr“, Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter aus Wien, schaut vorbei.

Mit einem gut geschnittenen Anzug und seinen gewienerten Schuhen, die Haare ordentlich gegelt, macht Kruse, der seit Jahren mit seiner Freundin im Wiener Bezirk Meidling lebt, „bella figura“ – auch auf dem politischen Parkett. Er trug maßgeblich dazu bei, die Balkanroute für Flüchtlinge zu schließen, und wurde so weit über die Grenzen der Alpenrepublik hinaus bekannt. Im kommenden Jahr übernimmt Kurz, der sein Jurastudium nie beendete, von Frank-Walter Steinmeier den OSZE-Vorsitz.

Als der damalige ÖVP-Integrationsstaatssekretär 2014 mit 27 Jahren zum Außenminister ernannt wurde, habe er den kalten Krieg nur aus Geschichtsbüchern gekannt, sagt Kurz. Wenig später sei der Ukraine-Konflikt ausgebrochen. Das EU-Magazin „Politico“ hat den Österreicher unter die „28 Menschen, die Europa formen, erschüttern und aufrühren„, gerade auf Platz 12 gewählt.

Zu Kurz gekommen, (ungekürzt, ohne Kommentar), Hamburger Abendblatt, MENSCHLICH GESEHEN, 09/12/ 2016.

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Hoert nicht auf, zu #spielen: Im #Spiel liegt Zauber

Freizeit und Erholung

Freizeit und Erholung

Der Neurobiologe Gerald Hüther sagt, dass er eigentlich jeden Tag spielt. Wenn ihn keiner sieht, versucht er mal rückwärts zu gehen oder sich im Kreis herum vorwärts zu bewegen. Wenn er an seinem Schreibtisch sitzt, liebt er es sehr, den Stift wegzulegen und einfach mal mit seinen Gedanken zu spielen.

Um kreativ sein zu können brauchen wir das Spiel. Denken wir an Kinder, die sich im freien, unbekümmerten Spiel, zum Beispiel mit dem Küchengeschirr, fast verlieren. Kinder, die Fantasien mit Dingen entwickeln, die eigentlich für ganz andere Zwecke bestimmt sind. Diese Kreativität zeichnet uns als Menschen aus und hat uns wahrscheinlich erst zu dem gemacht, was wir heute sind. Und wir sollten deshalb sehr darauf achten, dass uns diese spielerische Kreativität nicht abhandenkommt.

Die Ökonomisierung beherrscht unser eigenes Denken, das Familienleben, Krankenhäuser und Altenheime, die öffentliche Verwaltung und sogar die Kirche. Unser Menschsein wird aber nicht durch das Erzielen möglichst großer Gewinne bestimmt, sondern durch die immer klügere Erschließung der Möglichkeitsräume, die sich uns bieten. Mit anderen Worten: Es geht darum, dass wir unsere Talente, Begabungen, Potenziale so gut es irgendwie geht zur Entfaltung bringen. Das können wir nicht, wenn wir unseren Entwicklungsprozess ausrichten nach den Erfordernissen eines Wirtschaftssystems.

Lernende Kinder

Lernende Kinder

Kreativität entsteht erst durch das Spiel. Wenn Kinder Augenblicke erleben, in denen niemand etwas von ihnen will und sie kein anderes Bedürfnis bedrängt, fangen sie an, zu spielen. Das hört allerdings auf, wenn Pädagogen oder Eltern anfangen Kindern zu sagen, was sie zu lernen oder zu spielen haben. Wissenschaftlich würde man es als eine Situation beschreiben, in der das Kind zu einem Objekt gemacht wird. Zum Objekt der Ziele, Vorstellungen und Bewertungen anderer. In dem Moment bekommt es Druck von außen, und sein Gehirn reagiert sofort mit dem Unterbrechen des Bedürfnisses zum freien Spiel. Denn Spiel unter Druck oder Angst ist unmöglich.

„Frühförderung“ nimmt den Kindern die Lust am Entdecken.Wenn Eltern alles dafür tun, damit ihr Kind im Kampf um die besten Positionen nicht abgeschlagen wird, ist das nur verständlich. Aber diese Eltern müssen sich fragen: Wo bleibt bei all den Fördermaßnahmen der Raum, in dem das Kind aus sich heraus auf eigene Ideen kommen kann? Wenn alles vorgegeben ist und kein Raum zum eigenen Entdecken bleibt, wird das Kind sehr leicht die innere Überzeugung herausbilden: Es kommt immer darauf an, die Dinge so abzuarbeiten, wie es vorgegeben ist.

Kreativität entsteht, weil wir Dinge kombinieren, die wir normalerweise nicht miteinander in Verbindung setzen würden. Denn Kreativität ist nicht, dass uns etwas völlig Neues einfällt. Eher, dass es uns gelingt, Dinge miteinander auf eine andere als die bisherige Weise zu verknüpfen. In dem Augenblick, in dem ein Mensch spielt, hört die fokussierte Aufmerksamkeit auf, es öffnet sich die Wahrnehmung und man kommt in einen Zustand – halten wir uns fest -, den man Achtsamkeit nennt. Achtsamkeit, die Menschen hilft, sich selbst zu finden und aus schwierigen Situationen herauszukommen. So will es die neueste Theorie.

Kreativität am Schreibtisch ist jedenfalls schwierig. Wenn wir uns die Lebensläufe der Menschen ansehen, die großartige Entdeckungen ( wie Dampfmaschine, Eisenbahn, Computer, Doppelhelix, Relativitätstheorie ) gemacht haben, stellen wir fest: Sie haben ihre Entdeckungen unter der Dusche gemacht, beim Spazierengehen, im Bett. Dort, wo man aus der Zweckorientierung herauskommt.

Wir müssen jetzt alles auf den Kopf stellen: Arbeitswelt, Alltag, das ganze System. Die Wiederentdeckung des zweckfreien, unbekümmerten gemeinsamen Spielens ist eine subversive Untergrabung der Grundlagen unseres ökonomischen Systems. Es ist aber nicht derAufruf zu einer Revolution, sondern der Aufruf, sich selbst wiederzufinden.

Laura Rethy, Seid wie Kinder! (Auszug ), Arbeit und Schule lassen den Menschen zu wenig Freiräume, um kreativ zu sein, warnt der Neurobiologe Gerald Hüther. Er ruft dazu auf, die Unbekümmertheit wiederzuentdecken. Hamburger Abendblatt, WISSEN, Donnerstag, 17. November 2016.

Kinder spielen nur dann unbekümmert,

wenn sie völlig frei von Angst sind.

Gerald Hüther , Christoph Quarch, Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als Funktionieren ist, Hanser Verlag, September 2016, 224 Seiten, 20 €.

 

 

 

 

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Die #Magie der #Mondäpfel in #Ottensen

Ein Blick vom Mond auf die Erde

Ein Blick vom Mond auf die Erde

Wundersame Erkenntnisse auf dem Wochenmarkt in Ottensen (Hamburg) . Die Versuchung ist mittelgroß. Bei Vollmond gepflügte Elstar-Äpfel, so verheißt die Werbung des Bauern aus der Region, schmecken besonders deliziös und geben Kraft – die Krone der Schöpfung quasi. Das mit besonders viel Liebe in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober gepflückte Bioware doppelt so teuer ist, fällt dabei kaum noch ins Gewicht.

„Natürlich ist das Geschmackssache“, sagt die plietsche Verkäuferin. So und so. Wer will, kann ein kleines Stück vom Mondapfel probieren. Eine Kundin lobpreist das Produkt: „Ein Traum.“ Einen Passanten, der von teurem „Hokuspokus“ und „Etikettenschwindel“ spricht, lässt sie links liegen. Der Mann mit Baskenmütze legt nach. Er würde das kostspielige Obst nur kaufen, wenn es auch von sieben Jungfrauen gepflückt worden wäre. Empörung am Stand.

Jetzt mischen sich weitere Umstehende ein. Eine erzählt von Mineralwasser aus Mondscheinabfüllung, etwas teurer, aber wunderbar bekömmlich, eine andere von ihren Friseurbesuchen. Ihr Haar lasse sie nur schneiden, wenn der Mond in Erd- oder Feuerzeichen stehe. Weil dann der Wuchs kraftvoller verlaufe. Und ein Freund schlage sein Brennholz nur bei Neumond. Dann ruhe der Saftstrom des Baumes. Das Holz trockne schneller und schimmle nicht.

„Das ist noch gar nichts“, sagt ein junger Mann. Er berichtet von Schlachtern, die Wurst unter Klängen von klassischer Musik herstellen. Manche Kunden seien bereit, dafür tiefer in die Tasche zu greifen. Das sei noch eine Marktlücke am Spritzenplatz in Ottensen.

Jens Meyer-Odewald, ZWISCHENRUF, Die Magie der Mondäpfel ( Ungekürzt ), Eine Glosse, HAMBURG, Bezirke, Hamburger Abendblatt, Montag, 7. November 2016.

 

 

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#Rezension: Verena #Boos, #Blutorangen

Ausschnitt: Picassos Guernica

Ausschnitt: Picassos Guernica

Maite ist eine 20-jährige Spanierin. Sie kommt aus einem wohlhabenen, konservativen Elternhaus. Die Familie lebt im spanischen Valencia. Von hier aus werden Orangen in alle Welt verkauft. Weil sie das entsprechende Alter erreicht hat, geht Maite 1990 zum Studieren von Valencia nach München. Zu dieser Zeit wird in Deutschland die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten gefeiert. Auch Maite, dem Elternhaus gerade entronnen, fühlt sich frei und unabhängig. Sie ruft sich zur „Souveränen Republik“ aus. In München lernt Maite Carlos kennen und lieben. Er ist der Sohn einer Deutschen und eines Spaniers. Zur Familie gehört auch Antonio, der Großvater von Carlos, mit dem sich Maite gut versteht und anfreundet.

Blutorangen

Blutorangen

Der spanische Großvater Antonio musste 1933 nach Frankreich fliehen. Das war zur Zeit von General Francos Machtergreifung. Antonio gerät 1940 in ein Auffanglager für spanische Republikaner. Von hier aus geht es mit ihm in  einem Deportationszug Richtung Mauthausen. Böses ahnend, gelingt ihm in München die Flucht aus dem Güterwagon. Erst viel später kann er sich eine Existenz als Orangenhändler auf dem Münchener Großmarkt errichten. Doch durch sein Leben als Flüchtling ist er für alle Zukunft gezeichnet. Wem soll er von den drei Tagen auf den Gleisen erzählen? Wie von Hunger, Durst, Kälte und Dreck berichten? Das Grauen hat ihn von innen ausgehöhlt. Jede Erinnerung an den Todeszug bereitet ihm Angst, Todesangst. Vergeblich versucht er die Schrecken zu verdrängen; es funktioniert nicht.

Die tiefste Tiefe von Elend, das Äußerste an Qual trifft

immer den Einzelnen, nicht eine Anzahl von

Menschen. Das unheimliche Schmerzensübermaß

des Todeskampfes muß der Mensch einzeln ertragen,

nie wird es der Masse der Menschen zuteil.

Edgar Allan Poe

1809 – 1849

Als Maite ihre Heimatstadt Valencia verlässt weiß sie noch wenig über die Geschichte ihres Landes und ihrer Familie. Man erzählt, ihr konservativer Vater Francisco sei früher ein einfacher Dorfpolizist gewesen. Maite ahnt noch nichts von den Verbrechen der Guardia Civil während der Diktatur von General Franco. Das aber wird schlagartig anders. Während einer Familienfeier bei den deutschen Verwandten ihres Freundes Carlos stößt sie auf das Schwarzweiß-Foto eines Wehrmachtssoldaten. Letztendlich erkennt sie dieses Foto wieder: Über der rechten Brusttasche der Uniformjacke ein Adler mit Hakenkreuz. Links auf der Tasche ein schwarzes Kreuz mit weißem Rand, –  solches hat sie im Schreibtisch ihres Vaters gesehen.

Der 17-jährige Francisco, ihr Vater, zog für Deutschland in den Krieg. Hitler hatte zuvor Franco im Spanischen Bürgerkrieg mit der Legion Condor unterstützt. Diese zerstörte mit ihren Bombern die baskische Stadt Guernica zu 71 Prozent aus der Luft. Als Gegenleistung stellte Spanien 1941 eine Division zusammen, um Deutschland im Russlandfeldzug beizustehen. Die sogenannte „Blaue Division“, eine spanische Einheit aus Freiwilligen, war an der Belagerung Leningrads beteiligt. Francisco, ihr Vater, war dabei. Der eisige russische Winter machte aus ihm nach Absterben seiner Zehen einen Anderen, einen Versehrten. Wieder zuhause konnte ihm die Familie nichts mehr geben; er hatte sich von ihnen innerlich gelöst. Das was ihm blieb waren seine Überzeugungen von einst: „Die Bolschewisten sind an allem Schuld“. Nach dem Krieg und im Dienst von General Franco hat er sich bei der Verfolgung und Ermordung Andersdenkender beteiligt. – Eine Beziehung, gar eine glückliche, konnte der fehlgeleitete und verbohrte Vater zu seiner rebellierenden Tochter Maite niemals aufbauen.

Deutsche Truppen heimwärts

Deutsche Truppen heimwärts

Zwei vom Schicksal nicht gerade verwöhnte alte Männer schweigen in sich hinein. Jeder auf seine Art. Dem einen gestehen wir eine „Opferrolle“, dem anderen weisen wir eine „Täterrolle“ zu.  Die Familiengeschichten der beiden reichen von 1939 bis 2004 über drei Generationen. Die Familienmitglieder sind durch den Orangenhandel miteinander verbunden. Daher auch der Titel des Buches. Einerseits Maite durch die valenzianische Orangen-Dynastie, andererseits Antonio als Orangenverkäufer auf dem Münchener Großmarkt. Am Anfang und am Ende dieses nicht nur wegen seines Inhalts bemerkenswerten Romans steht man vor einem Massengrab in der Umgebung von Valencia. In diesem frisch ausgehobenen Massengrab werden die Überreste von sieben Republikanern geborgen; unter den Opfern ist auch Antonios Vater. Sie wurden 1939 während der Franco-Ära von Polizisten der Guardia Civil erschossen.

Goya: Desastres de la Guerra a

Goya: Desastres de la Guerra

Verena Boos, Blutorangen, Roman, Aufbau Verlag, Berlin, 1. Auflage 2015, 411 Seiten, € 19,95

 

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Können wir durch #Kauflust unsere Probleme lösen?

kau005Etwa fünf Prozent der erwachsenen Menschen sind stark kaufsuchtgefährdet. Episoden exzessiven Warenkonsums sind charakteristisch für diese Erkrankung, mit der vorwiegend junge Menschen – und darunter mehr Frauen als Männer – zu kämpfen haben. Die Kaufattacken können sich prinzipiell auf alles richten, was zur Zeit zu  haben ist. Bei Männern sind das oft Sportutensilien oder Elektrogeräte, bei Frauen Kleidung, Kosmetik, Accessoires. Allerdings kaufen die Betroffenen nicht ein, weil sie einen Gegenstand gern verwenden möchten oder weil sie ihn tatsächlich benötigen. Der nachhaltige Gebrauch spielt für die Betroffenen keine Rolle. Vieles wird nur selten oder gar nicht genutzt. Vorrangig geht es um den Kauf- oder Bestellakt als solchen, und mitunter auch um den Besitz der Sache. Manche der Betroffenen haben eine stark materielle Werteordnung.

Dahinter steckt das Bedürfnis nach positiven Gefühlen: Der Kauf als Trost oder Belohnung, als Ablenkung von Sorgen und Traurigkeit, als wohlverdiente Entschädigung für erlittenen Ärger oder Stress. Doch wenn aus kleinen Belohnungen größere werden, wenn man sie nicht nur gelegentlich, sondern ständig braucht, wenn die Gedanken nur noch um die Suche nach diesen Seelentröstern kreisen, dann ist offenbar etwas aus dem Ruder gelaufen. Insgesamt beobachtet man inzwischen eine leichte Zunahme von Kaufsucht-Erkrankungen – ob diese auch mit den Möglichkeiten des Onlineshoppings zusammenhängen, lässt sich bisher nicht belegen. Nach dem kurzzeitigen Hochgefühl, das der Kauf verschafft, kommen mit den bestellten Paketen auch das schlechte Gewissen und die Scham ins Haus. Manche geben daraufhin die Sachen weg oder verkaufen einen Teil auf Flohmärkten. Doch zwei Drittel aller Patienten horten ihre Einkäufe. Manchmal nimmt das so extreme Ausmaße an, dass Zimmer nicht mehr betreten werden können.

Die Ursachen der Sucht sind vielfältig: Oft stellen die Betroffenen eine starke Diskrepanz fest zwischen dem Menschen, der sie selbst sein möchten und dem Menschen, als den sie sich erleben. Sie kämpfen mit einer ständigen Unzufriedenheit und Selbstwertproblemen, sind gleichzeitig sehr impulsiv und haben Schwierigkeiten, das zu beherrschen. Die Mehrheit der Patienten leidet zusätzlich unter Angststörungen oder Depression. Bei einigen kommen Essstörungen oder Übergewicht als Begleitproblematik hinzu, manchmal nimmt auch das Horten der gekauften Gegenstände zwanghafte Züge an. Und schließlich bringt die Sucht viele weitere Probleme mit sich, soziale und finanzielle: In manchen Fällen kommt es zur Beschaffungsdeliquenz.

Wer einmal erkannt hat, dass er sein Verhalten selbst nicht in den Griff bekommt, dem kann in der Regel mit psychotherapeutischen Mitteln geholfen werden. Die Wirksamkeit von verhaltenstherapeutischen Konzepten bei Kaufsucht ist sehr gut belegt. Als erste Anlaufstelle kann eine Suchtberatungsstelle oder eine gut aufgestellte Schuldnerberatung dienen. Auch Selbsthilfegruppen eignen sich, um die Wartezeit bis zu einer Psychotherapie zu überbrücken. Im Rahmen dieser Therapie werden dann beispielsweise Kaufprotokolle geführt; zudem macht man sich die inneren und äußeren Auslöser bewusst: Wofür steht mein Kaufbedürfnis? Was kann ich stattdessen tun? Auf diese Weise können Patienten mögliche Handlungsalternativen entdecken und verinnerlichen, um so zu einem normalen Umgang mit den Einkäufen zurückzufinden.

Wo gibt es Hilfe? Betroffene können sich zum Beispiel an die Diakonie Hamburg wenden. Online (/diakonie-hamburg.de/, Menüpunkt „Rat & Hilfe“, Stichwort „Alkohol & Sucht“) hier findet man ambulante Beratungsstellen. Telefonische Auskunft: 040/30620300

Gianna Schlosser, ( Interview mit Professorin Astrid Müller, Mitglied des Deutschen Kollegiums für psychosomatische Medizin/DKPM ), (Auszug), Gekauftes Glück, hinter einer Kaufsucht verbirgt sich häufig das Bedürfnis nach Trost oder Hochgefühlen. Eine Verhaltenstherapie kann helfen, Hamburger Abendblatt, Wissen, Montag, 24. Oktober 2016.

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#Gesund werden durch #Fasten und ohne #Arzeneien?

Wenn Kranke die passende Kost zu sich nehmn, dann stärken sie gezielt ihre Selbstheilungskräfte. Und mehr noch: Menschen verfügen womöglich über ein angeborenes Gespür dafür, welche Diät ihnen am besten im Krankheitsfall hilft. Schnupfen wird meist durch Viren ( bestehend aus einem Nukleinsäurefaden und einer Kapsel von Proteinen mit unterschiedlichen Formen ) ausgelöst. Hohes Fieber dagegen hat seinen Ursprung in einer Ansteckung mit Bakterien ( einfach strukturierte Mikroorganismen ohne echten Zellkern, –  manche sind nützlich bei der Verdauung ). Wir Menschen wählen bei Erkrankung vermutlich oft intuitiv eine passende Ernährungsweise: Bei einer akuten viralen Ansteckung neigen wir zu einer Vorliebe für Tee und Honig und Hühnersuppe, während bei einer bakteriellen Ansteckung die Appetitlosigkeit bei uns stärker ausgeprägt ist.

Es gibt eine Reihe von Beispielen wie wir bestimmte Nahrungsmittel zur Selbstmedikation nutzen: Nach der Empfängnis entwickeln Frauen oftmals einen Appetit auf Schnitzel und Wurst. Das Fleisch liefert Eisen für das heranwachsende Kind. Und bei Studien auf der zu Tansania gehörenden Insel Pemba fanden Forscher heraus, dass die dort heimischen Frauen während der Schwangerschaft einen Heißhunger auf Lehm verspüren. Vermutlich essen sie die Erde, um Giftstoffe aus ihrem Körper auszuschwemmen; so schützen sie das ungeborene Kind.

Ein Verweigern von Nahrung erscheint zunächst widersinnig, weil nicht essen wollen die Abwehrkräfte eines Patienten zusätzlich schwächt. Die durch den Mangel an Nahrung herbeigeführte Verminderung der Aminosäuren löst jedoch einen Mechanismus aus: Zellen verdauen eingedrungene Krankheitserreger. Sie fressen fremde und generell nicht mehr benötigte Proteine einfach auf. Dieser Müllschredder im Gewebe wurde ausführlich vom japanischen Biologen Yoshinori Ohsumi beschrieben, der dafür am Montag mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt worden ist.**

Alfred Nobel 1833-1896, Porträt des Stifters auf der Vorderseite der Preis-Medaille.

Alfred Nobel 1833-1896,
Porträt des Stifters auf
der Vorderseite der Preis-Medaille.

Anderen Wissenschaftlern ist unterdessen aufgefallen, dass es der Traubenzucker in der Nahrung ist, der je nach Art der Infektion völlig unterschiedlich in den Zellen wirken kann: So stellen Zellen mit einer bakteriellen Infektion giftige Sauerstoffradikale her, wenn sie viel Zucker bekommen, und können diese nicht gut unschädlich machen. Diese Radikale bekämpfen nicht nur die Bakterien, sondern zerstören auch das eigene Gewebe. Da kann es klüger sein, keinen Zucker zu sich zu nehmen.

Ganz anders bei Zellen, die mit Viren infiziert sind. Häufig begehen sie einen programmierten Zellenselbstmord, damit sich die Viren nicht weiter vermehren. Bei guter Zuckerversorgung ist diese drastische Maßnahme häufig gar nicht nötig, weil diese Zellen dann genug Power haben, die Viren mit anderen Mitteln abzuwehren.

Diese Studie ist dazu angetan, den Rat des Hippokrates (“ Lass die Arzneien weg, wenn du die Patienten mit Nahrung heilen kannst“ ) manchmal abzuwandeln:“ Lass das Essen weg, wenn du die Patienten auch ohne Essen heilen kannst“ .

Jörg Blech, Gebt dem Virus Zucker ( Auszug ), Ernährung, Kranke wissen intuitiv, welche Kost ihnen guttut. Die richtige Diät stärkt die Autophagie (Selbstverdauung ), deren Erforscher den Medizin-Nobelpreis gewann, DER SPIEGEL, Wissenschaft, 41/2016.

**Yoshinori Ohsumi fand heraus, dass Zellen des menschlichen Körpers bei ihrem Zerfall genetische Veränderungen hervorrufen. Als Folge einer solchen Alterung werden Krankheiten wie Alzheimer, Diabetes, Krebs und Parkinson begünstigt. Dieser Prozess der Eigen- oder Selbstverdauung wird als Autophagie bezeichnet. Sie löst den im SPIEGEL beschriebenen Mechanismus im menschlichen Körper aus.

 

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Werden wir das noch #überleben?

Das Erdsystem hat sich durch die Menschheit nachhaltig verändert. Was wir seit circa 1950 vorfinden, das ist anders als in der gesamten Welt des Holozäns ( letztes Erdzeitalter ). Geologen arbeiten normalerweise mit altem Gestein, doch das Anthropozän (neues Zeitalter, das menschlich Neue, das menschgemachte Neue ) ist sehr jung.  Es gibt jedoch schon Gestein dieser Ära. Ja, manche Sedimente verhärten ganz schnell. In „Beachrocks“ in den Tropen stecken bereits Coladosen und Autoreifen. Andrerseits gibt es auch sehr alte Sedimente, die immer noch locker sind. Entscheidend für uns ist: Unterscheiden sich junge Sedimente so sehr von den vorherigen, dass ein neues Zeitalter ausgerufen werden muss? Wir glauben: Ja, das ist der Fall. Der Mensch greift sogar stark in das Sedimentations-Geschehen ein. Früher lernte jeder angehende Geologe, dass ein Fluss in seinem Mündungsgebiet immer ein Delta aufbaut. Das tun viele Flüsse jetzt nicht mehr, weil so viele Stauseen und Staudämme das Sediment aufhalten. Dort wird es dann rausgebaggert – aber im Delta fehlt es, was ganze Regionen destabilisiert.

Wenn ein Geologe in 50.000 Jahren hier in Berlin nach unseren Spuren suchte, würde er folgende Funde machen: Zunächst sieht er natürlich die Teufelsberg-Gesteine, also den Kriegsschutt, den wir seit 1950 aufgehäuft haben. In den Sedimenten der Havel und des Wannsees findet er aber auch jede Menge Plastikpartikel. Er entdeckt eine feine Schicht industrieller Flugasche und kann herausfinden, ob sie von der Kohle- oder Erdölverbrennung stammt. Er weist radioaktiven Fallout aus den Atombombenversuchen der Fünfziger- und Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts nach, aber auch von den Reaktorkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima.

Wenn dieser Geologe der Zukunft weltweite Vergleiche anstellt, wird er feststellen, dass sich das Leben homogenisiert hat. Viele Lebensformen treten jetzt global auf, die früher nur regional vorkamen. Unsere Nutzpflanzen zum Beispiel oder unsere Nutztiere. 90 Prozent der Säugetier-Biomasse auf der Erde bestehen inzwischen aus dem Menschen und seinen Nutztieren. Der Zukunfts-Geologe wird auf elementares Aluminium stoßen, das es in vorindustrieller Zeit überhaupt nicht gab, vor allem aber auf sehr viel Beton. Die Römer haben ihn einst erfunden, aber erst im Zweiten Weltkrieg wurde er zum meistbenutzten Baustoff. Die Hälfte des jemals produzierten Betons ist allein in den vergangenen 20 Jahren verbaut worden.

Der Mensch ist wie jedes Lebewesen ein biologischer Faktor. Wir nehmen was auf, wir scheiden was aus, wir verändern unsere Umwelt. Jetzt sind wir aber von einem biologischen Faktor zu einem geologischen Faktor geworden, der global wirkt. Das ist der Unterschied. Wir haben Umwelt-Veränderungen hervorgerufen, die schneller ablaufen als alles, was wir als Geologen kennen. Der Meeresspiegel steigt, die Temperaturen steigen, Arten sterben in hohem Tempo aus.

Erst ab Mitte des vorigen Jahrhunderts finden wir in den Sedimenten die Schlüssel-Materialien der neuen Zeit, Plastik zum Beispiel. Vorher kaum verbreitet kam es im Zweiten Weltkrieg in Gestalt von Feldgeschirr daher, später als Nylonstrumpf und Hula-Hoop-Reifen. Heute produzieren wir  pro Jahr eine Kunststoffmenge, die der Biomasse aller lebenden Menschen entspricht. Ein Großteil davon landet irgendwann in den Sedimenten, ob im Hochgebirge oder in der Tiefsee.

Um die Welt in unserem Sinne zu steuern, müssen wir vieles neu denken. Für einige Probleme könnte es technische Lösungen geben. So könnte die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid zumindest eine Weile lang in einem gewissen Umfang eine Rolle spielen. Noch besser wäre es, wenn wir den Kohlenstoff gleich in neue relevante Produkte verwandeln könnten… Ins Holozän (vergangenes Zeitalter) kommen wir nicht mehr zurück. Aber wir können wenigstens dafür sorgen, dass die künftigen Klima-Schwankungen so gemäßigt ausfallen, dass wir damit klarkommen können.

Professor Reinhold Leinfelder

Professor Reinhold Leinfelder

Reinhold Leinfelder, „Was wir der Welt angetan haben“ (Auszug), SPIEGEL-Gespräch, Der Berliner Geologe Reinhold Leinfelder ist davon überzeugt, dass die Menschheit die Erde in ein neues geologisches Zeitalter gestürzt hat. Es hängt allein von uns ab, so der Forscher, ob wir das „Anthropozän“ überleben werden, DER SPIEGEL, Wissenschaft, 39/2016.

 

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#Gesundheit Teil 2: #Ernährung und Gesundheit

Gesunde Ernährung

Wer sich klug ernährt kann teilweise die gleichen positiven Effekte erzielen wie durch körperliche Aktivität. Bewegung verbessert das Gedächtnis – eine Kost mit viel pflanzlichen Anteilen und wenig Kalorien bewirkt das Gleiche. Kein Wunder, da beides im Denkorgan offenbar die gleichen Prozesse in Gang setzt: Die Neubildung von Nervenzellen, eine erhöhte Plastizität der Synapsen und eine verbesserte Blutversorgung. Und eine begrenzte Energieaufnahme, sprich weniger Kalorien, kann dem Vergreisen entgegenwirken und das Leben verlängern – genau wie körperliche Aktivität. Vieles spricht zudem dafür, dass es zu Synergieeffekten kommen kann. Das würde bedeuten: Menschen, die sich regelmäßig bewegen und sich richtig ernähren, haben den größten Nutzen. Beobachtungen an Rhesusaffen weisen die verminderte Kalorienaufnahme sogar als wahres Zaubermittel aus: Es verbessert den Zuckerstoffwechsel, unterdrückt Schäden an den Zellen, beugt Entzündungen vor und hilft gegen eine ganze Reihe von Erkrankungen – darunter Krebs, Diabetes Typ 2, Muskelschwund im Alter (Sarkopenie) und Arterienverkalkung.

Gesunde Ernährung

Gesunde Ernährung

Wer es schafft, regelmäßig 12 Stunden lang, besser noch 16 Stunden lang, nichts zu essen ( nur kalorienfreie Getränke sind erlaubt ) dem wird eine Wunderkur zuteil. Das jedenfalls legen Versuche an Mäusen nahe, denen Forscher eine üppige Kost vorsetzten. Jene Tiere, die rund um die Uhr fressen konnten, waren bald verfettet und leberkrank. Die Mäuse hingegen, die pro Tag höchstens acht Stunden lang futtern durften, nahmen zwar genauso viele Kalorien zu sich wie die 24-Stunden-Fresser – doch sie blieben gesund und wogen fast ein Drittel weniger. Fasten führt eben zu biochemischen Veränderungen, die auch bei der Heilkraft der Bewegung eine Rolle spielen. So wird auf die Zellen ein leichter Stress ausgeübt, was deren Widerstandskraft stärkt. Die Fettreserven werden angezapft, um Energie zu gewinnen. Das bringt den Stoffwechsel in Schwung und beugt Durchblutungs-Störungen und womöglich sogar Krebs vor. Das Fasten wie auch die Bewegung versetzen den Körper offenbar in eine Art Urzustand, auf den er aufgrund der Evolution gepolt ist. In der Steinzeit war es völlig normal, dass die Menschen sich jeden Tag bewegen mussten – und dass der Tisch nicht immer reich gedeckt war.

An Bewegungsreichtum und Nahrungsmangel ist der homo sapiens bis heute angepasst. Das Dasein in den Industriestaaten dagegen bereitet ihm gesundheitliche Probleme. Denn Überfressen und die sesshafte Lebensweise können das Risiko für Alzheimer und Parkinson, für Schlaganfall und Depression erhöhen. Auch wer dauerhaft Gewicht verlieren will, kommt nicht drumherum, seine Ernährung umzustellen. Am besten gelingt dies, indem man viel Obst und Gemüse verzehrt, nach dem Abendbrot auf Snacks verzichtet und die Kalorien zählt. Anstatt industriell hergestellte Produkte aus Zucker und Fett sollte man sich lieber echte Lebensmittel schmecken lassen.

Jörg Blech, Heilkraft des Fastens ( Auszug ), Medizin, Eine kluge Ernährung hilft, Krankheiten zu vermeiden und das Gedächtnis zu verbessern, DER SPIEGEL, 39/2016.


Leserbrief:

Aus falscher Ernährung ergeben sich mehr Hauptursachen für Fehlentwicklungen als durch Bewegungsmangel. E.D. München.

Leserbrief, DER SPIEGEL, 40/2016.

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#Gesundheit Teil 1: #Bewegung und Gesundheit

Der Mensch braucht regelmäßige Aktivität, um gesund leben zu können. Wichtig ist auch, dass wir uns beugen, bücken, dehnen, strecken, rekeln, rühren. Es erfüllt uns z.B. mit Glück, wenn wir beim Yoga Gelenke und Muskeln spüren. Bewegung kurbelt die Ausschüttung von Neurotransmittern an und läßt gute Gefühle entstehen. Deshalb hilft sie gegen Depressionen, Angststörungen und Stress. Nicht nur der aufrechte Gang, sondern auch die Fähigkeit, selbst in praller Sonne kilometerweit zu laufen, hat den Körper des Menschen im Laufe der Evolution geprägt. Mitglieder der Gattung Homo hetzten in Afrikas heißen Savannen Antilopen so lange, bis diese überhitzt zusammenbrachen. Dann töteten sie die wehrlosen Beutetiere. Der menschliche Körper ist eben für ein Repertoire unterschiedlicher Aktivitäten ausgelegt: Mache 10.000 Schritte pro Tag – und außerdem bück dich, dehn dich, streck dich!

Bewegung für die Gesundheit

Bewegung für die Gesundheit

Viele chronische, nicht ansteckende Krankheiten sind heute häufiger geworden und verlaufen schwerer, weil Menschen in der Evolution sich nicht daran anpassen konnten, fast immer körperlich inaktiv zu sein. Wenn wir jeden Tag eine Stunde spazieren gingen, wären wir viel seltener krank und würden – statistisch gesehen – sieben Jahre länger leben. Bewegung hält eben die Blutgefäße jung und schützt deshalb vor Herzinfarkt und Schlaganfall. Vom Kreislauf bis zu den Knochen alle Systeme sind betroffen, wenn man inaktiv wird. Bewegung dagegen hält Gelenke und Knochen in Schuss und beugt Rückenschmerz, Knochenbrüchen und Arthrose vor.

Ein typischer Patient von heute hat krankhaftes Übergewicht, Herzschwäche, Depressionen, Bluthochdruck, Verkalkung der Gefäße, Diabetes mellitus Typ 2, Gelenkschmerzen, Rückenweh oder Schlaflosigkeit. Und vielleicht noch einen „Handynacken“, vom Starren aufs Smartphone. Gegen jedes einzelne Symptom hält die pharmazeutische Industrie Medikamente vor – die nur allzu bereitwillig geschluckt werden. Doch genauso gut, wenn nicht oftmals sogar besser, würde Bewegung gegen diese Krankheitsanzeichen helfen. Wer Leib und Seele wieder in Schwung bringt, stellt im Grunde nur den Urzustand her, auf den er von Natur aus geeicht ist. Deshalb wirkt Bewegung wie Medizin. Sie löst in den Körperzellen eine Fülle von physiologischen Veränderungen aus, die heilsam sind. Aus diesem Grund beugt körperliche Aktivität nicht nur vielen Leiden vor, sondern kann sogar bereits ausgebrochene Erkrankungen verlangsamen oder umkehren.

Bewegung könnte auch bei Meniskusbeschwerden helfen. Menisken bestehen aus Knorpel und liegen im Kniegelenk zwischen den Gelenkflächen des Oberschenkelknochens und des Schienbeins. Insbesondere durch Sportunfälle und Fehlbelastungen kann das Material Risse bekommen – Ärzte greifen dann gern zur Operation. Sie schieben röhrenförmige Instrumente ins Knie und entfernen eingerissene oder kaputte Anteile des Meniskus. Ungefähr 300 von 100.000 Einwohnern in den Industrienationen lassen sich jedes Jahr operieren – diese Variante der Arthroskopie zählt damit zu den häufigsten Eingriffen überhaupt. – Studien aus Norwegen belegen: Die Bewegungstherapie hilft allerdings genauso gut gegen die Schmerzen wie die Arthroskopie.

Sich regen bringt Segen – das gilt augenscheinlich auch für das Herz. Ärzte vom Herzzentrum Leipzig ließen 40 Männer und Frauen, die unter schmerzhafter Herzenge litten, vier Wochen lang trainieren. Die Probanden waren daraufhin tatsächlich leistungsfähiger, sie nahmen mehr Sauerstoff auf, und ihr Herz wurde besser durchblutet. Die Existenz biologischer Bypässe sei damit bewiesen, wurde gesagt. Wenn Patienten trainierten, verbessere sich die Leistungsfähigkeit dieser Eigenbau-Arterien. Das ist quasi eine Selbstreparatur des Herzens.

Bewegung ist für einen normalen Zuckerstoff-Wechsel wichtig. Viele Bürger sind träge und nehmen große Mengen Zucker auf. Der Zuckerspiegel im Blut steigt und steigt. Die Bauchspeicheldrüse produziert größere Mengen des Hormons Insulin, damit etwa Leberzellen Glukose aus dem Blut aufnehmen. Nur: Die Zellen können resistent gegen Insulin werden. Die Betroffenen sind überzuckert und trinken große Mengen. Und sie scheiden ungewöhnlich große Mengen Harn aus, der Zucker enthält. Sie haben „honigsüßen Durchfluss“ – Diabetes mellitus Typ 2. Der viele Zucker schädigt die Nerven und die Gefäße. Das kann zur Erblindung, Nierenversagen und Amputationen von Zehen, Füßen oder Beinen führen. Es wäre klug, sich regelmäßig zu bewegen. Denn sobald die Muskeln aktiv sind, beginnen sie, den Zucker gleichsam aus dem Blut zu saugen und zu verbrennen. Moderates Training reicht aus, um diesen Mechanismus in Gang zu setzen. Wer jede Woche rund 18 Kilometer weit spazieren ging, der konnte seinen Blutzuckerspiegel merklich senken, wurde in Studien herausgefunden. Aktive Muskelzellen können der normalen Alterung ein Stück weit widerstehen, sie bleiben lange groß und kräftig.

Muskeln formen auch den Geist. Denn sie stellen bestimmte Botenstoffe her, die ins Gehirn gelangen und es verändern: Im Hippokampus werden neue Nervenzellen gebildet; bereits vorhandene Nervenzellen stellen untereinander zusätzliche Verbindungen her; der Spiegel an Neurotransmittern steigt. Dadurch wird das Denkorgan wehrhafter gegen Alzheimer und Depressionen. Wer aktiv lebt, der erhält sich ein flexibles Gehirn, das mit den Herausforderungen des Alterns besser umgehen kann.

Bei Krebs kann Bewegung ebenfalls wie ein Arzneimittel wirken. Forscher im US-Bundesstaat Maryland fanden heraus, wer jede Woche mindestens zwei Stunden spazieren geht oder joggte, der hatte ein um sieben Prozent geringeres Krebsrisiko als trägere Menschen. Der Schutzeffekt zeigte sich für 13 verschiedene Tumorerkrankungen, darunter Darm-, Brust-, Lungen-, Nieren-, Blasen- und Gebärmutterkrebs. Sogar bereits an Krebs erkrankte Menschen sollten versuchen, aktiv zu bleiben. Wer nach einer Brust- oder Darmkrebsdiagnose das Training aufnimmt, der verlängert epidemiologischen Studien zufolge sein Leben. Versuche an Tieren offenbarten, warum das so ist: Mäuse, die sich auf dem Laufrad austoben können, haben fünfmal mehr natürliche Killerzellen als träge Artgenossen. Offenbar helfen die Killerzellen, die zum Immunsystem gehören, Tumorzellen zu erkennen und abzutöten. Jedenfalls konnten sie experimentell herbeigeführte Krebsherde besonders gut bekämpfen.

Tanz für die Gesundheit

Tanz für die Gesundheit

Jörg Blech, Ära des Faultiers (Auszug), Medizin, Von Natur aus liebt der Mensch es bequem, doch zum Couchpotato vorm Fernseher hat die Evolution ihn auch nicht gemacht – er muss sich bewegen. Der Körper dankt es: Wer aktiv ist, kann Dutzende Leiden vermeiden. DER SPIEGEL, Wissenschaft, 39/2016, Seiten 98-107.


Leserbrief:

Als Symbiose aus Sport und Kunst fördert gerade das Tanzen mit seinen Bewegungsfolgen die körperliche Entspannung, setzt Endorphine frei, stärkt das Immunsystem, verringert das Demenzrisiko, steigert kognitive Fähigkeiten und trainiert die Muskeln. H.P. Berlin

Leserbrief, DER SPIEGEL, 40/2016.

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Arme #Sau, krankes #Huhn

pe001Wird eine Nutztier-Sau aggressiv – fängt sie an zu beißen, zu toben, zu treten, – kommt sie sofort zum Schlachter. Widerborstigkeit soll nicht weiter vererbt werden, das würde die Stallabläufe stören. Die moderne Sau muss duldsam sein. Nie im Leben verspürt sie natürlichen Boden unter den Klauen, nur selten sieht sie Tageslicht, und nie wird sie erfahren, wie sich ein Schweinsgalopp anfühlt, bei dem die Ohren fliegen. Um die eingekerkerten Sauen leben ihre Ferkel, zehn bis zwölf meist. Sie kommen an die Zitzen ihrer Mutter, können sich durch das Gitter hindurch aber nicht an ihr wärmen. Sie kauern unter Rotlichtlampen. Gerade geboren, lernen sie den Schmerz kennen. Mit einem glühenden Schneidegerät wird ihnen der Ringelschwanz abgetrennt, dann werden ihnen die Mäuler aufgezwängt und die noch winzigen Eckzähnchen abgeschliffen… Alles ohne Betäubung.

Die Bauern wüssten seit Langem, was faul sei in den Ställen, sagt Matthias Wolfschmidt, der Geschäftsführer bei der Verbraucher-Organisation Foodwatch. Er erinnert sich, dass schon in seiner Studienzeit in den Achtzigern offen über die sogenannten Produktions-Krankheiten der Nutztiere gesprochen wurde. Krankheiten, die durch nicht tiergerechte Haltung, Überzüchtung und Überforderung der Tiere entstehen. Nun hat der Tierarzt ein aufrüttelndes Buch geschrieben. „Das Schweinesystem: Wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Verbraucher getäuscht werden“*. Darin räumt Wolfschmidt auf mit der Mär, dass nur ein gesundes Tier Leistung bringe. „Viele Produkte, die wir essen, stammen von kranken Tieren“, sagt er. Sie sind das Resultat einer gnadenlosen Tierqual-Ökonomie. Kühe beispielsweise geben alles, um Milch für ihr Kalb zu produzieren. Zu diesem Zweck aktivieren sie nach dem Gebären ihre letzten Energiereserven. In der Hochleistungs-Produktion haben sie allerdings kaum Zeit, sich davon zu erholen, und geraten innerhalb weniger Jahre an den Rand der Erschöpfung. Dann fällt die Leistung, die Fruchtbarkeit nimmt ab… Kuh lohnt sich nicht mehr. Im Alter von durchschnittlich fünfeinhalb Jahren kommt das Tier, das eigentlich 20 Jahre alt werden kann, zum Schlachter.

Auch in der Schweinehaltung gilt, dass vieles, was so lecker in den Fleischtheken ausliegt, von kranken gequälten Kreaturen stammt.

Es ist ein Bild des Jammers, das Huhn als einen Rohstofflieferanten zu sehen. Die meisten schaffen es nur Dank Antibiotika überhaupt zu überleben. Sie haben Geschwüre an Brust und Füßen. Sie leiden unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, an Herz- und Leberschäden. „Gezüchtete Krüppel“ nennt der Tierschutzbund die Hähnchen und Puten, die sauber eingepackt im Superregal locken. Ihr elendes Leben bringt dem Mäster am Ende sechs Cent Gewinn. – Die Legehennen haben es auch nicht besser erwischt. Sie enden nach über 300 Eiern und 15 Monaten Lebenszeit als ausgelaugtes Suppenhuhn. Für die Eierschalen ziehen sie Kalzium aus dem Körper, was ihre Knochen so zerbrechlich macht wie Glas. In Bodenhaltung sterben zehn bis zwölf Prozent der Hühner bereits im Stall, so die Untersuchung mehrerer Universitäten von 2010 bis 2012.

Ein echtes Potenzial, die Gesundheit und Haltung der Tiere zu verbessern hätte die Initiative Tierwohl. Der Einzelhandel, aufgeschreckt von der sinkenden Akzeptanz seiner tierischen Produkte, bot erstmals in der Geschichte den Bauern Geld für eine bessere Tierhaltung an. Ausgerechnet die Lidls und Aldis, Rewes und Edekas, Nettos, Pennys und wie sie alle heißen, die unablässig die Preise für Agrarprodukte drücken, wollten auf einmal Geld für tiergerechte Haltung ausgeben.

Das entscheidene Kriterium dürfte nicht der weiche Begriff „Tierwohl“ sein, sondern die Tiergesundheit, schlägt Wolfschmidt vor. Die Zahlen werden bereits dokumentiert, denn die Schlachthöfe führen Buch über kaputte Schweinelungen, entzündete Rindermägen, kranke Euter, infizierte Hühnerkrallen. Sie sehen an den Organen der Tiere, wie diese gehalten wurden… Für den Verbraucher würde eine bessere Tiergesundheit bedeuten: Der Preis für tierische Produkte steigt. Im Gegenzug könnten sie guten Gewissens genießen. Dafür, dass sich auch arme Menschen Fleisch leisten können, muss die Sozialpolitik sorgen, nicht die Agrarpolitik. Der Hartz-4-Regelsatz müsste dann entsprechend angehoben werden.

Den Nutztieren ein akzeptables Leben und einen schmerzlosen Tod zu bieten, ist das Mindeste, was man ihnen schuldet.

*Matthias Wolfschmidt: „Das Schweinesystem, wie Tiere gequält, Bauern in den Ruin getrieben und Vebraucher getäuscht werden“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 240 Seiten; 16,99 Euro. Erscheint am 23. September.

Michaela Schießl, Die Trauer der Schweine (Auszug), Landwirtschaft, Tierwohl ist in aller Munde, doch was wir essen stammt oft von kranken Rindern, Schweinen Puten und Hühnern. Die Politik kennt die Zustände – und verweigert die längst überfällige Wende in der Nutztierhaltung, DER SPIEGEL, Wirtschaft, 38/2016

 

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